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Ende der Reise:Lernen von Winnetou

Da der Apachen-Häuptling in diesem Sommer in Bad Segeberg nicht ausrücken darf, kommen die Leute, um sich die Kulissen anzusehen und seine Silberbüchse zu berühren. Das schafft Ideen auch für andere, coronabedingt unterbesuchte Touristenziele.

Von Stefan Fischer

Auch Winnetou ist in Kurzarbeit. Der edelste aller Apachen hätte in diesem Jahr die Aufgabe gehabt, weiße Siedler aus der Gefangenschaft zu befreien und in einem Aufwasch gleich auch noch die beiden verfeindeten Indianerstämme der Nijoras und Navajos miteinander zu versöhnen. Doch konnten die Pferde nicht gesattelt werden, Bad Segeberg ist nicht Salzburg, die Karl-May-Festspiele mussten entfallen.

Besucher sind dennoch gekommen, zu Tausenden. Sie haben an Führungen durch die Kulissen teilgenommen, was sonst nicht möglich ist. Und sind dabei bis zum Heiligsten vorgedrungen, in die Waffenkammer, wo sie Winnetous legendäre Silberbüchse befühlen durften. Der Andrang war so groß, dass die Touren selbst nach dem Ende der Schulferien noch angeboten werden, mindestens bis Mitte Oktober.

Schon klar, ein vollwertiger Ersatz ist das nicht. Noch mehr Menschen wären angereist, wäre Sascha Hehn tatsächlich in der Titelrolle als Ölprinz aufgetreten. Aber zum Zweck der Kundenbindung sind die Führungen gewiss eine clevere Sache, ein bisschen Geld immerhin bringen sie außerdem. Es könnte viel mehr davon geben.

Wann endlich öffnen die Kreuzfahrtschiffe ihre Maschinenräume für Neugierige? Welcher kaum genutzte Regionalflughafen schickt Besuchergruppen auf seinen Gepäckbändern auf eine Erkundungstour? Auch weitaus exklusivere Angebote sind denkbar: etwa gesperrte Strände mit dem Bagger präparieren, Flugzeuge umparken, Beiboote aussetzen und anderer Jungskram mehr. Für Familien verwandeln sich schwach ausgelastete Hotels kurzerhand in Indoor-Spielplätze, jedes King-Size-Bett taugt schließlich zum Trampolin, Besucher lassen sich überdies leicht voneinander separieren. Schluss mit Schließung und Stillstand!

© SZ vom 10.09.2020
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