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Eistauchen:Nichts für Warmbader

Während die einen oben ihre Bahnen auf Schlittschuhen ziehen, wagen sich kühne Taucher unter die 30 Zentimeter dicke Eisdecke des Weissensees in Kärnten. Warum nur?

Interview von Hans Gasser

Sebastian Feigl, 28, betreibt seit drei Jahren zusammen mit seiner Freundin Michaela Trum eine Tauchbasis am Weissensee in Kärnten. Jetzt im Winter bieten sie dort Eistauchen an, unter der geschlossenen Eisfläche. Warum man sich bei minus vier Grad durch ein Loch im Eis ins Wasser stürzen sollte, erklärt Sebastian Feigl.

SZ: Wie sind die Badebedingungen im Weissensee?

Sebastian Feigl: An der Oberfläche am Loch hat das Wasser zwei Grad, darunter vier Grad. Wir hatten dieses Jahr ein Mordsglück, das Eis war viele Wochen lang glasklar, sogenanntes Spiegeleis, man konnte durchschauen wie durch eine Fensterscheibe. Wir schneiden mit der Motorsäge dreieckige Löcher rein für die Taucher, die an den Wochenenden zu uns kommen. Der Februar ist meist der beste Monat zum Eistauchen.

Warum dreieckige Löcher?

Damit sich die Taucher besser rausziehen können. Das Tauchequipment ist recht schwer, etwa 20 Kilogramm plus Bleigewichte. Im Eck kann man sich gut aufstützen und aufs Eis wuchten. Zurzeit ist es 30 Zentimeter dick, ab 15 Zentimeter wird es meist freigegeben. Allerdings ist es durch die warmen Temperaturen am Rand schon wieder aufgetaut. Wir nutzen am Wochenende deshalb nur noch zwei Löcher, die sicher über einen Steg zu erreichen sind.

Weshalb ist es gut, wenn das Eis durchsichtig ist?

Dann gibt es viel besseren Licht- und Sonneneinfall, man taucht unterm Eis und sieht die Eisläufer an der Oberfläche. Dieses Jahr war der ganze See für Schlittschuhläufer freigegeben.

Und was passiert, wenn ein Eisläufer ins Tauchloch fällt?

Das passiert nicht. Wir sperren die Löcher mit Flatterband ab und stellen auch noch die herausgeschnittenen Eisstücke wie Skulpturen ums Loch auf. Das sind schöne Fotomotive. Viele Eisläufer halten auch deshalb bei uns an.

Warum tut man sich das an, im Winter in so ein eiskaltes Wasser zu hüpfen?

Der Reiz ist erst mal, in einem See zu tauchen, der komplett mit Eis bedeckt ist. In der Tauchersprache nennt sich das "Overhead Environment". Schön anzusehen sind die aufsteigenden Luftblasen, die die Taucher ausatmen, und die unten am Eis stehen bleiben, beziehungsweise kleine Kanäle unters Eis fräsen, weil die Luft wärmer ist. Das zusammen mit dem Sonnenlicht, das durch das Eis gebrochen wird, ist schön anzuschauen und sehr gut zu fotografieren.

Sieht man keine Fische?

Kaum. Denn die Fische sinken im Winter ab zum Grund, wo die Wassertemperatur stabil ist, und verstecken sich dort, eine Art Winterruhe. Gerade sind aber unter den Stegen junge Barsche zu sehen. Da wegen der Eisdecke kein Wind und keine Bewegung des Wassers da ist, setzen sich alle Schwebeteilchen und Sedimente am Boden ab und man kann bis zu 30 Meter weit schauen.

Und was sieht man da so?

Unsere Löcher sind immer an Stellen, an denen es etwas zu sehen gibt. Zum Beispiel an der Uferkante, wo ein Hang abgerutscht ist und man jetzt unter Wasser jede Menge übereinander liegender Bäume sieht. Ein Riesen-Mikado. An einem anderen Loch ist eine alte Holzkutsche in sieben Meter Tiefe versenkt oder eine Madonnenstatue in elf Metern Tiefe. Zudem tauchen bei uns immer zwei Personen gleichzeitig, so kann man gut Fotos voneinander unter dem Eis machen, zum Beispiel, wie man kopfüber auf dem Eis läuft.

Wie bitte?

Ja, das ist eine witzige Sache. Wenn man sich umdreht, kann man sich mit den Flossen aufs Eis stellen und Fotos schießen, wie die Luftblasen am Körper nach oben wandern, also genau umgekehrt wie auf der Erdoberfläche. Wir hatten sogar schon Taucher, die haben Hockey gespielt unter dem Eis, mit Schlägern und einem Ball der Auftrieb hatte.

Es geht also vor allem auch um gute Fotomotive?

Das Fotografieren spielt schon eine wichtige Rolle, viele haben teure Ausrüstung dabei. Aber es geht schon auch um das Extreme, dass man unter dem Eis ist, wo man nicht auftauchen kann. Wir haben großteils erfahrene Taucher.

Für viele Menschen ist das eine Horrorvorstellung. Wie gefährlich ist das?

Wir tun natürlich sehr viel für die Sicherheit. Die zwei Taucher hängen an einer 30 Meter langen Leine und sind auch untereinander verbunden. Oben am Eis ist die Leine an einer Eisschraube befestigt, und ein Mann steht dort und hält sie. Durch Ziehen an der Leine können die Taucher mit dem Mann auf dem Eis kommunizieren. Zweimal ziehen heißt: alles ok. Mehr als dreimal ziehen: Es gibt ein Problem, holt uns raus. Wir haben Trockenanzüge an, das heißt, da kommt kein Wasser rein, außer ein bisschen unter die Kopfhaube. Unter dem Anzug hat man einen dicken Unterzieher. Jeder Taucher hat zwei Atemregler, falls einer vereist.

Merkt man also vom kalten Wasser nichts?

Doch, man merkt die Kälte auch durch den dicken Anzug. Wir sind zwischen 15 und 30 Minuten im Wasser. Wenn man rauskommt, kühlt man nicht gleich aus wegen des Trockentauchanzugs.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um eistauchen zu können?

Es braucht den Advanced Open Water Diver (AOWD), das ist der zweite Schritt nach dem ersten Tauchkurs. Zudem sollte Erfahrung mit Trockenanzügen und Süßwassertauchen da sein. Und ungefähr 70 Tauchgänge sollte man bereits gemacht haben, bevor man bei uns den Eistauchkurs machen kann.

Woher kommen Ihre Gäste?

Zuletzt hatten wir Briten, aber auch Holländer, die hier nicht nur eislaufen, sondern auch eistauchen sowie Österreicher, Deutsche, Schweizer.

Und nach dem Tauchen gibt's erst einmal einen Schnaps?

Nein, bei uns gibt es zum Aufwärmen einen Glühwein am Holzofen.

© SZ vom 27.02.2020
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