Expeditionskreuzfahrt in die Antarktis In einer anderen Welt

Expeditionsfahrt zwischen Eisschollen.

(Foto: Maximilian Schwarz / Hurtigruten)

Die Antarktis per Schiff zu erleben, das hat trotz allen Komforts noch etwas von einem Abenteuer. Es geht durch berüchtigte Passagen in eine Kargheit, die Reiz und Herausforderung zugleich ist.

Von Monika Hamberger

Der Wind legt zu. Kurze Wellen sind zu weit ausholenden Brechern verschmolzen. Voller Wucht zerbersten sie am Schiffsbug. Ein paar unerschrockene Passagiere pressen den Rücken an die eiserne Schiffswand, versuchen, Gleichgewicht zu halten. Sie haben sich auf dem Außendeck der MS Midnatsol getroffen, um das Naturschauspiel zu fotografieren. Keine Chance. Bald sind beide Hände nötig, um ins schützende Innere zu gelangen.

Die selbstschließenden Türen lassen sich nur mit Gewalt öffnen. Ein Sog scheint dagegen zu halten. Die Drake-Passage ist berüchtigt und berühmt. Hier kämpfen Pazifik und Atlantik miteinander. Keine Insel, kein Kontinent bremst wie im Nordpolarmeer die gewaltigen Wassermassen. Seinen Namen verdankt diese Passage, die es auf dem Weg in die Antarktis zu überwinden gilt, dem englischen Seehelden Sir Francis Drake, der im Auftrag von Englands Königin Elizabeth I. im späten 16. Jahrhundert als Freibeuter gegen die Spanier kämpfte.

Erstaunen am nächsten Morgen: Das Schiff fährt ganz ruhig. Durch die Vorhänge schimmert es hell. Auf dem Wasser treiben erste Vorboten der Antarktis; Eisberge, die vielleicht schon mehr als 100 Jahre unterwegs sind, gespeist von uralten kalbenden Gletschern. Auch die Gebirgsketten der Südshetland-Inseln, dem antarktischen Festland vorgelagert, werden immer deutlicher erkennbar. Auf dem obersten Deck finden sich Frühaufsteher ein. Es gibt kaum jemanden, der nicht vom Augenblick ergriffen ist: Endlich ist der sechste Kontinent in Sichtweite.

Inzwischen herrscht auf den Gängen des Schiffes Betriebsamkeit. "Hast du schon die Gummistiefel abgeholt? Auf Deck 7 sind jetzt kleine Expeditionsjacken verfügbar. Du musst noch unbedingt Rucksack und alle mitgebrachten Jacken, Schals und Mützen absaugen!" Tomas Zadrozny und andere Mitglieder des Expeditionsteams der MS Midnatsol sind damit beschäftigt, Mitreisende an die verschiedenen Verteilungsstellen zu dirigieren. Die Staubsaugeraktion ist notwendig, um die Verbreitung fremder Samen und jedwede Verunreinigungen des noch intakten antarktischen Ökosystems zu vermeiden. Die Gummistiefel werden auch nach jeder Rückkehr von einem Landgang gereinigt und desinfiziert. Dann heißt es aus dem Lautsprecher: "Die wandernden Albatrosse zum Tenderpit!"

Alle Gäste sind einer Gruppe zugeordnet, die nach einer in der Antarktis lebenden Tierart benannt ist. Strenge Vorschriften zum Schutz der Fauna und der karg vorhandenen Flora sollen den Schaden durch das Eindringen des Menschen so klein wie möglich halten. "Bitte nicht näher als fünf Meter an die Pinguine herangehen. Keine Pinguin-Pfade benutzen. In Schnee getretene tiefe Löcher wieder auffüllen." Während noch Kleidungsstücke anprobiert und ausgetauscht werden, sind die schwarzen Zodiacs, sehr robuste und schnelle Schlauchboote, bereits im Wasser und erkunden die Lage vor der ersten Anlandung. Außerdem wird eine Notfallversorgung am Ufer deponiert, falls bei gravierender Wetterverschlechterung ein sofortiger Rücktransfer nicht möglich ist. Sicherheit ist oberstes Gebot bei Anlandungen.

Das Empfangskomitee ist am Ufer versammelt. Neugierig werden die aus den Tenderbooten steigenden, mit Expeditionsjacken rot leuchtenden Besucher aus schwarzen Augen begutachtet. Nein, die Passagiere sind keine Gefahr für die Zügelpinguine. Das Interesse der Tiere erlischt schnell, das der Besucher ist geweckt. Zuerst geht es zur Arctowski-Forschungsstation, die von polnischen Wissenschaftlern in der Admirality-Bucht auf King George Island betrieben wird.

Ausgebleichte Walknochen säumen den Weg entlang des Strandes, sie geben Zeugnis von der unrühmlichen Vergangenheit. Das Schiff Admirality war die erste schwimmende Fabrik im südlichen Ozean, um erlegte Wale zu verarbeiten. Riesige Wirbel und Rippenbogen geben eine Vorstellung von ihrer gewaltigen Größe. Früher wurde nur die Fettschicht als Tran für Lampen verwendet.

"Dort hinten liegen See-Elefanten!" Fritz Janschke vom Expeditionsteam deutet auf die sich im Kies sonnenden Tiere. Hier gelten 15 Meter Abstand, um ihre Ruhe nicht zu stören. Die Kolosse sind kaum von ihrer graubraunen Umgebung zu unterscheiden. Hin und wieder befördert eine Flosse, einer Pfote ähnlich, angeschwemmtes Grünzeug zur Kühlung auf den Körper. Die genehmigte Aufenthaltsdauer von 90 Minuten ist vorbei. Warm eingepackt genießen die "wandernden Albatrosse" im sicheren Boot auf der Rückfahrt das Flair einer sogenannten Expedition, die natürlich relativ behütet ist.

Verglichen mit Polargebieten auf der Nordhalbkugel sind in der Antarktis Kargheit und das Fehlen jeglicher Zivilisation bis auf Überreste alter Walfängersiedlungen Reiz und Herausforderung zugleich. So geht es zum Beispiel im Norden Kanadas, wo ähnliche Temperaturen im Winter herrschen, nach der Landung des Flugzeugs in Churchill mit gesicherten Fahrzeugen zur Eisbärenbeobachtung. Auf Spitzbergen wird jeder Landgang wegen der Polarbären von einem bewaffneten Schützen begleitet. Dort und auch auf Grönland gibt es Kleinstädte, Straßen, Parkplätze und Supermärkte. In die Antarktis gelangen Besucher bis auf ganz wenige Ausnahmen ausschließlich per Schiff über das Südpolarmeer und sind den Launen der Natur ausgesetzt.

Tief verschneite Berge und bis ins Wasser reichende Gletscher begleiten das Schiff nun täglich. Auf der Fahrt durch den Lemairekanal türmen sich 1000 Meter hohe Gipfel nahe der Midnatsol auf. Eisklötze - mal wie mit Zirkel und Lineal abgemessene Tafelberge, zwei, drei, vier Stockwerke eines Hauses hoch, mal bereits zerklüftete, in Auflösung begriffene und durchlöcherte Exemplare - schwimmen beiderseits der schmalen Fahrrinne. Anders als in der Arktis stammt die Vergletscherung des antarktischen Kontinents von Schneefällen vergangener Eiszeiten, die allerdings dort viele Millionen Jahre zurückliegen.

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"Das ist das schönste Büro der Welt. Und Geld bekomme ich auch noch!" Kapitän Kai Albrigtsen aus Norwegen deutet auf die bis zum Boden reichenden Fenster auf der Brücke mit grandioser Aussicht. Er stammt von den Lofoten und war an der Entwicklung des neuen Hybridschiffes Roald Amundsen beteiligt. "Die Antarktis ist mein Lieblingsziel. So viel unberührte Natur finde ich nur hier." Die Inseln und Buchten im Gebiet der Antarktis verdanken ihre Namen meist ihren Entdeckern oder Forschern.

Spannend wird es, als Kapitän Albrigtsen das 136 Meter lange und 22 Meter breite Schiff in die Caldera der Vulkaninsel Deception Island manövriert, durch eine Meerenge namens Neptuns Blasebalg. Es weht ein kräftiger Wind, der Himmel ist mit Wolken verhangen, und gerade deshalb sind die Kontraste zwischen schwarzem Lavagestein, weißen Schneeflecken und milchig-grünen Lagunen besonders eindrucksvoll. Weniger erbaulich sind die zerfallenden Überreste einer ehemaligen Walfangstation; einzige Zeitzeugen einstiger Ausbeutung der Region durch den Menschen.

"Vorsicht beim Aussteigen. Die Steine könnten glitschig sein", warnt Tudor Morgan, der heute die Gruppe beim Betreten des antarktischen Festlandes begleitet. Intensiver Geruch und lautes Geschnatter der Eselspinguine empfangen die Anlandenden. Wie soll ein Sicherheitsabstand von fünf Metern eingehalten werden, wenn mitten auf dem Weg gebrütet wird?

Holzplanken weisen den Weg zur Gabriel Gonzáles Videla Station, die chilenische Soldaten zeitweise bewohnen. Die Hinterlassenschaften der Pinguine sind überall, wie man sehen und riechen kann. Vorsichtig balancieren brütende Tiere das zerbrechliche Ei zwischen Nest und Brutfalte hin und her. Pinguine leben in Einehe und finden ihre Partner auch nach langer Abwesenheit wieder, um gemeinsam zu brüten. Der Abschied von den unterhaltsamen, unbeholfen dahinwatschelnden Tieren, die sich jedoch im Wasser als pfeilschnelle Schwimmer erweisen, fällt den Kreuzfahrern schwer.

Warum reisen Menschen in diese kalte und lebensfeindliche Einöde?

Ein Blick aus dem Fenster beantwortet die Frage. Die Midnatsol ankert in der Paradies-Bucht. Ringsum vergletschertes Gebirge. Davor Eisberge in skurrilen Formationen, deren Konturen bläulich schimmernd auch unter Wasser sichtbar sind. Licht und Schatten wechseln ständig. Es ist 22 Uhr, die flachen Sonnenstrahlen bringen das fahle Eis zum Funkeln. Nebelfetzen wabern um Gletscherabbrüche.

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Die darüber aufragenden Berggipfel leuchten orange-gelb. Ein Windstoß, und der Nebel löst sich auf. Es herrscht eine mystische Stimmung in fast schmerzhafter Stille. Nirgendwo sonst auf dem Globus sind Straßen, Siedlungen und andere Spuren der Zivilisation so weit entfernt. Die Antarktis verändert ihre Besucher. Kaum jemand kehrt so zurück, wie er angekommen ist. Angesichts dieser gewaltigen Natur bar jeglichen menschlichen Eingriffs empfindet man als Betrachter Ehrfurcht.

Aufregung am nächsten Morgen im Tenderboot: "Dort hinten bläst einer. Der schwimmt in unsere Richtung!"

Fotoapparate werden in Stellung gebracht. Drei, vier Buckelwale umkreisen die ausgeschwärmten Zodiacs. So nah sind die meisten der Bootsinsassen diesen erstaunlichen Meeresbewohnern noch nie gekommen wie hier in der Wilhelmina-Bucht. Sie jagen gemeinsam. Der von Luftblasen eingeschlossene Krill wird vom großen Maul eingefangen und herausgefiltert. Dreißig Tonnen schwere Buckelwale tauchen gerade mal vier Meter vom Boot entfernt wieder in die Tiefe.

Wer weiß schon, wo sie heute Nachmittag jagen? Dann könnten sie sich neben paddelnden Abenteurern zeigen, die zwischen Eisbergen unterwegs sind - im Kajak.

Weitere Informationen

Antarktisreisen finden im Südsommer zwischen November und März statt. Touren ab und bis Südamerika bietet z. B. Hurtigruten mit seinen Expeditionsschiffen MS Midnatsol und MS Fram an. Im Oktober 2018 wird das neue Hybridschiff MS Roald Amundsen für diese Region in Dienst gestellt. Eine Reise ab und bis Buenos Aires inkl. Flügen nach oder von Ushuaia gibt es im November und Dezember 2018 ab 5263 Euro pro Person in der Doppelkabine. Eingeschlossen sind alle Transfers, eine Übernachtung in Buenos Aires und eine Orientierungstour in Ushuaia. Auch Vollverpflegung, Landausflüge mit den Zodiacs und alle Aktivitäten an Bord sind im Reisepreis enthalten. Der Flug nach Buenos Aires kann bei Hurtigruten gebucht werden, www.hurtigruten.de.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

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