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Wanderweg bei Elmau:Gullystürmer

Die Frage, was der G-7-Gipfel gebracht hat, soll jetzt vom Tourismus rund um Elmau beantwortet werden. Neu im Angebot: ein Wanderweg auf den Spuren der Politiker.

Von Heiner Effern und Monika Maier-Albang

Auf einmal steht die Frage doch im Raum, oder besser: vor der Kapelle. Hier, im Weiler Elmau, unterhalb des Schlosshotels, auf der Wiese mit dem zugesperrten Marienkirchlein, spricht Almut Staude halb zu sich, halb zur Gruppe. Was bringt dieses Treffen der Mächtigen uns? Das sei die Frage, die sie umtreibe, seit sie die Bilder im Fernsehen gesehen habe, sagt Staude. "Ich habe darauf bislang keine Antwort bekommen."

Deshalb ist sie mitgegangen auf die Wanderung, die Klaus Ronge, der pensionierte Tourismuschef des Nachbarortes Mittenwald, gleich nach dem Treffen der Großen konzipiert hat, damit der Glanz, der Anfang Juni auf die Region gefallen ist, nicht zu schnell verblasst: eine geführte Tour auf den Spuren des G-7-Gipfels, Startpunkt Mittenwald, Endpunkt Klais. Dazwischen: das Tagungshotel Elmau, das Hotel Kranzbach, grillenbezirpte Almwiesen, Pfützen mit Kaulquappen, Bergseen, Bäche. Eine Idylle für Touristen, die Ronge keinesfalls stören möchte. Um Politik solle es hier nicht gehen, sagt er am Ferchensee, gleich zu Beginn der Tour. "Die große Politik machen die anderen." Von den "kleinen Dingen am Rande" wolle er stattdessen erzählen. Nur lässt sich das eine vom anderen schwerlich trennen auf so einem Weg. Zumal, wenn man lebenserfahrene Menschen wie Almut Staude in der Gruppe hat.

Eine Teilnehmerin der Tour erzählt: In der DDR war Winken bei Politikerbesuchen Pflicht

Staude, aufgewachsen in Potsdam, ist 75. Sie hat den Großteil ihres Lebens als Bürgerin der DDR verbracht - und eigene Erfahrungen mit Staatsbesuchen. Wie sie abkommandiert wurde zum Spalierstehen am Straßenrand, erzählt sie, als die Gruppe Brotzeit macht an der leer stehenden König-Ludwigs-Einkehr, der Wirtschaft, wo der "Kini" einst die Pferde zu wechseln pflegte. "Wir bekamen Winkelemente in die Hand", sagt Staude, Plastikblumen, Fähnchen. Der Einsatz galt als "ehrenvolle Arbeitspflicht". "Aber das war kein Vergnügen." Spontan fängt sie an zu singen, die Melodie ist einem Weihnachtslied aus dem Erzgebirge entliehen. Kabarettisten hatten dazu einen Text verfasst in den Siebzigern, der sich über das bei solchen Anlässen erzwungene Lächeln lustig macht. "So persönlich und offen wie hier waren solche Treffen bei uns nie", sagt Staude.

Persönlich, offen. Ja, so haben die lokalen Politiker aus dem Werdenfelser Land die Mächtigen der Welt wohl tatsächlich erlebt. Barack Obama, der im eigens am Rathausplatz von Krün aufgebauten Biergarten einen Schluck alkoholfreies Weißbier trinkt, eine Weißwurst schält und dabei mit dem Ferlbauern Alois Kramer über das geplante Freihandelsabkommen TTIP spricht. Angela Merkel, die nach dem Gipfel voll des Lobes für die Region war. Weil es so schön ist hier, weil die Organisation so gut geklappt hat, weil es so ruhig geblieben ist. So haben es auch Millionen Menschen vor ihren Fernsehern erlebt. Weißblauer Himmel, leuchtende Gipfel, Menschen in Tracht, blühende Wiesen vor Elmau, über die Staatenlenker zur Erholung spazieren, wenn sie gerade eine Pause vom Regieren machen. Ein bayerischer Gipfel also, wie er in keinem Prospekt kitschiger hätte gezeigt werden können.

Diese Bilder sollen nun Gäste in die Ferienregion locken, da sind sich die bayerischen Politiker von der Staatskanzlei bis zu den Rathäusern in der Region einig. "Ich bin sicher, dass das Werdenfelser Land und ganz Bayern vom G-7-Gipfel profitieren werden", hatte Ministerpräsident Horst Seehofer in seiner Gipfelbilanz gesagt. Die Maschinerie läuft bereits: Auf dem Rathausplatz von Krün wird demnächst eine Obama-Biertisch-Garnitur aufgestellt; der Tisch und die beiden Bänke werden in ein Fundament verschraubt, weil das Souvenir sonst schnell weg wäre. Die Krüner besitzen allerdings nur die Bank, die neben jener stand, auf der Obama saß. Das Original hat sich die Brauerei Karg aus Murnau zurückgeholt - jeder will vom Gipfel profitieren. An der Nebenan-Bank soll ein Foto von Obama, Merkel, deren Mann Joachim Sauer und dem Krüner Bürgermeister Thomas Schwarzenberger angebracht werden, das zeigt, wie die Protagonisten auf der originalen Bank sitzen. Wenn sich Touristen künftig auf der Bierbank fotografieren, umrahmt sie das gleiche Panorama wie Barack Obama. Postkarten mit den schönsten G-7-Motiven sind bereits bestellt.

Der Gipfel soll schließlich Geld bringen. Kaum jemand im Werdenfelser Land will da noch groß diskutieren, dass bei diesem Gipfel auf bayerische Art die Demonstranten mit geballter Staatsmacht so weit wie möglich vom Ort des Geschehens ferngehalten wurden. Auch Wanderführer Ronge nicht, er hält sich lieber an Statistiken: 17 000 Polizisten seien im Einsatz gewesen, sagt er. Oder 20 000, je nach Zählweise. Genau weiß es bis heute niemand. Dazu: knapp 4000 zugeschweißte Gullydeckel. Kutschpferde mit Sicherheitsausweis. 400 Brezen, die gescannt wurden, bevor sie auf den Biertisch durften. Ronge ist um kaum ein Detail verlegen, er hat alles zusammengetragen, was in den Medien stand. Drumherum webt er ein paar Anekdoten - wie die von den Biergläsern, aus denen Obama und Merkel getrunken haben. Die gelten mittlerweile als bayerisches Kulturgut, Touristen in Krün werden sie bis 2018 im Dokumentationszentrum im Rathaus zu sehen bekommen. Danach werden die Gläser ins neue Haus der bayerischen Geschichte nach Regensburg gebracht.

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