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Fjordnorwegen:Klippfisch und Jugendstil

Die Küste zwischen Ålesund und Kristiansund besticht durch faszinierende Landschaften, feine Meeresküche und die Gelassenheit seiner Bewohner.

Kapitän Ole Jørgen Wirum bleibt entspannt und startet den zigsten Versuch, beide Motoren seines inzwischen etwas betagten Katamarans in Bewegung zu setzen. Die MS Sunnmørigen dümpelt derweil relativ orientierungslos im Hafenbecken von Kristiansund. "Det ordner seg!" - Die typische norwegische Redewendung, dass "sich alles regeln wird", flüstert er schmallippig vor sich hin. An diesem Samstag haben sich überraschend viele Einheimische und Touristen am Kai eingefunden, um dem kleinen Eiland Grip einen Besuch abzustatten, einem seit 1974 nur noch im Sommer bewohnten Außenposten vor den Toren der Stadt. An anderen Tagen reicht für diese Tour oft seine Yacht aus, doch heute muss nach längerer Pause die Sunnmørigen ihren Dienst aufnehmen. Und wie erwartet, regelt es sich. Eine gute Dreiviertelstunde später legt der Katamaran am Kai von Grip an. In den Tendern aus Lastwagenreifen haben sich längst Möwen ihre Nester gebaut und müssen nun beunruhigt das Gelege zurücklassen. "Nei til EU!" - nein zur EU - prangt als harter, aber herzlicher Willkommensgruß in ochsenblutroten Lettern an der Tür eines Fischerschuppens. Die norwegische Flagge, die neben der großen Wäsche im Wind flattert, bekräftigt die Ablehnung. Nebenan filetiert ein Fischer stoisch seinen Fang, Möwen warten beharrlich auf ihren Anteil. Von der kleinen Nachbarinsel Bratthårskollen grüßt "Grip fyr", der 1888 erbaute, gusseiserne und mit 44 Metern zweithöchste Leuchtturm des Landes.

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Klippfischauflauf: Norwegens Küche ist einfach, aber nicht einfallslos.

(Foto: Jimmy Linus)

Die aus 82 kleinen Felsen und Inseln bestehende Gemeinde Grip präsentiert sich als raues, doch äußerst authentisches Stück Fjordnorwegen. Ein Stück Land im Nordmeer, auf dessen Existenz und Geschichte die Sommerbewohner stolz sind. Dazu zählt auch Hilde Habjørg, die in der alten Dorfschule eine kleine Unterkunft und die örtliche Post betreibt. Besuchern serviert sie Kaffee und hausgemachte Waffeln - und eben auch eine urige Bleibe. Direkt neben der 1470 erbauten Stabkirche der Insel, dem einzigen Gebäude auf Gripholmen, das nie durch Winterstürme zerstört wurde, sind soeben Grethe Brune Pedersen und Schwester Marit Bjørdal samt ihren Ehemännern sowie Pudel Timothy eingezogen. Jedes Jahr verbringen die Ehepaare einen großen Teil ihres Sommerurlaubs im Geburtshaus der Eltern, des Schiffsexpediteurs und Lotsen Oluf Dahle und seiner Frau Olava Marie. "Es ist eine lieb gewonnene Tradition geworden, das Elternhaus als Urlaubsdomizil zu nutzen.", erklärt Grethe. "Zu Hochzeiten des Fischfangs und der Klippfischverarbeitung Anfang des 20. Jahrhunderts lebten bis zu 600 Fischer mit ihren Familien auf der Insel. Doch nach und nach gingen die Fänge zurück, das Leben wurde besonders im Winter zunehmend härter." 1935 habe es dann auch für die Eltern nicht mehr gereicht, sie zogen aufs Festland, um sich eine neue Existenz aufzubauen. 1974 verließen in Hildur und Kaspar Larsen die letzten Ganzjahres-Einwohner Gripholmen. Standhaft blieb nur die Stabkirche, stets geschützt von den Fischerhäuschen, die sie noch heute umgeben.

Ålesund ist berühmt für seine Altstadt, die nach einem Brand im Jahr 1904 neu gebaut wurde. Das Bild zeigt eine Wasserspiegelung.

(Foto: Lutz Stickeln)

Ihrem alten Job in einer renommierten Hotelküche haben Stian Rødsand und Olav Jørgensen "Adjø" gesagt. In der "Smia", der denkmalgeschützten Schmiede von Kristiansund, haben sie ihre berufliche Erfüllung als Restaurantbetreiber gefunden. Seit mehr als 20 Jahren ist die Smia schon Fischrestaurant, seit einem guten halben Jahr unter der Führung von Stian und Olav. Ihre Spezialitäten kommen frisch aus den Tiefen der vorgelagerten Norwegischen See. Neben dem Fischeintopf Bacalao aus getrocknetem Klippfisch aus heimischen Gewässern genießen ihre "norwegischen Tapas" guten Ruf: Dorschknödel mit Speck, Fischküchlein aus Schellfisch und Pollack sowie die für Nicht-Norweger umstrittenen Walfrikadellen - aus nicht bedrohten Arten, wie die beiden beteuern. Eine weitere Besonderheit: "Unsere Kellner müssen all das, was sie servieren, auch selbst kochen können", erklärt Stian. Denn nur so könnten sie den Gast perfekt beraten.

Ein Augenschmaus bietet sich südlich von Kristiansund auf dem Weg nach Molde. Auf der norwegischen Landschaftsroute "Atlantikstraße" (Atlanterhavsvegen) reihen sich zwischen Averøy und Bud atemberaubende Ausblicke aneinander: Über sieben kleinere und größere Brücken schlängelt sich der Weg von Holm zu Holm, der den Betrachter bei sommerlichem Schönwetter wie auch bei Winterstürmen in seinen Bann zieht. Am nördlichen Ende der Strecke liegt die Insel Geitøya, von der man sich mit einem alten Nordlandboot auf den ehemaligen Handelsplatz Håholmen bringen lassen kann. Mit Blick auf die spektakuläre Brücke Storseisundbrua ist man hier in der langjährigen Heimat des norwegischen Abenteurers und Autors Ragnar Thorseth, der beispielsweise den eigenen Nachbau des Wikingerschiffes Skuldelev, die Saga Siglar, so gut im Griff hatte, dass er damit in den Jahren 1985 bis 1987 die Welt umsegelte.

Beim alten Leuchtturm von Runde fanden Taucher einen Goldschatz aus dem Jahr 1725

Jugendstil und Salzgeschmack vereinen sich schließlich in Ålesund zu einem Erlebnis der besonderen Art. Um eine "alte" neue Attraktion reicher geworden ist die Stadt, die 1904 nach einem verheerenden Brand im Jugendstil neu errichtet wurde, mit der restaurierten Treppe zwischen Aussichtsberg Aksla und dem Zentrum. 418 Stufen gilt es zu erklimmen. Gut, dass mit der gläsernen "Stadtrampe" (Byrampen) und dem "Bügeleisen" (Strykejernet) zwei zusätzliche Aussichtspunkte für eine Ruhepause eingeplant wurden. Vom Aksla selbst geht der Blick über die Bergkette der Sunnmørsalpen bis weit hinaus aufs Meer, wo die berühmte Vogelinsel Runde liegt. Ein rasanter Wellenritt auf einem Powerboot bringt nicht nur Bird Watcher in ein Naturparadies, in dem Abertausende Seevögel wie Papageientaucher, Tordalken, Kormorane, Basstölpel, Seeadler und Seehunde leben. Auch Historisches gibt es auf dem Meeresrodeo zu erfahren. So berichtet Tourguide Kim Engeset von einem Schatz im Bauch des niederländischen Ostindien-Seglers Akerendam, der 1725 nahe beim alten Leuchtturm von Runde gesunken ist. 1972 fanden ein norwegischer und zwei schwedische Taucher dort Gold- und Silbermünzen von ungeheurem Wert. Die Frau des norwegischen Tauchers, eine Anwältin, fand heraus, dass ihnen drei Viertel der insgesamt 560 Kilogramm Gold- und Silbermünzen zustanden. Noch heute entdecken Taucher hie und da Münzen am Meeresboden, von denen der "wilde Kim" einige lächelnd aus der Tasche zaubert, bevor er mit festem Griff am Gasknüppel Richtung Ålesund zurückbrettert.

© SZ vom 07.11.2015
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