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Ende der Reise:Besuch bei Beethoven

Ludwig van Beethoven Denkmal Beethovenplatz in Wien *** Ludwig van Beethoven Monument Beethovenpla

Deutschlands Tourismusindustrie entdeckt in diesem Jahr Ludwig van Beethoven auf eine ganz besondere Art.

(Foto: imago images)

Die Deutschen Zentrale für Tourismus hat einen Slogan kreiert: "BTHVN2020"! Statt Spott ist hier jetzt etwas anderes angebracht: Humor.

Von Stefan Fischer

Etwa eine Woche vor Weihnachten kam Ludwig van Beethoven auf die Welt. Der exakte Tag ist nicht bekannt. Aber der ist auch nicht so wichtig. Hauptsache, wir kennen das Jahr: 1770. Ein 250. Geburtstag, das ist eine wahrlich runde Sache, den feiert man ohnehin nicht, wie pompös auch immer, an einem schnöden 16. oder 17. Dezember, und damit wär's dann gut. Nein, Ludwig van Beethoven lassen wir über Wochen und Monate hochleben.

Oder, um es mit einem, nun ja, Wort der Deutschen Zentrale für Tourismus zu sagen: "BTHVN2020"!

Wer gleich wieder spotten will, möge jedoch schweigen. Klar kann das keiner aussprechen - soll aber auch niemand. Viel wichtiger ist, dass dieses Schlagwort wunderbar als Hashtag taugt und uns Deutschen überdies als Selbstironie ausgelegt wird und somit Sympathiepunkte einbringt: Auch mit Vokalen lässt sich das Deutsche kaum aussprechen, werden Fremde sagen. Endlich haben die Eingeborenen zwischen Rhein und Oder das eingesehen. Und reagieren darauf - da schau her - mit Humor.

Um die Fremden nämlich geht es bei "BTHVN2020", will sagen: um ein neues touristisches Rekordjahr. Während die CSU noch an alten Zöpfen festhält und gegen ein Tempolimit opponiert, weil die Parteioberen glauben, dies weder sich noch Chinesen, Arabern oder sonst wem zumuten zu können, hat sich die Welt schon wieder ein paar Runden weitergedreht. Inzwischen nämlich haben Touristen aus nahen wie fernen Ländern definitiv jeden Autobahnkilometer sattsam abgerast, und der gesellschaftliche Wind hat gedreht.

Es bedarf also neuer Ideen, um ein durchaus bewährtes touristisches Konzept weiterhin attraktiv erscheinen zu lassen. Schon im Fall der bei etlichen Urlaubern beliebten Autobahnen ohne Tempolimit, das muss man den Unionsparteien lassen, zeigte sich eine Könnerschaft, Touristen anzulocken, ohne dass es faktisch etwas zu sehen gäbe - denn bei Tempo 250 nimmt niemand mehr etwas von der Landschaft wahr.

Das vergangene Jahr, wir erinnern uns, ist dann als Bauhaus-Jahr vermarktet worden. Natürlich, hier und dort stehen Bauhäuser. Aber wenn man derlei Architektur sehen möchte, muss man eigentlich nach Tel Aviv. In Deutschland ist den Touristen vor allem eine Idee präsentiert worden. Ganz ähnlich wird das bei "BTHVN2020" sein. Die Geburtsstadt des Komponisten, Bonn, in Ehren: Aber wegen eines Bummels durch die Ex-Bundeshauptstadt steigt niemand in ein Flugzeug oder einen Zug.

Wieder geht es um Immaterielles. Nun kann man Beethovens Symphonien überall auf der Welt hören. Aber das Authentische ist im Tourismus zentral, also werden die Menschen zuhauf kommen in all die Konzertsäle und zu all den Events, ohne sich gleich wie sonst auf Reisen üblich an einem Ort gegenseitig auf den Füßen zu stehen. Und nirgends wird es so offenkundig nach Urlaubergetto aussehen wie rund ums Mittelmeer. Willkommen im ZKNFTSLND DTSCHLND.

© SZ vom 06.02.2020
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