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Die Leuchtenburg im Saaletal:Das weiße Wunder

Weder Ritter noch Lanzen: Die Leuchtenburg bei Kahla zeigt eine originelle Porzellanschau - und erzählt damit ein Stück thüringische Heimatgeschichte.

Von Viola Schenz

Zerbrechliches statt Ritterrüstungen und Lanzen: Eine Kaffeetafel mit Porzellan des Architekten, Designers und Vordenkers der Bauhausschule Henry Van de Velde.

(Foto: Guido Werner)

Porzellan trifft Mittelalter, kündigt der Prospekt an. Zugegeben, es gibt Zusammenkünfte, die sich spannender anhören. Mittelalter klingt nach Moder, Staub und Ritterrüstung; Porzellan nach Omas Küchenschrank und Zerbrechlichkeit. Die Erwartungshaltung ist also nicht allzu hoch auf der zwölfminütigen Zugfahrt von Jena zum verlassenen Mini-Bahnhof von Kahla am Fuß der Leuchtenburg. Doch dann steht da Ulrike Kaiser, ein fröhliches, witziges, 38 Jahre altes Energiebündel. So jemand kann doch gar keine langweiligen Sachen fabrizieren. Stimmt.

Kaiser ist Direktorin der Stiftung Leuchtenburg, sie herrscht über eine 800 Jahre alte Burg im Saaletal und seit 2014 auch über eine Dauerausstellung zu Porzellan: alte Tassen in noch älteren Gemäuern. Die Burg wurde außen wie innen aufwendig restauriert, drumherum und mittendrin grätscht frech, kühn, modern und lila eine Porzellan-Ausstellung in sieben Kapiteln rein. Ein wenig Stiftungsvermögen und ein großer Bankkredit finanzieren das kulturhistorisch wie touristisch ambitionierte Unterfangen.

Vermeintlich langweilige Materialgeschichte originell rübergebracht - Frau Kaiser sei Dank. So zeigt ein Schattentheater die Entdeckung des Porzellans in China ein Jahrtausend vor den Europäern. Der weiße, durchschimmernde Stoff war mysteriös und begehrenswert zugleich. Die verzweifelten Versuche der Europäer, es den Chinesen gleichzutun, verirren sich buchstäblich im Wald. Eine Fantasiewelt und ein Alchemistenkabinett stellen die Suche nach der richtigen Rezeptur mit Kuriositäten und Fabelwesen nach. Vielleicht muss man ja bei Vollmond ein Einhorn fangen? Oder eine Porzellanblume durch eine Perlrückenkröte bestäuben lassen? Weiße Zutaten von Eiern, Kreide, Federn, Birkenrinde bis zu Engelshaar und Flusspferdfußnägeln lassen sich begutachten. "Die Chinesen hatten das Glück, die notwendigen Stoffe - Kaolin, Feldspat, Quarz - schon in der einigermaßen richtigen Mischung in der Natur zu haben", erklärt Kaiser und ergänzt lachend: "Damals versuchten wir, die Chinesen zu kopieren, nicht umgekehrt." 1710 wurde die richtige Mischung endlich auch in Europa gefunden, in drei Waagschalen können die Besucher die Elemente in die richtige Balance bringen.

Man sieht Teeschalen, die jahrhundertelang auf dem Meeresgrund auf ihre Wiederentdeckung warteten, ein klassisches Teeservice, Prunk-Porzellan, mit dem Fürsten und Herzöge einst ihre Gäste beeindrucken wollten, oder das funktionale Porzellan (Elektro-Isolatoren) moderner Zeiten. Die Exponate und Texte beschränken sich aufs Wesentliche, "wir wollen kein Museum, das einen erschlägt", sagt Kaiser. Für Freunde von Superlativen gibt es die größte Vase (acht Meter hoch, aus 360 hexagonalen Waben gefertigt) und die kleinste Porzellankanne der Welt, exakt vier mal drei mal drei Millimeter groß und erst durch eine Lupe zu erkennen.

Freunde moderner Kirchenarchitektur können in der ehemaligen Burgkapelle ein Werk des amerikanischen Designers und Schülers von Daniel Libeskind, Michael J. Brown, bestaunen: 30 Porzellan-Lamellen, mehr als fünf Meter hoch, reichen wie ein Vorhang vom Boden bis zur Decke.

Warum kam die Porzellanindustrie ausgerechnet in Ostdeutschland auf? Thüringen gehört zu den am dichtesten bewaldeten Regionen Deutschlands. Fürs Porzellanbrennen brauchte man große Hitze. Der Holzreichtum hatte schon die Glashütten erfolgreich gemacht, später kam er auch den Porzellan-Manufakturen zugute. Die notwendigen Rohstoffe waren also vorhanden und mussten nicht teuer importiert werden, ausreichend Arbeitskräfte ebenso. Um 1800 gab es 15 Manufakturen in Thüringen, um 1900 bereits mehr als 300, zwei waren damals Weltmarktführer.

Die Leuchtenburg, deren Name sich von dem muschelkalkweißen Burgberg ableitet, auf dem sie gebaut wurde, hat eine wechselvolle Historie. Sie diente als Amtsburg, war abwechselnd "Zucht-, Armen- und Irrenhaus", von 1724 bis 1871 saßen 5200 Menschen ein, Turmverliese mit Fledermaus-Kolonie erinnern an jene Zeit. Später wurde ein Kreisheimatmuseum untergebracht, 1920 eröffnete hier die erste Jugendherberge Thüringens, die 1997 wegen maroder Zustände schließen musste. Große Teile der Burg standen leer. 2007 sollte die gesamte Anlage, die seit der Wende im Besitz des Freistaates Thüringen war, versteigert werden. Sven-Erik Hitzer, ein engagierter Unternehmer, gründete eine gemeinnützige Stiftung, die die Burg erwerben konnte. Seitdem setzt Ulrike Kaiser, die im nahen Jena über die Leuchtenburg ihre Doktorarbeit geschrieben hatte, die vielen Ideen um. Jagdfallen und ausgestopfte Wildschweine wanderten in den Keller und wurden durch kunstvoll verzierte weiße Gefäße und Multimediadidaktik ersetzt. Nach dem Verlassen der Porzellanwelten "die eigene Kaffeetasse mit anderen Augen zu betrachten", lautet der selbstgesetzte Anspruch. Das gilt auch im kleinen Shop, in dem die Regale ziemlich schief hängen, weil, nun ja, gerade der Elefant durch den Laden gelaufen ist. "Bei uns darf man alles anfassen, und wenn mal was zu Bruch geht, dann ist das halb so wild", sagt die Historikerin.

Der Rundgang endet mit dem "Skywalk der Wünsche", einem Steg, der weit in das Saaletal ragt. Von hier oben darf man einen Teller, auf den man in unsichtbarer Farbe einen Herzenswunsch geschrieben hat, im 20 Meter tiefen Abgrund zerschellen lassen. Aber eigentlich braucht es diese Aktion gar nicht: Dass Scherben Glück bringen, glaubt man der fröhlichen Burgherrin auf Anhieb.

Leuchtenburg, Dorfstraße 100, 07768 Seitenroda. www.leuchtenburg.de, Öffnungszeiten: April bis Oktober 9 bis 19 Uhr, November bis März 10 bis 17 Uhr.

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Verantwortlich: Peter Fahrenholz

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© SZ vom 21.09.2017
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