Tourismus:Erholung muss sein

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Tourismus: Sonne pur am Kovalam-Strand in Südwestindien: Die Deutschen zieht es wieder in die Ferne.

Sonne pur am Kovalam-Strand in Südwestindien: Die Deutschen zieht es wieder in die Ferne.

(Foto: Arun Sankar/AFP)

Fernreisen sind teurer geworden, die Buchungszahlen gehen trotzdem nach oben. Viele Corona-Beschränkungen gelten nicht mehr, aber ob der Urlaub wirklich so schön wird wie erwartet, hängt von anderen Faktoren ab.

Von David Pfeifer, Bangkok

Sand, Palmen, Sonnenschein - das ist nicht nur ein Traum, sondern auch eine Ware. Und als solche ist die Fernreise in eine Krise geraten, als die Pandemie die Welt auf Zahlen reduzierte: Inzidenzen, Reproduktionswerte und Neuinfektionen. Nach Vietnam, Bali oder Australien konnte man gar nicht mehr reisen. Wer nach Thailand wollte, brauchte gute Nerven, Indien-Reisende galten als Hasardeure. Die Besserverdiener blieben also zu Hause, ließen sich eine neue Küche einbauen - oder sparten.

Doch nun, wo der dritte Pandemie-Winter kommt, mit hohen Ansteckungszahlen, Heizkosten und Kriegsangst, planen wieder mehr Reiselustige ihren Trip ins Warme, um der äußeren und vielleicht auch der inneren Kälte zu entkommen. Daher ist um den Rohstoff "Touristen" ein Wettbewerb ausgebrochen, immer weniger Hürden muss man überwinden, wenn man nach Südostasien reisen möchte, meistens reicht ein Impfpass. Im Mai 2022 veröffentlichte die Asiatische Entwicklungsbank eine Schätzung, der zufolge die Reisebranche in Vietnam, Singapur und Malaysia jeweils rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts und in Thailand, Kambodscha und auf den Philippinen sogar zwischen 20 bis 25 Prozent ausmacht.

So sprang auch die Nachricht des Deutschen Reiseverbands (DRV), der am Mittwoch meldete, dass die touristischen Buchungen für den Winter 2022/2023 deutlich über denen des Vorjahres lägen, rasch in die Region über. Laut dem Flugdaten-Analyse-Unternehmen Cirium haben die Flüge nach Singapur, Thailand und Malaysia bereits im Sommer wieder vorpandemisches Niveau erreicht - und das bei gestiegenen Preisen. Tickets waren in Deutschland laut Statistischem Bundesamt im Reisemonat August im Schnitt um bis zu 12,5 Prozent teurer im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings sind die sogenannten Snowbirds, die sich schon früher ein paar Wochen Sommer im Winter leisten konnten, nun genau die Zielgruppe, die auch ein wenig mehr Geld ausgeben kann.

In diesem Zusammenhang wird seit vergangenem Jahr von "Revenge Tourism" gesprochen - Reisen als Rache. Nur: Rache an was? An China, wo der Schlamassel seinen Ursprung nahm und wo die Menschen aber weiterhin kaum reisen können, weil die Rückreisequarantäne nach wie vor mühsam ist? An Russland, woher wenige Touristen kommen, weil das Bezahlen mit Rubel mühsam geworden ist? Vielleicht ist mit dem Begriff eher ein Zurückholen gemeint: von Erlebnissen und Entspannung. Ob das allerdings funktioniert, hängt auch von einem neuen postpandemischen Fachbegriff ab: der "Great Resignation" - der großen Kündigungswelle, die auch Südostasien erfasst hat.

Alleine in der Luftfahrtindustrie gab es Ende 2021 etwa 50 Prozent weniger Arbeitsplätze als vor 2019. Millionen von Arbeitskräften in der Tourismusbranche sind aus dem Niedriglohnsektor abgewandert, die Zimmermädchen und T-Shirt-Verkäufer, die Barfrauen und Masseure. Teilweise sind sie zu ihren Familien aufs Land zurückgezogen, wo sie abwarten, ob die wirtschaftliche Erholung von Dauer ist. Und leben dort gar nicht so schlecht, im Vergleich zu Manila, Mumbai oder Bangkok, wo man an den Touristen oft nicht viel mehr verdient, als man zum Überleben braucht. Vielleicht ist das also die wahre Rache: nicht mehr im Tourismus zu arbeiten.

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