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Ende der Reise:Der Wunsch nach Punsch

Wenn alle Gänse verspeist und alle Retouren zurückgeschickt sind, beginnen die besinnlichen Tage.

Von Stefan Fischer

Wer, bitte schön, findet in den Adventswochen die Zeit für einen saumseligen Bummel über einen Christkindl- respektive Weihnachtsmarkt? Ganz abgesehen davon, dass die Temperaturen dieses Mal häufig so mild waren, dass einem der Sinn mehr nach einem kühlen Weiß- statt nach einem dampfenden Glühwein gestanden hätte. Aber daran war ohnehin nicht zu denken. Die vollkommene Aufmerksamkeit gilt dem Plätzchenbacken und Weihnachtsessen-Testkochen, dazu den vielen Sendungen mit den im Internet bestellten Weihnachtsgeschenken, die man Schlange stehend bei Nachbarn, in Postfilialen und Paketshops mühevoll einsammeln muss. Die Weihnachtskarten wollen geschrieben, die Krippenspiele und die Weihnachtssingspiele der Kinder beklatscht werden.

Im Büro gilt es in der Vorweihnachtszeit zu allem Überfluss, Bilanzen zu ziehen oder - oftmals noch aufwendiger - zu frisieren. Sich außerdem auf die betriebliche Weihnachtsfeier vorzubereiten und anschließend wieder von ihr zu erholen. Zeit für Müßiggang bleibt da nicht. Dass es Lebkuchen bereits im September zu kaufen gibt, ist nur konsequent: Wer sich nicht frühzeitig einen Vorrat anlegt, wird Verzicht üben müssen. Denn wann im Dezember sollte man sich auch darum noch kümmern?

Es gibt Veranstalter von Christkindlmärkten, die haben die Zeichen der Zeit erkannt. Wenn alle Gänse verspeist und alle Retouren an die Versandhändler zurückgeschickt sind, beginnen nämlich erst die besinnlichen Tage. Dann endlich ist Zeit für Glühwein und Kunsthandwerk, dann ist womöglich auch der Wunsch da, ein paar Tage auszubüxen, bevor der Wahnsinn des Alltags wieder beginnt.

Wer jetzt nach Kopenhagen oder Tallin, London oder Brüssel, Berlin oder Wien, Zagreb oder Prag reist, findet die Weihnachtsmärkte offen. Dort schert man sich nicht um ihren Namen und Ursprung, dort wird strikt serviceorientiert gedacht. Erst nach dem Dreikönigswochenende sind dort alle Punsch- und Glühweintöpfe geleert. Die Puristen mögen es mit Grausen sehen. Aber wer bedauert, dass die Zeiten immer schnelllebiger werden, kann sich leicht kurieren und den ersten Glühwein frühestens an Silvester trinken, um auf das neue Jahr anzustoßen.

© SZ vom 02.01.2020
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