Eva Menasse erklärt Wien:Komplimente von Betrunkenen

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Denn nach Kleinodien von Elfriede Jelinek und Thomas Glavinic, Alfred Dorfer und Michael Stavaric findet sich, ganz zum Schluss, noch eine Sammlung wunderbarster Betrachtungen und Zitate über den "besten Ort der Welt" (Mozart). Offenbar kann man, um Wien zu ertragen, nur essen und trinken. Denn Gertrude Stein findet sich hier mit ihrer Erinnerung an "Wiener Bier", und Joseph Roth schwärmt von seinem "Stammlokal". Romy Schneider war beim Heurigen, Michael Köhlmeier schwelgt in den Gewürzen vom Naschmarkt.

Und immer mittendrin ist alles voller Betrunkener, die sich mit einem Spritz zu viel gegenseitig Komplimente machen. Das klingt dann bei Dirk Stermann (Autor von "Sechs Österreicher unter den ersten fünf") so: "Weißt du, was das Problem ist?", fragt der Österreicher den Deutschen. "Auf uns liegt zu viel Last. Wir Wenigen tragen die Last eines ganzen Landes auf den Schultern. Ihr gschissenen Deutschen seid 80 Millionen und habt eine Kanzlerin, Theater, Zeitungen, Hitparaden, Bäcker, und wir sind nur acht Millionen und müssen auch Kanzler haben und Maler und Theater und Musik und Lebensmittel. Obwohl wir so wenige sind. Von mir gibt's in Deutschland zehn, und ich muss hier alles allein machen. Auch bestellen, weil du gschissenes Arschloch Wasser trinkst wie ein krankes deutsches Pferd." Und dann wird weiter gesoffen, weil es so schön ist. Gemeinsam.

Man liebt eben, was man kennt

Dieses Märchen-Erinnerungs-Verzauberungsbuch ist keine Liebeserklärung an Wien, das kann es gar nicht sein, weil die Autoren Wien eigentlich gar nicht leiden können. Aber man liebt eben doch, was man kennt, manchmal, weil man daran gewöhnt ist, oder weil man gar nicht merkt, dass man schätzt, was man hasst. Aber vielleicht ist das auch das Schicksal von Wien, dass alle schlecht darüber reden, weil man das halt so tut. Deshalb bekommt Georg Kreisler das letzte Wort: "Warum ist Wien meine Heimat? Nun, ich identifiziere mich mit dem Wiener Charakter, der zwar nicht sehr positiv zu beurteilen ist, aber dafür kann ich mich auf seine negativen Aspekte verlassen. Jeder Wiener kennt den typischen Wiener Charakter, denn er kennt seinen eigenen. Schwamm drüber!"

Eva Menasse (Hrsg): Wien. Küss die Hand, Moderne. Corso Verlag, Hamburg 2011. 150 Seiten, 24,95 Euro

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