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Feiern in Austin, USA:Teufel, Bier und coole Hühner

Es muss nicht immer Rodeo sein: In Texas tobt die Masse auch beim Chicken Bingo.

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Quelle: Jörg Buschmann

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Es muss nicht immer Rodeo sein: In Texas tobt die Masse auch beim Chicken Bingo. Eine Bilderreise von Harald Hordych und Jörg Buschmann

Ein herrlicher Tag in Austin, der Hauptstadt von Texas. Ginny's Little Longhorn Saloon liegt abseits der Innenstadt, irgendwo an einer Ausfallstraße, in den Randgebieten zwischen Tankstellen und Supermärkten. Eine lange flache Baracke, die frische weiße Farbe leuchtet so stark, als sei sie erst vor Stunden aufgetragen worden. Eine schmale rote Holztür führt den Besucher aus dem strahlendsten Sonnenschein in eine dunkle, langgezogene, spärlich beleuchtete Kneipe.

Es ist Sonntagmittag, und die Bude platzt aus allen Nähten. Aber sie ist nicht nur voll mit Frauen und Männern jeden Alters und Cowboyhüten jeder Größe. Ginny's Little Longhorn Saloon ist auch mit Tönen einer Band vollgestopft, die hier irgendwo im Raum sein muss, irgendwo am anderen Ende des Schlauchs. Was man aber zuerst sieht, ist ein Käfig gleich am Eingang, in dem ein Huhn sich von alledem so unbeeindruckt zeigt, wie das wohl nur Hühner können.

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Ginny ist die Chefin. Sie ist mindestens 80 Jahre alt. Kurzes, strubbeliges weißes Haar, Jeans, ein weißes Schlabber-T-Shirt senkt sich gnädig über ihre weiten Hüften. Im Minutentakt reicht sie Bierflaschen der Marke Lone Star über die Theke. Wer bedient wird, schmeißt sofort wie ein Trinkgeldautomat Ein-Dollar-Scheine in große Einmachgläser. Am Ende des Raums tragen The Famous Dale Watson and his Lone Stars mit dem Teufel und dem Gott des Rock'n'Roll ein Wettrennen aus. Mit überhöhter Geschwindigkeit rast die Vier-Mann-Band in ihrer winzigen, mit Musiker-Fotos vollgehängten Ecke durch Zeit und Raum von Country, Folk und Hillbilly.

SZ Grafik

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Wie kann es auch anders sein? In Austin, das gern mit dem Slogan "US-Hauptstadt der Musik" wirbt, gehen an jedem Wochenende freitags und samstags jeweils 200 Live-Konzerte über die Bühne.

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Dale Watson - der Held des Alternativ Country, der Mann mit der silbernen Tolle und jeder Menge Tattoos auf den Unterarmen -, singt wie Johnny Cash und spielt die Gitarre wie Buddy Holly. In den Little Longhorn Saloon kommt man schwer rein, aber wenn man einmal drin ist, noch schwerer wieder raus. Weil man einfach nicht mehr gehen möchte. Die irrwitzig schnelle, zwischen fröhlich und wahnsinnig hin- und herklirrende Musik, die Enge, die Hüte, die überall leuchtenden Bier-Neons - das ist ein idealer Ort für Menschen, die das stimmungsvolle Gedränge lieben und liebend gern zu seiner Erzeugung beitragen. Aber es ist bestimmt kein Ort für Hühner, möchte man meinen.

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Und doch, alle machen hier mit beim Chicken Bingo. Denn mittlerweile läuft die nächste Runde. Immer mehr Menschen wenden sich von der dahinrasenden Band ab und scharen sich gebannt wie Farmer bei der Landwirtschaftsausstellung um den vielleicht zwei Quadratmeter großen Käfig. Auf die Holzbretter ist ein Netz gezeichnet, die Rechtecke sind durchnummeriert. Viele rufen dem Huhn Anweisungen zu, ermuntern es, fordern es auf, endlich zur Sache zu kommen. Das Huhn bewegt den Kopf, wie es Hühner nun mal tun, dann stolziert es weiter. Wieder bleibt es stehen, schaut mit ruckendem Kopf in die Runde und kackt recht unvermittelt auf den Boden. Yeaaaaaah!, schreit die ganze Meute, der Raum bebt, die Musik bricht ab und eine Zahl wird von Ohr zu Ohr, von Hut zu Hut geschrien: fortyseven!

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Fortyseven, das macht im Little Longhorn Saloon: 114 Dollar bei zwei Dollar Wetteinsatz bei 57 Feldern. Dann schrammelt die Musik sofort wieder los. Diese Band lässt keine Chance zum Atemschöpfen. Dale Watson treibt seine Gemeinde wie ein irre lachender Prediger vor sich her. Bis zur Pause. Dann ertönt plötzlich eine freundlich-sonore Stimme wie beim Seniorenball.

Dale Watson, der sympathische 50-Jährige, verkündet den Namen des Siegers und bittet ihn zu sich in die Ecke. Händeschütteln, Lächeln, take care! Und dann schnellt die Musik wieder hoch. Die neuen Wetten laufen. Und die Leute mit den großen Hüten bestellen sich die nächste Runde Lone Star, während dem Huhn das alles scheißegal ist.

© SZ vom 5.1.2011/kaeb
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