Ende der Reise:Die neue Beinfreiheit

Coronavirus - Flughafen Köln/Bonn

Links, rechts, geradeaus? Wo wird es langgehen beim Fliegen? Die Mittelsitze lassen bislang nur einige Fluglinien frei.

(Foto: dpa)

Während sich Betreiber von Restaurants und Hotels in ihr Schicksal fügen und mit weniger Gästen vorlieb nehmen, halten die Fluglinien am gelernten Gebaren fest.

Von Stefan Fischer

Zahl eins, nimm zwei! Oder: Vier zum Preis von dreien! Nach diesem Prinzip schlägt der Einzelhandel immer wieder verderbliche Güter wie auch Saisonware los - seien es altbackene Brezen, 500- Gramm-Schalen gefüllt mit vor sich hin matschenden Erdbeeren oder aber kurzärmelige Oberhemden.

Die Tourismusindustrie möchte den Spieß nun allzu gerne umdrehen: Nutze einen Sitz, bezahle jedoch zwei! So hat es dieser Tage jedenfalls Jens Bischof nassforsch vorgeschlagen, der Chef der Fluglinie Eurowings. Während sich Betreiber von Restaurants, Hotels, Campingplätzen und Ausflugsdampfern in ihr Schicksal fügen und mit weniger Gästen als üblich vorliebnehmen - was für die meisten von ihnen immer noch besser ist, als gar keine Kundschaft zu haben -, halten die Fluglinien an ihrem gelernten Gebaren fest. Sie sind schließlich die Meister der ölsardinengleichen Schichtung von Passagieren. Insofern widerstrebt es ihrem Naturell, sämtliche Mittelsitze in ihren Flugzeugen freizuhalten, nur um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen.

Flugreisende haben an Bord schließlich jahrelang die Austrocknung sämtlicher Schleimhäute, Thrombosen sowie Lebensmittelvergiftungen in Kauf genommen. Warum sollten sie es nun mit der Gefahr einer Viruserkrankung anders halten? Wer dennoch Bedenken hege wegen Covid-19 - sprich: wem sein Leben lieb sei -, der könne um sich herum doch so viele Plätze buchen und unbenutzt lassen, wie er für das Gefühl gesundheitlicher Unversehrtheit eben benötige.

Der Vorschlag wird Schule machen, zumal sich damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen: Jede Familie bucht - und bezahlt - einen ganzen Reisebus, eine ganze Zimmerflucht im Hotel, bucht obendrein den kompletten Spabereich und reserviert ganze Restaurants. Das saniert einerseits die Branche und passt andererseits in das Konzept von wertigem Urlaub. Denn die Billigfliegerei, die verschwenderische Anhäufung von minderwertigen Lebensmitteln auf all den All-you-can-eat-Büffets sowie der Overtourism sind schlecht fürs Klima und auch für das Gemüt der Einheimischen.

Verantwortungsvolle Ferien müssen etwas kosten, weil andernfalls niemand auf seine Kosten kommt - kein Gast und erst recht kein Dienstleister. Und die Urlauber? Werden mitspielen. Nur dass sie ihre Freunde, Kollegen und Nachbarn künftig nicht mehr mit den Reisezielen ausstechen werden - "so, eine Safari in Botswana. Haben wir schon vor 15 Jahren gemacht, nicht wahr, Schatz! Aber ihr müsst unbedingt mal nach Frégate Island". Sondern sich übertrumpfen mit der Zahl der Flugsitze, Hotelzimmer und Quadratkilometer Strand, die sie sich gegönnt haben.

© SZ vom 04.06.2020
Zur SZ-Startseite
Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB