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Erlebnisse in Bahn, Fernbus und Flugzeug:S-Bahn? War da nicht was? Doch, da war was.

Sarah Schmidt, Donnerstag, 16:30 Uhr, SZ-Redaktion

Es ist Zeit für eine Entscheidung. Zur Wahl stehen der ICE um 14.16 Uhr am Freitag oder ein ICE, der Samstag um 8:16 Uhr fährt. Korrigiere: fahren soll. Ich wähle die Servicenummer der Deutschen Bahn und schildere einer Kundenberaterin meinen Fall. "Das sollte kein Problem sein", sagt sie gutgelaunt und mit sächsischem Dialekt. Also gut, ich reserviere einen Platz für Freitag.

Gökalp Babayigit, Donnerstag, 19:30 Uhr, zuhause

Früh wird es werden, so früh, dass selbst ein frühdiensterprobter Mensch wie ich Probleme damit haben wird, pünktlich am Flughafen zu sein. Um 6:20 Uhr geht der Flug vom Franz Josef Strauß, und weil es nichts geworden ist mit den Stoiber'schen "zehn Minuten" aus der Innenstadt, bedeutet das: ab in die S-Bahn um halb fünf. S-Bahn? War da nicht was? Doch, da war was. Auch die Münchner S-Bahn fährt natürlich eingeschränkt während dieses Streiks. Andererseits: Eingeschränkt fahren, das macht die Münchner S-Bahn in schöner Regelmäßigkeit.

Ulrich Schäfer, Donnerstag, 20:30 Uhr, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Alle sind da beim ARD-Hauptstadttreff: Kanzlerin, Minister, Staatssekretäre. Alle reden über den Streik. In einer Runde mit mehreren Unionspolitikern wird über die GDL geschimpft. Und über Andrea Nahles gespottet. Leider, sagt ein ranghoher Regierungsmann, bringe deren Gesetz zur Tarifeinheit überhaupt nichts, um solche Streiks zu verhindern. Schließlich habe die Bahn etwa 1500 Tochterfirmen, auch solche, in denen die GDL die Mehrheit habe. "Dann legen die eben auf andere Weise die Republik lahm", sagt der Regierungsmann. Er will morgen früh aus Berlin flüchten, um den absehbaren Stau auf der Autobahn zu vermeiden.

Gökalp Babayigit, Freitag, 4:25 Uhr

Zugegeben, der Notbetrieb kann sich sehen lassen. Die S8 zum Flughafen fährt laut App alle 20 Minuten, die um 4:32 will ich nehmen. Ich und die drei Menschenseelen, die mit mir am Bahnsteig warten. Unsere ohnehin nicht überragende Laune - und ich glaube, ich kann dabei für uns vier sprechen - wird nicht besser, als die Durchsage kommt: "S8 zum Flughafen Abfahrt 4:32 wird voraussichtlich 10 Minuten später eintreffen."

Gökalp Babayigit, Freitag, 4:37 Uhr

Streikrecht Gesellschaft in Geiselhaft
Kommentar
Streik der GDL

Gesellschaft in Geiselhaft

Das Streikrecht ist aus guten Gründen in der Verfassung verankert. Aber vielleicht wäre es richtig, über separate Regeln für die Bahn nachzudenken. Italien könnte hier als Beispiel dienen.   Von Gustav Seibt

Am Ende sind es nur fünf Minuten S-Bahn-Verspätung. Immerhin.

Gökalp Babayigit, Freitag, 5:45 Uhr

Einmal am Flughafen angekommen, ist das alles Business as usual. Wird wohl ein halbleerer Flieger - der Menge der wartenden Menschen nach zu urteilen. Wie immer morgens viele schweigsame Geschäftsleute - und wie immer bestellen sich am Gate vier Schweizer Touristen noch ein letztes bayerisches Bier, bevor es "Auf Wiedersehen München" heißt.

Ulrich Schäfer, Freitag, 8:15 Uhr, Checkpoint Charlie Berlin

Berlin feiert am Sonntag den 25. Jahrestag des Mauerfalls. Am Checkpoint Charlie stehen bereits riesige blaue Holzkisten, die die Mauer symbolisieren sollen, und im Hotel ums Eck steht ein Amerikaner, der fragt, wie er am besten zum Zentralen Omnibus-Bahnhof unweit des Messegeländes kommt: "By metro or taxi? The strike, you know." Der Mann an der Rezeption ist überfordert. Er rät schließlich zur U-Bahn, denn mit dem Taxi stünde man ja vermutlich nur im Stau.

Sarah Schmidt, Freitag, 13:30 Uhr SZ-Redaktion

Bundesliga Viele Wege führen ins Stadion
Bundesliga während Bahnstreik

Viele Wege führen ins Stadion

In Frankfurt muss das Spiel fast abgesagt werden, in Freiburg droht wegen der vielen Schalke-Fans ein Verkehrschaos: Der Bahnstreik stellt Fußballanhänger und Vereine vor Herausforderungen. Ein Überblick.   Von Mathias von Lieben

Die Kollegen schauen mit einer Mischung aus Mitleid und anerkennendem Respekt auf meinen Trolley. "Na dann gute Reise!"

Sarah Schmidt, Freitag, 14:21 Uhr, München

Der ICE nach Hamburg ist losgefahren. Nur fünf Minuten Verspätung. Das ist vielversprechend. Ich sitze im Abteil, viele andere stehen in den Gängen. Durchsage: "Bitte nehmen Sie alle Gepäckstücke von Sitzplätzen. Das gilt auch für die Erste Klasse." Selten waren 4,50 Euro so gut investiert wie in diese Platzreservierung!

Sarah Schmidt, Freitag, 14:55 Uhr, Bahnhof Ingolstadt

Nochmal eine Durchsage: "Wegen Überfüllung werden alle Reisenden mit Ziel Nürnberg gebeten, in den Regionalzug umzusteigen." Der soll jedoch erst in einer Stunde fahren, niemand rührt sich. Vier Zugbegleiter stehen auf dem Bahnsteig zusammen und beraten. Die nächste Durchsage klingt strenger: "Reisende nach Nürnberg steigen jetzt aus, wir fahren sonst nicht weiter." Bei der dritten Durchsage knickt meine Sitznachbarin ein - sie packt ihre Sachen zusammen. Mit ihr steigen ein paar weitere Leute aus, der ICE setzt sich wieder in Bewegung.

Ulrich Schäfer, Freitag, 14:58, Zentraler Omnisbus-Bahnhof Berlin

Eine SMS: "Leider hat Dein Flixbus von Berlin nach Münster ca. 60 Minuten Verspätung." Na, super. Etliche andere Busse verspäten sich auch, die Autobahnen sind bereits verstopft. Doch dann die Rettung: MeinFernbus setzt, wie eine freundliche Männerstimme über Lautsprecher verkündet, wegen des großen Andrangs in wenigen Minuten einen Extrabus nach Münster ein. Also schnell ins Büro von MeinFernbus. Die Fahrkarte nach Münster kostet, so knapp vor der Abfahrt, 49.50 Euro. Dreimal so viel wie das Ticket für den Flixbus, das ich vor zwei Tagen gebucht habe. Egal. Ist halt Marktwirtschaft. Und ich komme dafür eine Stunde früher los - das ist es mir wert.

Sarah Kanning, Freitag, 15 Uhr, Zentraler Omnibusbahnhof München

Deutsche Bahn Dann eben ohne Lokführer
Analyse
Fahrerlose Züge

Dann eben ohne Lokführer

Fahrerlose Züge sind technisch längst machbar. In vielen Städten, darunter in Nürnberg, fahren schon seit vielen Jahren U-Bahnen ohne Lokführer. Im Fernverkehr bleiben sie dennoch eine Zukunftsvision. Das liegt vor allem an den Fahrgästen.   Von Thomas Harloff

Ziemlich trubelig hier an diesem Nachmittag, überall stehen Männer und Frauen in grünen Westen. Sie haben langen Listen in der Hand und beantworten Fragen. "Wo fährt der Bus nach Frankfurt?" Heute fahren sogar zwei. Die SMS, dass ich in Bus A steigen soll, erreicht mich allerdings erst 30 Minuten nach Abfahrt.

Ulrich Schäfer, Freitag, 15:30 Uhr, Avus Berlin

Die Avus - die älteste Autobahn Deutschlands kurz hinter Berlin - ist dicht, gleich nach der Abfahrt steckt der Bus im Stau. Klar, alle wollen heim. Viele mit dem Auto. Norbert, der Fahrer, verspricht, er werde trotzdem sein "Bestes" geben, um pünktlich in drei Stunden in Hannover zu sein. Dann bittet er die männlichen Gäste, sich auf der Toilette beim Pinkeln bitte hinzusetzen.

Sarah Kanning, Freitag, 16 Uhr, hinter München

Ich sitze in Bus B, ein zugemieteter Reisebus ohne Steckdosen und Snacks. Egal, dafür sind die Sitze bequem. Kleine Umfrage unter den Fahrgästen: Die Mehrheit wäre eigentlich lieber mit der Bahn gefahren, die statt gut fünf Stunden nur dreieinviertel Stunden braucht.

Streik

"Nimmt man den Trubel am Hauptbahnhof als Maßstab, könnte gerne immer Bahnstreik sein", sagt SZ.de-Redakteur Tobias Dorfer. Dieses Bild hat er am Freitag um kurz nach 17 Uhr in München gemacht.