Erinnerungen an die erste Reise Im Schatten der Agave

Verliebt, verwirrt, verrückt: Unser Autor erinnert sich an den ersten Urlaub mit seiner Freundin auf Sardinien. Er war siebzehn - und es war Sommer ...

Von Roger Willemsen

Eine Agave. Genau. Eine aus dem Strandsand aufstrebende, einzelne Agave mit fleischigen grau-grünen Blättern, das war's, mein erstes Reiseziel. Aber das wusste ich nicht, als ich aufbrach, in ihren Schatten zu reisen.

Roger Willemsen noch ohne Brille als 17-Jähriger auf Sardinien ...

(Foto: Foto: privat)

Hinterher wusste ich es, stand auf, strich mir den Sand vom Körper und sah ihn hinter mir liegen: den Körper und den unvergesslichen Ort, samt den staubgetuschten Blättern der Agave, und den Schatten darunter, den zerwühlten Schatten.

Aber das ist nicht der Anfang. Der Anfang ist: Ich war siebzehn, verliebt und Internatsschüler an der Nordsee. Meine Geliebte war achtzehn, erfahren und Gymnasiastin im Rheinland. Telefonate waren zu teuer, Briefe schrieben wir fast täglich und in ihnen trug uns das Schmachten dauernd über alle Horizontlinien davon, weit weg.

Mein Internatszimmer teilte ich mit einem deutschen Pykniker, dessen Eltern sich ohne ihn in Marokko niedergelassen hatten. Ihn quälte Fernweh, mich Heimweh. Er sprach von Basaren in Marrakesch, ich von Parkbänken in Bonn.

Alles war gut, solange es fern war, und schmerzlich war es auch. Einmal saß er nachts an meinem Bett und weinte, während ich schlief. Ich schlief aber nicht, und weinte selbst, sobald er wieder im Bett war. Das alles wäre ganz schön gewesen, ohne die Liebe.

Meine Freundin hieß nicht Yvonne, ich nenne sie hier nur so, weil ich damals Namen am schönsten fand, wenn sie mit Y begannen. Sie nahm meine Träume in Empfang und träumte sie weiter, über die Landesgrenzen hinaus. Weiter. Weg.

In eine fiktive Fremde träumten wir, und diese Fremde korrespondierte mit dem, was uns aneinander vermutlich noch fremd war, so unerlöst, wie wir waren. Jede Reise zu dieser Zeit musste eine Entdeckungsreise sein, mit uns als unausweichlichem Ziel.

Also suchten wir das Weite, aber das erschwingliche. Über die Weltkarte gebeugt, entschieden wir, dass das erschwinglichste Weite ,,Sardinien'' hieß. In den Reiseführern raunte man von Banditen, von Wegelagerern und Straßenräubern, die von Eseln aus arbeiteten und in unwegsamen Gebieten hausten. Ein sehr literarisches Ganoventum, fanden wir.

Die Sarden, ein wildes Hirtenvolk, so lasen wir auch, seien Afrika eher zugewandt als Europa, liebten ihre Unabhängigkeit und zögen sich bei Bedarf in ihre hoch gelegenen Dörfer zurück, wo der Arm des Gesetzes sie kaum fassen könne usw. Im Grunde war nur ein kleiner Streifen Costa Smeralda ,,kultiviert'', so hätte man denken können.

Von einem Besuch der zentralen Provinz ,,Nuoro'' aber wurde sogar pauschal abgeraten. Denn hier, wo Entführungen, Überfälle, auch Morde an der Tagesordnung seien, könne man verschwinden, ohne je wiedergefunden zu werden. Also raunte Polyglott.

Verschwinden. Es war Sommer, und wir hatten sechs Wochen Zeit dazu. Yvonne war blond und das Trampen leicht. Schon auf der Höhe von Koblenz hielten zwei Autos, die ,,Kolonne fuhren'' Richtung Avignon.

Die Fahrer legten Jethro Tull auf, und so rasten wir zu ,,Thick as a Brick'' durch Zentral-Frankreich, ,,and you let your animals free'', war die glücklichste Zeile, die sangen wir mit. Wir reisten, und groß waren die Versprechen!

Außerdem waren die Fahrer komisch und überboten sich in Wortspielen. Der eine sagte ,,Tel Aviv'' für ,,c'est la vie'' und statt ,,nervös'' immer ,,porös''. Das war damals noch neu.