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Ende der Reise:Der Tourist im Tier

Wenn die Fernreisen wieder losgehen, werden das Problem nicht kleine Tierchen, sondern große Viecher sein. Denn sie besetzen Strände und Städte.

Von Stefan Fischer

Lassen wir das Kleingedruckte mal beiseite. Und freuen uns auf Thailand oder die Karibik. Es stimmt zwar: Wenn zu Anfang Oktober die weltweite Reisewarnung kassiert wird, heißt das noch lange nicht, dass wir wieder überall hinreisen können. Denn dann wird der Bann eben für jedes Land einzeln ausgesprochen. Aber jeder dieser Einzelfälle muss für sich begründet werden. Das ist mühsam. Ob aus guten Gründen oder aber aus Nachlässig- und Bequemlichkeit: Es wird gewiss Ausnahmen geben. Vor dem Besuch einiger Länder wird gar nicht gewarnt werden, andere Staaten werden teilweise zu bereisen sein. In einem politischen Tauziehen, verstärkt durch das Zutun der Tourismuslobby, wird schließlich eine Reisewarnung nach der anderen kippen.

Im Großen und Ganzen steht die Welt den Touristen demnächst also wieder offen. Wenn da nicht all die Tiere wären. Bald nach Beginn der Corona-Pandemie kursierten Fotos, auf denen zu sehen ist, wie Kojoten durch San Francisco flanieren, Wildschweine durch Barcelona und ein Puma durch Santiago de Chile. Esel werden vor indischen Bankautomaten gesichtet, Hirsche vor französischen und Ziegen vor britischen Geschäften sowie Schwäne vor italienischen Bars. An Stränden, in Städten: Der Tourist hat sein Habitat an die Wildtiere verloren.

Nun haben wir Urlauber eine gewisse Routine darin - oder soll man sagen: verfügen wir über ein Maß an Unverfrorenheit? - uns breitzumachen auf Kosten anderer. Nur: Mit einem Handtuch, auf der Sonnenliege ausgebreitet bereits Stunden vor Sonnenaufgang, kann man womöglich einen Touristen aus der Schweiz davon abhalten, sich auf selbiger Liege breitzumachen. Aber nicht Enten, Gänse und Möwen. Den Selfiestick richtig eingesetzt, hat man sich bislang freie Sicht auf Sehenswürdigkeiten erkämpfen können. Aber jetzt, da man es mit größeren, weniger leicht einzuschüchternden Säugetieren zu tun hat, gerät diese Strategie an ihre Grenzen.

Wobei die Größe der Säuger im Streit um touristische Territorien nicht einmal das entscheidende Kriterium ist. Biologen werden jetzt einwenden, dass es sich bei Mücken gar nicht um Säugetiere handelt. Leidgeprüfte Finnland-Urlauber können jedoch das Gegenteil beweisen. Nachdem deutsche Urlauber zuletzt ausgesperrt waren aus dem Land der Millionen Seen vulgo Mücken-Brutstätten, sind sie nun wieder willkommen. Von den Finnen. Zu befürchten steht jedoch: Mehr noch von den dortigen Mücken. Die dürften ausgehungert sein wie seit Menschengedenken nicht mehr, von den paar Finnen alleine können sie nicht zehren. Abwehrmittel: Fehlanzeige, auch wenn jeder Tourist auf ein Geheimrezept schwört. Das tut er aber nur, damit es allen anderen genauso ergeht wie ihm. Insofern hilft nur: eine Reisewarnung.

© SZ vom 17.09.2020
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