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Federico Fellini:Flaschenpost in die Provinz

Federico Fellini wurde 1920 in Rimini geboren und kehrte später nur als Gast zurück. In seinem mit dem Oscar ausgezeichneten Film "Amarcord" setzt der Regisseur seiner Heimat ein zwiespältiges Denkmal.

Von Fritz Göttler

Ein majestätischer Anblick, fürwahr, für den sie alle zum Hafen gekommen sind beim roten Sonnenuntergang, die Einwohner von Rimini. Ein Volksereignis, wie eine Sonnenfinsternis oder wenn ein Komet über den Himmel zieht. Nach langem Warten kommt sie dann heran gefahren, die Rex , der neue Luxusdampfer auf seiner Jungfernfahrt. "Der riesige Dampfer, mit Lichtern übersät, gleitet an ihnen vorbei wie ein Märchentraum", notiert Federico Fellini im Treatment zu seinem Film "Amarcord" 1973. "Droben in der Höhe sieht man Menschen, Gestalten in Abendkleidern, die nach unten schauen. Irgend jemand ruft einen Gruß. Man hört Musik - die Herrschaften tanzen. Tittas Vater hat sich im Ruderboot aufgestellt, nimmt seinen Hut zu einem Gruß ab und steht bewegungslos da, ergriffen von dieser Vision von Macht. Die Gradisca weint . . ." Erst als der Dampfer in der Ferne wieder am Verschwinden ist, erreichen seine Heckwellen die Küste.

Die Vorbeifahrt der Rex ist einer der magischen Momente in "Amarcord", es ist einer der schönsten der Filmgeschichte überhaupt. Der Film ist Fellinis Geburtsstadt Rimini gewidmet, der Junge Titta ist die Hauptfigur, seine Erfahrungen mit dem Faschismus und mit den Frauen, an der Spitze die Stadtschönheit Gradisca, der er sich zu nähern versucht - in einem Kino natürlich. Für den Film bekam Fellini einen Oscar, seinen vierten, nach "La Strada", "Die Nächte der Cabiria", "Achteinhalb". Und dann noch einen fürs Lebenswerk, kurz vor seinem Tod im Jahr 1993.

"Il Borgo" sollte der Film heißen, damit war das Viertel San Giuliano in Rimini gemeint, dessen Atmosphäre in allen möglichen Winkeln seiner Filme zu spüren ist. Schon "I Vitelloni", 1953, folgt einer Gruppe Jugendlicher, deren Leben in Rimini keine eigene Perspektive kennt, vom Stress des Nichtstuns bestimmt ist - das wirkliche Leben scheint immer anderswo zu sein. "Amarcord" bedeutet, 20 Jahre später, im lokalen Dialekt "Ich erinnere mich".

Mit 19 hat Fellini Rimini verlassen, ging nach Rom, zum Film. An Rimini erinnert er sich in all seiner Widersprüchlichkeit, kleingeistig, schäbig, spießig, grotesk. "Rimini: ein Wort mit lauter vertikalen Strichen, kleinen Soldaten in einer Reihe. Ich kann nicht objektiv sein. Rimini ist ein verwickelter, beängstigender, zärtlicher Mischmasch mit großem Atem, mit der weiten Öffnung des Meers." Immer wieder kehrte er nach Rimini zurück, aber gedreht hat er keine einzige Szene dort. Natürlich ist er in Rimini begraben, neben seiner Frau Giulietta Masina.

Fellinis Geist ist allgegenwärtig in Rimini, auf Wandgemälden an den Häusern mit Szenen aus seinen Filmen, wie den berühmten Fontana-di-Trevi-Kuss von Anita Ekberg und Marcello Mastroianni in "La Dolce Vita". Um Fellinis hundertsten Geburtstag zu feiern im Januar 2020, wurde das Kino Fulgor glanzvoll restauriert, vom legendären Filmausstatter Dante Ferretti. Im Fulgor hat Fellini seinen allerersten Film gesehen, "Maciste in der Unterwelt". Das Kino soll Teil eines Fellini Museums werden, zusammen mit dem Castel Sismondo. In den Straßen der Stadt sollen die Dekorbauten, die für "Amarcord" konstruiert wurden, auftauchen. Ein toller Fellini-Verdoppelungseffekt, typisch für seinen phantasmagorischen Realismus.

Bei seinen Exkursionen zurück nach Rimini hat Fellini natürlich im Grand Hotel logiert - als Junge war er immer an den Zaun gekommen und hatte auf der Terrasse dort einen ersten Eindruck des "Dolce Vita" bekommen, jener Mischung aus mondäner Eleganz, Blasiertheit und Verführung, "das Märchen des Reichtums, des Luxus, des orientalischen Prunks". Er hat im Grand Hotel immer wieder die Menschen beobachtet und skizziert, prächtige Typen, die dann in vielen seiner Filme wieder auftauchen. Das prachtvolle "Buch der Träume" ist ein unerschöpfliches Reservoir für Fellini-Filme, die nie gedreht wurden. Im Grand Hotel hat Fellini auch den Schlaganfall erlitten, an dessen Folgen er dann im Krankenhaus in Rom starb im Jahr 1993.

Große Kunst

Das Fellini-Museum ist noch im Werden. Doch ein anderes ist bereits im September eröffnet worden: die Palazzi dell'Arte Rimini, kurz Part, an der Piazza Cavour. Die beiden Gebäude aus dem 13. und 14. Jahrhundert bieten einen perfekten Rahmen für zeitgenössische Kunst, darunter Werke von Julian Schnabel oder Vanessa Beecroft sowie von italienischen Künstlern wie Luca Pignatelli oder Michelangelo Pistoletto. Die beachtliche Sammlung wird von der Fondazione San Patrignano zur Verfügung gestellt; sie besteht aus Schenkungen von Privatpersonen wie Künstlern und Galeristen, die damit den Betrieb von San Patrignano unterstützen wollen, einer Institution, die sich seit Jahrzehnten um die Rehabilitierung von Suchtkranken kümmert. (www.palazziarterimini.it)

Zu Rimini, zur Provinz hat Fellini ein gespaltenes Verhältnis. "Sein Ehrgeiz ist es, stets Kind zu bleiben", beobachtet er am Provinzler. Er bleibt auf Distanz, zeichnet ihn sarkastisch. Doch immer wird die Herablassung ihnen gegenüber gebremst durch verständnisvolle Liebe. Vielleicht, sagt er, "ist Provinzialismus nur, sich einzubilden, alles Wichtige passiert nur an Orten von New York an aufwärts. ,Amarcord' wird ein wenig die Bedeutung einer Flaschenpost haben, etwas wie die letzten Herzschläge einer Vernunft, einer freundlichen Vernunft, bevor die Katastrophe eintritt". Die Provinz ist ein universeller Ort, metaphysischer Art. Rimini ist überall. "Das borgo von ,Amarcord' ist nicht Rimini. Ich bin nur zufällig Romagnolo und halte mich selbst für völlig römisch."

Der majestätische Moment, wenn die Rex an den Einwohnern vorbeizieht, das ist ein Moment, von dem man wünscht, er möge nie enden. Und der doch seine Schönheit und Intensität aus der Gewissheit zieht, dass er nicht dauern kann. Ein wahrer Kinomoment, Vergänglichkeit ist das Wesen des Kinos. Und das Kino bleibt für Fellini eine königliche Kunst.

© SZ vom 30.12.2020
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