Firmen Im Innovationslabor

Ob fahrerlose U-Bahn oder Rasensprenkler beim FC Nürnberg: Die Metropolregion Nürnberg spielt beim digitalen Wandel schon lange ganz vorne mit.

Von Claudia Henzler

Fahrerlose U-Bahn

Auf zwei Linien des Nürnberger U-Bahn-Netzes bewegen sich die Züge wie von Geisterhand. Schon vor zehn Jahren wurde die selbstfahrende U-Bahn eingeführt - in den neueren Zügen findet man deshalb schon gar keinen Führerstand mehr. Die Reisenden können selbst ganz vorne stehen und durchs Panoramafenster die Einfahrt in den nächsten Bahnhof beobachten. Die Züge werden nicht ferngesteuert, sondern fahren dank eines Computersystems vollautomatisch. In der Schaltzentrale der Nürnberger Verkehrsgesellschaft VAG sitzen Mitarbeiter, die alles überwachen und bei Bedarf eingreifen können. 115 Millionen Euro haben Fahrzeuge und Automatisierungstechnik beim Start des Pilotprojekts gekostet, was sich die Stadt Nürnberg ohne hohe staatliche Zuschüsse nicht hätte leisten können. Die Technik kommt von Siemens, das damals mit dem Projekt Neuland betrat. Denn Nürnberg war die erste Stadt, die am Gleis auf Absperrwände mit automatischen Türen verzichtete. Das offene System hat Siemens später auch in anderen europäischen Städten installiert.

Roboter bauen Turnschuhe.

(Foto: oh)

Adidas Speedfactory

Jahrzehntelang ließ der Sportartikelkonzern Adidas seine Turnschuhe fast ausschließlich in den Billigländern Asiens produzieren. Seit 2017 werden sie auch wieder in der Metropolregion Nürnberg gefertigt, nämlich im Industriegebiet von Brodswinden, einem Ortsteil von Ansbach. Zusammen mit der fränkischen Technologiefirma Oechsler hat das Sportunternehmen dort eine Fabrik eröffnet, die Adidas selbst "Speedfactory" nennt und in der hauptsächlich Roboter Turnschuhe zusammenbauen. Inzwischen hat in Atlanta, USA, eine zweite Speedfactory die Produktion aufgenommen. In jeder sind laut Firmenzentrale etwa 160 neue Arbeitsplätze entstanden, darunter viele IT- und Wartungsspezialisten. Mittelfristiges Ziel sei, an jedem Standort jährlich 500 000 Paar Schuhe zu fertigen, was weiterhin nur einen Bruchteil der Gesamtproduktion ausmachen wird. Mit dem neuen Konzept will das im fränkischen Herzogenaurach ansässige Unternehmen schneller auf Trends in einzelnen Marktsegmenten reagieren. Denn bisher vergeht von der Idee bis zur Lieferung aus Asien oft mehr als ein Jahr. In Ansbach werden Laufschuhe hergestellt, die laut Adidas zusammen mit "Running-Influencern" speziell für die Verhältnisse in einzelnen Metropolen entwickelt wurden, etwa das Modell "Made for London".

MP3-Format

Erlanger Forscher haben indirekt am Niedergang der Plattenindustrie mitgewirkt, denn in der Universitätsstadt wurde das kompakte Audioformat MP3 entwickelt. Die Idee zu dem Speicherplatz sparenden Verfahren ist in den späten Achtzigerjahren an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg entstanden und in Zusammenarbeit mit dem benachbarten Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) entwickelt worden. Heute werden beim Streaming von Filmen oder Radiosendungen andere, noch effizientere Codierungsverfahren verwendet. Einige von ihnen hat das Fraunhofer-Institut mitentwickelt.

Virtueller Siemens-Campus

Im Großraum Nürnberg arbeiten etwa 40 000 Menschen bei Siemens, allein 23 000 in Erlangen. Im Süden der Stadt entsteht zurzeit der Siemens-Campus, ein neuer, mehr als 75 Fußballfelder großer Stadtteil, in dem die bisher verstreuten Verwaltungs- und Entwicklungseinheiten zusammengefasst werden. Neben Büros, Laboren und Werkstätten sind dort auch Wohnungen geplant. Dabei wird - laut Siemens zum ersten Mal bei solch einem großen Projekt - eine Software für das sogenannte Building Information Modeling (BIM) eingesetzt. Sie schafft virtuelle 3-D-Modelle, mit denen man zum Beispiel Kollisionen von Rohren und Kabeltrassen erkennen und vermeiden kann. Später liefert BIM Daten, um die Gebäude effizient bewirtschaften zu können. Der erste Bauabschnitt soll 2020 fertig sein, in der Siemens Campus-App ist ein virtueller Rundgang schon jetzt möglich. Die Digitalisierung spielt inzwischen in allen Geschäftsbereichen des unübersichtlichen Konzerns eine Rolle. Ein Vorzeigeprojekt ist Mindsphere, ein von Siemens entwickeltes, offenes Betriebssystem für das sogenannte Internet der Dinge, mit dem Kunden große Datenmengen in einer Cloud speichern und auswerten können. Diese Verarbeitung von Big Data kann auch durchaus profane Anwendungen haben: Der FC Bayern überwacht und bewässert mithilfe von Mindsphere seinen Rasen.

1. FC Nürnberg

Sogar beim 1. FC Nürnberg (FCN) hat künstliche Intelligenz Einzug gehalten. Zwar wurden die Spieler nicht durch Roboter ersetzt, aber ihre Leistungen und Gesundheitsdaten werden digital erfasst. Wie schon der Deutsche Fußball-Bund (DFB) setzt der FCN auf das Programm Sports One des baden-württembergischen Softwareunternehmens SAP. Mit ihm können Daten aus verschiedenen Quellen zusammengeführt und zum Beispiel Laufwege und Ballführung analysiert werden. Manche glauben sogar, dass dem Club auch deshalb der Wiederaufstieg gelang.

Testlabor für Industrie 4.0

Mit dem Begriff Industrie 4.0 ist die Vernetzung von Maschinen in der Industrie mithilfe digitaler Technik gemeint: Fahrerlose Gabelstapler legen Waren in Hochregalen ab, intelligente Maschinen koordinieren Produktionsprozesse. Kleine und mittelständische Unternehmen fühlen sich von solch einer digitalen Transformation oft überfordert. An sie wendet sich das neue Innovationslabor, welches das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen (IIS) vor wenigen Tagen im Nürnberger Nordostpark eröffnet hat. Es ist als Testumfeld vor allem für Unternehmen aus Industrie, Logistik, Sicherheit und Mobilität gedacht.