Die Brüder Strudel Es strudelt

Von Cles im Nonstal nach Wien: Die Brüder Strudel schafften es, zu Hofkünstlern der Habsburger zu werden. In ihrem Heimatort im Trentino findet man heute noch ihre Spuren.

Von Helmut Luther

Etwa drei Stunden dauert die Fahrt mit dem Auto von Cles im Val di Non nach Venedig. Als die Brüder Paul, Peter und Dominik Strudel in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in die Serenissima reisten, um Malerei und Bildhauerei zu studieren, benötigten sie für diese Strecke acht bis zehn Tage.

Bei Mezzocorona nördlich von Trient geht es hinein in das Val di Non, wie das Nonstal im Italienischen heißt. So weit das Auge reicht, wachsen an den terrassierten Hängen Obstanlagen empor, ganz oben umkränzen die zackigen Ausläufer der Brentagruppe das Tal. Ab und zu, wenn man über eine Brücke fährt und tief unten in einer Schlucht der Noce-Fluss braust, kann man erahnen, wie gefährlich und mühsam das Reisen hier früher gewesen sein muss, als es nur Saum- und Treidelpfade gab. Verwitterte Burgen auf Hügelkuppen verraten jedoch, dass im Val di Non, das über Pässe mit Südtirol verbunden ist, schon immer ein reger Verkehr herrschte.

Peter, der Älteste, erhielt schon ein Jahr nach seiner Ankunft in Wien 3000 Gulden Salär

Mit seinem Roman "Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre" machte Heimito von Doderer die monumentale Jugendstil-Stiege im 9. Wiener Bezirk sowie den Strudlhof berühmt. Dass die Herren des Strudlhofes, die Brüder Strudel, in der Kaiserstadt an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert Furore machten und Paul, der Älteste, die Pestsäule am Graben schuf, ist kaum bekannt. Noch weniger, dass das Trio aus dem Val di Non stammt. Als Dominik, der jüngste Bruder, 1715 stirbt, bricht das Strudel-Imperium in Wien schnell zusammen. Johann Wilhelm, Peters Sohn und Erbe, war ein Hallodri ohne Kunstverstand, der sich einen Privatzoo leistete und einen gewaltigen Schuldenberg anhäufte. Der Strudlhof wurde verpfändet. Danach, schreibt ein Biograf, sei die Strudel-Sippe wieder in die bescheidenen Gefilde des Nonstals zurückgekehrt.

Dort ist man heute auf die drei Söhne ziemlich stolz. Einige Spuren haben sie im Tal hinterlassen. Etwa in Vervò, wo Piergiorgio Comai wohnt. Der pensionierte Volksschullehrer interessiert sich für die Geschichte seiner schon von den Römern besiedelten Heimat. Vervò liegt auf einem Hochplateau über dem Fluss Noce. Hölzerne Torbögen markieren noch die Einfahrten zu Ställen und Heustadeln, wo längst kein Heu mehr gelagert wird und keine Kühe mehr gemolken werden. Auf Fenstersimsen blühen Geranien.

"Jeder hier pflegt seinen Garten, manche halten Ziegen oder Schafe, nicht um damit Geld zu verdienen, sondern weil es Freude macht", sagt Comai. Er erwartet den Besucher am Dorfrand, eine schmale geteerte Straße führt zu einem Felsen mit der Kirche San Martino, hinter der es steil bergab Richtung Etschtal geht. Aus seiner Jackentasche holt Comai einen Bartschlüssel hervor und schließt damit eine Seitentür der Kirche auf. Aus der anderen Tasche holt er einen kleinen Spiegel, kniet sich vor den linken Seitenaltar und zwängt seine Hand mit dem Spiegel in den engen Spalt zwischen der Mauer und den hölzernen Altarpfosten. Nun lässt sich auf dem Spiegel die Künstlersignatur entziffern: 1683, heißt es über der mit ein paar Schnörkeln umrahmten Jahreszahl, habe Pietro Strobli diesen Altar geschnitzt. "Auch den Hochaltar hat ein gewisser Pietro Strobli Intagliatore aus Cles geschaffen", erzählt Comai.

Aber ob dieser Holzschnitzer (Intagliatore) Pietro Strobli der berühmte Peter Strudl ist, dessen Werke in den Wiener Museen aufbewahrt werden? Comai meint: "Hier im Tal waren viele Strobli oder Strudeli am Werk. Man muss sich die lokalen Strobli oder Strudeli als gut vernetzte Künstler-Unternehmer vorstellen. Ich tippe auf einen Verwandten." Ein Historiker aus dem Val di Non behaupte allerdings steif und fest die Urheberschaft des großen Peter Strudel. "Wie alle Lokalpatrioten möchte er ein ruhmvolles Licht auf den Heimatort werfen - und ignoriert unbequeme Fakten."

Was man sicher weiß: Nach Lehrjahren als Holzschnitzer in den Werkstätten des Val di Non kamen der um 1648 geborene Paul sowie sein zwölf Jahre jüngerer Bruder Peter nach Venedig. Dort arbeiteten die beiden in der Werkstatt des aus Bayern stammenden Johann Carl Loth nahe der Rialtobrücke. Loth ließ seine Schüler nach Originalen sowie Kopien Tintorettos, Veroneses und Strozzis malen. Die Steuerlisten der Malervereinigung, in der auch Händler von Masken, Leinwänden und Farben vertreten waren, vermerken "Piero Strubi" 1685 mit 16 Lire. Paul kam um 1680 nach Wien, wo er, nach dem Vorbild Berninis, erstmals Großplastiken schuf. Den großen Coup landete Paul Strudel, als er gegen alle Widerstände der lokalen Handwerker und Künstler mit der Projektleitung der Pestsäule am Graben beauftragt wurde. Bis zu seinem Tod am 20. November 1708 vollendete Paul Strudel 16 der 31 von Kaiser Leopold in Auftrag gegebenen lebensgroßen Statuen aus weißem Marmor für die Habsburger Ahnengalerie, die heute zum Teil den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien zieren.

Peters Siegeszug in Wien ist noch beeindruckender als die Karriere des älteren Bruders Paul. 1688 wird ihm der Titel "Kammermaler" verliehen. Nur ein Jahr später erhielt der kaum 30-Jährige vom Kaiser ein Jahresgehalt von 3000 Gulden zugesprochen, mehr bekam kein Hofkünstler. Mit seiner am Stil von Bernini geschulten Malerei belieferte er die Hauptstädter mit Porträts und religiös-mythologischen Gemälden, die heute in Wiener Kirchen hängen - etwa der Rochuskirche, der Währinger Pfarrkirche, daneben im Belvedere und der fürstlich Lichtensteinschen Galerie. Mehr Erfinder als Künstler war der 1667 geborene Dominik. Ihm ist es gelungen, Fortschritte bei der Entwässerung von Bergwerken zu erzielen.

Paul kehrte wiederholt in seine Heimat zurück. 1687 / 88 schuf er die Statuen der Heiligen Veronika und Magdalena für die Kreuzkapelle im Dom von Trient. Auch in den Seitenschiffen der Pfarrkirche Maria Assunta in Tassullo stammen einige geschnitzte Heiligenfiguren von Paul Strudel. Auch hier ist nicht klar, ob die Werke von "dem" Paul Strudel oder von einem Namensvetter stammen.

Klarheit verschaffen vielleicht die Bücher im Pfarrhaus von Cles. Im Erdgeschoss des Gebäudes wuchtet Don Renzo dicke Lederbände auf seinen Bürotisch. Im Heiratsregister entdeckt er eine Eintragung: Unter dem 4. September 1611 ist in ausladenden Buchstaben die Eheschließung von "magistrum Paulum Strudl de mitebolt et Antoniam f(i)g(liam) cavalier de Clesio" vermerkt. Dieser Magister gilt allgemein als der lokale Stammesgründer. Für den Laien ist es schwer, in dem Labyrinth gleichlautender Namen von Menschen, die laut Pfarrbuch im Nonstal getauft werden, heiraten und sterben, die drei Künstler zu finden, die in Wien bedeutende Werke schufen. Don Renzo räumt die Kirchenbücher zurück in die feuersicheren Schränke.

Immerhin: Die Via Fratelli Strudel erinnert an die Künstlerbrüder, wie sich beim Spaziergang durch die hübsche Fußgängerzone von Cles zeigt. Wo heute das Caffè Bertolasi steht, soll sich einst das "Strudlhaus" befunden haben. Sicher ist allerdings auch das nicht. Was bleibt, sind die Werke der drei Brüder oder zumindest ihrer Verwandten im Val di Non und in Trento - und natürlich in Wien. Deren Urheberschaft immerhin ist sicher.

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Verantwortlich: Peter Fahrenholz, Redaktion: Ingrid Brunner, Anzeigen: Jürgen Maukner