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Ende der Reise:Fahrt ins Nirgendwo

Nach den virtuellen Reisen kommen jetzt die vorgetäuschten: Kreuzfahrt ohne Landgänge, Rundflüge ohne Ziel. Die Menschen scheinen danach zu dürsten. Über die Simulation als Ersatzbefriedigung für Anbieter und Gäste.

Von Hans Gasser

Zu den großen Plattitüden und Unwahrheiten des Reisens gehört diese: Der Weg ist das Ziel. Das stimmt heute noch weniger als zu Zeiten Laotses (6. Jhr. v. Chr.), auf den der Spruch mutmaßlich zurückgeht. Richtig ist: Das Ziel ist das Ziel. Nur ist die Frage, was genau das Ziel ist.

Bevor es aber zu existenzialistisch wird, schalten wir nach Singapur, reicher Stadtstaat in Asien, wo die Lebenshaltungskosten pro Tag höher sind als in vielen Nachbarländern die monatlichen Durchschnittslöhne. Hier ist man bisher relativ gut durch die Pandemie gekommen. Touristen werden trotzdem keine reingelassen, und auch die Einheimischen langweilen sich in ihrer raren Freizeit. Da wäre doch eine Kreuzfahrt das Richtige, dachten sich die Entscheider des Singapurer Tourismusverbandes und kündigten vor kurzem neue Kreuzfahrten von Singapur nach "Nirgendwo" an. Ohne Zwischenstopp und Landgänge soll es hinaus aufs Meer gehen. Gourmet-Essen und Sport an Deck runden das pandemische Angebot ab. Und es scheint anzukommen: In den ersten fünf Tagen hat die Reederei Genting Cruise Lines bereits 6000 Buchungen erhalten. "Das Schiff selbst ist das Ziel", ließ sich der Vertriebsleiter vernehmen.

Nun hatte die Tui im Sommer schon eine ähnliche Idee und bot "blaue Reisen" auf die Nordsee an, die natürlich nicht wegen des All-inclusive-Alkohols so hießen. Besonders gut kamen die Fahrten bei der Landgang-fixierten deutschen Kundschaft allerdings nicht an. International gesehen aber erfreut sich das Reisen um des Verkehrsmittels willen zur Stunde großer Beliebtheit. Vor wenigen Tagen erst flog eine Boeing-Dreamliner rappelvoll mit Australiern sieben Stunden lang ziemlich tief über die Attraktionen ihres Landes, vom Great Barrier Reef bis zum Uluru. Innerhalb von zehn Minuten sollen alle Plätze verkauft gewesen sein. Es handle sich um den am schnellsten ausgebuchten Flug in der Geschichte von Qantas, sagte ein Sprecher der Fluglinie. Man überlege nun angesichts der Nachfrage weitere davon aufzulegen. Sydney und Melbourne sind immer noch im Lockdown, Inlandsgrenzen sind zu, weshalb ein Bedürfnis der Australier wenigstens nach einer Ersatzbefriedigung beim Reisen vorhanden sein dürfte. CO₂ und Klima sind in Coronazeiten gerade eher nicht so das Thema. Auch All Nippon Airways und Singapore Airlines boten unbeeindruckt davon solche "No destination flights" an.

Da ist man bei China Airlines viel nachhaltiger unterwegs. In Taipeh bot man im Sommer Reiselustigen bereits mehrmals ein besonderes Erlebnis: Einchecken, Gepäckaufgabe, Boarding mit Sicherheitseinweisung. Ein Getränk wurde allerdings am Boden gereicht, danach durften die Passagiere wieder zurück in den Flughafen, um im dortigen Restaurant zu essen und in der Shopping Mall einzukaufen. Das Flugzeug hob nämlich nie ab, handelte es sich doch um eine "Pretend-to-leave-the-country"-Tour. Zero CO₂ und dennoch ein Flugerlebnis. Da muss man sagen: Hut ab vor den Chinesen!

© SZ vom 15.10.2020
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