bedeckt München
vgwortpixel

Tren Crucero in Ecuador:Es gibt nun Kühlschränke. Was wird aus dem Eismann?

Die Bahnfahrt ist eine luxuriöse Sightseeingtour durch das halbe Land, der Weg ist das Ziel. So langsam es auch geht, die Landschaft bleibt kurzweilig. Südlich von Quito folgt der Zug der sogenannten Straße der Vulkane auf einer Hochebene durch die Anden. Neun schneebedeckte Kuppen sieht man mit etwas Glück vom Platz im Waggon aus. Die erste gehört dem Cotopaxi, er ist noch aktiv und liegt in einem eigenen Nationalpark jenseits der Baumgrenze. Wilde Pferde grasen an seinen Hängen, Kondore fliegen über sie hinweg. Der Chimborazo ist mit mehr als 6000 Metern der höchste Vulkan, er ist nicht mehr aktiv. Auf dem Weg zum Gipfel wurde Alexander von Humboldt 1802 höhenkrank; er brach den Aufstieg mit starkem Nasenbluten ab.

Zugreisen sind altmodisch, und der Tren Crucero ist es besonders. Beim Essen kommt man mit den Tischnachbarn zwangsläufig ins Gespräch: Das Paar aus Australien läutet die Rente ein mit einer Reise durch halb Südamerika: "Der Zug war ein großartiger Auftakt." Das Paar aus Miami fährt nur einen Tag bis zum Chimborazo mit, auf den wollen sie rauf; das Paar aus Quito hat die Zugreise bei einem Preisausschreiben gewonnen. Er, Anwalt, schimpft über den Präsidenten, sie, Betriebswirtin, erzählt, dass sie den Anwalt nur unter der Bedingung geheiratet hat, dass er niemals in die Politik geht. Beide sind sich einig, dass der Präsident zumindest dafür zu loben ist, viel Geld in die Infrastruktur des Landes gesteckt zu haben: "Das mit dem Zug hat er gut gemacht."

Tren Crucero - PR Material für Reise SE01  23.10.2014

Eine alte Bekannte: 1980 stellte die Bahn die Zugverbindung zwischen Ecuadors Hauptstadt Quito und der Küste ein. Jetzt fährt die Lok wieder.

(Foto: David Grijalva)

Ohne den Bus funktioniert der Zug nicht. Dreimal täglich steigen die Passagiere um. Zum Ausflug auf eine Rosenfarm etwa. Ecuador ist der weltweit größte Rosenexporteur. Man lernt, dass wahlweise Viagra, Aspirin oder eine kalte Dusche das Leben der Schnittblumen verlängern. Mittags bringt der Bus die Passagiere in Restaurants, wo man Quinoa-Salat und Ceviche zu essen bekommt. Quinoa, das Korn der Inka, wächst in den Anden bis auf 4000 Meter Höhe. Im Juli trägt es violette Blüten. Man sieht die Felder vom Zug aus, auch an ganz steilen Hängen über den Gleisen. Ceviche, den rohen, in Zitronensaft eingelegten Fisch, isst man im Hochland von Ecuador mit Popcorn. Letzteres sollen schon die Inka gekannt haben. Eine andere Spezialität bekommen die Zugpassagiere nie auf den Teller: Meerschweinchen.

Legendäre Reiserouten Stapfen wie die Inka
Legendäre Reiseroute "Camino Inca"

Stapfen wie die Inka

Pässe in höchsten Höhen, Schluchten mit Tropenwäldern und rätselhafte Ruinen - der aufregendste Weg nach Machu Picchu führt über den Pfad, den schon die Inka benutzten. Reise in ein untergegangenes Reich.   Anna Fischhaber

Als ob einem die Landschaft langweilig werden könnte!

Im Tren Crucero sitzt man auf Polstersesseln mit Armlehnen - alles Fensterplätze - in zwei Waggons. Dahinter folgt der Waggon mit der Bar und ganz hinten ein Panoramawagen mit offener Veranda. Ein Schachbrett, Karten und Brettspiele liegen herum. Als ob einem die Landschaft langweilig werden könnte! Zwei Kellner bringen Cappuccino und all die Früchte, die man gerade noch neben den Gleisen hat wachsen sehen und deren Namen in Europa relativ unbekannt sind: Granadilla etwa - außen orange, innen sieht sie wie Maracuja aus - oder Cherimoya, außen grün, innen weiß mit schwarzen Kernen, sehr süß und angeblich auch sehr gesund.

Hinter dem Chimborazo fährt der Zug weiter nach Guamote, ein kleines Bergdorf, in dem jeden Donnerstag ein Tauschmarkt stattfindet. Meerschweinchen gegen Plastikschuhe, Panamahut gegen Alpakadecken. Die Zuggäste sind die einzigen Touristen. Man würde den entlegenen Markt kaum finden ohne den Zug. Und viele Marktbesucher aus Dörfern und Höfen von den umliegenden Hängen würden ohne den Zug kaum je Touristen begegnen.

Urbina auf 3609 Metern ist der höchste Bahnhof an der Strecke. Der Eismann wartet schon, als der Zug einfährt. Der Eismann heißt Balthazar Ushca und hat sein ganzes Leben lang Gletschereis vom Chimborazo geholt. Jetzt ist er 70 Jahre alt, und selbst in den letzten Winkeln der Anden gibt es Kühlschränke. Früher stieg er jeden Tag hinauf bis auf 4800 Meter, wo der Gletscher beginnt, hackte große Blöcke aus dem Eis und brachte sie mit seinen Mulis hinunter nach Riobamba, um es zu verkaufen. Heute klettert Balthazar Ushca nur noch zweimal die Woche auf den Berg. Ein großer Block Eis bringt gerade mal fünf Dollar, nur die Fruchtsaftstände auf dem Markt benutzen noch Gletschereis. Man sagt, es sei so kalt, dass man es beim Trinken im Nacken spüren könne. Ushca lebt jetzt davon, die Touristen des Tren Crucero zu begrüßen. Der Präsident Ecuadors hat ihm ein Haus geschenkt, damit er über die Runden kommt.

Der Eismann wird heute genauso wenig gebraucht wie der Zug. Wie großartig, dass es sie beide noch gibt.

Info

Anreise: Flüge mit KLM oder Delta Air Lines von München oder Frankfurt/Main nach Quito hin und zurück ab ca. 900 Euro, www.klm.com, www.delta.com; der Zug fährt in Quito vom Bahnhof Estación de Chimbacalle ab.

Zugfahrt: Eine Fahrt über die gesamte Strecke von Quito nach Guayaquil mit dem Tren Crucero (vier Tage, drei Nächte) kostet inklusive aller Übernachtungen, Mahlzeiten und Ausflüge 990 Euro. Informationen zu Tickets, Fahrplan und genauer Reiseroute unter www.trenecuador.com/crucero/en

Weitere Auskünfte: Die offizielle Info-Seite des Tourismusministeriums: www.ecuador.travel/en; auch Reiseveranstalter wie Dertour oder Lernidee haben Zugrundreisen mit dem Tren Crucero im Angebot.