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Ende der Reise:I love Zuhause

Früher sprach man von "Balkonien" und verbrämte damit, sich keine Reise leisten zu können. Wer heute "Staycation" macht, liegt voll im Trend.

Von Jochen Temsch

Zu Hause ist, wo das Herz ist. Eine simple Erkenntnis, die sich schön in den Sofakissenbezug häkeln lässt. Kompliziert wird es nur, wenn sich das Herz hin und wieder an ganz andere Orte hängt, die sich vielleicht sogar mehrere Flugstunden vom Sofa entfernt befinden. Dann muss man seinem Herzen wohl oder übel folgen und verreisen, um wieder eins mit sich zu sein. Aber nicht, dass man dort, wo man sein Herz schließlich wieder zu fassen kriegt, tatsächlich zu Hause wäre! Dazu ist es an diesem Ort viel zu staubig oder feucht, zu langweilig oder turbulent, die Menschen reden komisch, das Essen ist zu scharf, kurz, es reicht dann auch wieder nach drei Wochen. Deshalb verreisen die Deutschen sowieso am liebsten in ihrem eigenen Land. Das hat in dieser zu Ende gehenden Sommersaison ganz besonders gegolten. Ägypten und die Türkei waren vielen zu gefährlich, Mallorca war zu voll, und so besannen sich noch mehr Urlauber als sonst auf die schöne Verlässlichkeit von Schwarzwald, Alpen und Mecklenburgischer Seenplatte.

Die Vertreter der Reiseindustrie, immer mit dem Finger am Puls der Kundschaft, haben es sofort erkannt: Wenn das so weitergeht, bleiben bald alle Kunden auf dem Sofa kleben. Doch statt darüber zu jammern, rufen sie den Rückzug ins Bekannte als aufregenden Trend aus, an dem sich mitverdienen lässt. "Staycation" heißt das Zauberwort, zusammengesetzt aus den englischen Begriffen für Daheimbleiben und Urlaubmachen. Früher sprach man von "Balkonien" und verbrämte damit eine Notlösung, wenn man sich keine anständige Reise leisten konnte. Wer heute dagegen "Staycation" macht, gilt als "kluger Trendsetter", so sieht das zumindest der Reklamedichter eines Online-Portals für Luxusreisen. Wer zu Hause bleibt, so heißt es in einer Werbemail, "freut sich über das Erlebte, von dem nicht alle Freunde etwas erzählen können". Klar, vor allem diejenigen Freunde nicht, die in der gleichen Zeit mit Walhaien tauchen, im bolivianischen Dschungel wandern oder am Strand von Fatu Huku nackt tanzen waren, anstatt wie jeden Tag den Abwasch zu erledigen, den Müll rauszutragen und die Geranien zu gießen. Aber so meint das der Luxus-Reiseveranstalter natürlich nicht. Das Herz mag vielleicht zu Hause sein, aber der Rest des Körpers ungern bei der Hausarbeit. Die Lösung: Man bucht ein Zimmer im teuersten Hotel der Stadt. So sind alle glücklich. Der Trendsetter, der Reiseveranstalter und das Herz sowieso, das am rechten Fleck bleibt.

© SZ vom 01.09.2016
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