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Geschichte des Deutschland-Urlaubs:Am Rhein, so schön ...

Bingen am Rhein Frau hält Eichenblattkranz mit Sicht auf den Ort AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT

Seit dem 18. Jahrhundert galt der Mittelrhein als "der schönste Landstrich von Deutschland" (Heinrich von Kleist).

(Foto: imago/Arkivi)

Urlaub in Deutschland? Was für viele kürzlich noch als eher spießig galt, ist wegen Corona plötzlich wieder gefragt. Ein Rückblick auf große Sehnsuchtsziele von einst.

Dichterträume: Der Rhein

"Zu Bacharach am Rheine

Wohnt eine Zauberin,

Sie war so schön und feine

Und riss viel Herzen hin.

Und machte viel zu schanden

Der Männer rings umher,

Aus ihren Liebesbanden

War keine Rettung mehr."

So heißt es in Clemens Brentanos Gedicht über die traurige Zauberin Lore Lay. Ach, der Rhein und die Romantik. William Turner malte eine geheimnisvolle Nibelungenlandschaft, für die feine englische Gesellschaft gehörte eine Reise zu Burgen, Steilfelsen und Winzerstädtchen zum guten Ton. "Der schönste Landstrich von Deutschland ... eine Gegend wie ein Dichtertraum" schrieb Heinrich von Kleist 1801 über das Mittelrheintal zwischen Mainz und Bonn. Mit der Erfindung des Dampfschiffs und der Bahn wurde diese Reise im 19. Jahrhundert zum Erlebnis für Hunderttausende. Vornehmere residierten in Grandhotels wie der "Krone" in Assmannshausen oder dem "Dreesen" in Bad Godesberg, beide segensreicherweise erhalten. Weniger Betuchte schliefen in Fremdenzimmern, zelteten und badeten am Flussufer; man wanderte gern durch Weinberge und entlang alter Schifferpfade. Die Nationalisten trompeteten von "der Wacht am Rhein", der Fluss selbst jedoch war eher eine frühe Spaßlandschaft.

"Das blaue Buch vom Rhein" bemerkte 1955 frohsinnig: "Die meisten schauen von den Vergnügungsdampfern auf das blühende, weinfrohe Land und singen die guten und schlechten Rheinlieder." Und noch immer gibt es oben auf dem steilen Drachenfels den Glaskasten mit dem Drachen, der für eine Münze etwas scheppernd die alten Geschichten erzählt.

In der Wirtschaftswunderzeit erlebte die Rheinromantik ihre letzte Blüte. Doch die Romantik welkte umso schneller, je hemmungsloser sie sich vermarktete. Als Massen auf Schnellstraßen in Bussen herangekarrt und in Plastikfachwerkstuben mit nassgezuckerter Plörre abgefüllt wurden, da war es am Rhein gar nicht mehr so schön wie im alten Lied. Ein Glück: In jüngster Zeit gibt es viele tapfere, 2002 mit dem Status des Weltkulturerbes geadelte Versuche, die verlorene Seele zurückzufinden. Aber es ist eben leichter, eine Seele auszutreiben. Wie hatte Heinrich Heine doch über den Rhein geschrieben:

"Oben Lust, im Busen Tücken,

Strom, du bist der Liebsten Bild!

Die kann auch so freundlich nicken,

Lächelt auch so fromm und mild." Joachim Käppner

Das Echte: Im Schwarzwald

Heuernte im Schwarzwald Bauern mit Pferdekarren und Heugabeln AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT

„Ursprünglich. Kontrastreich. Entspannend. Herausfordernd“: So wird der Schwarzwald heute beworben, und so sah man ihn früher.

(Foto: imago/Arkivi)

Klar: Die Berge des Schwarzwaldes sind nicht die Alpen, sondern schlicht ein Mittelgebirge. Und "mittel": das passt ja wirklich zur Urlaubsstimmung im Coronajahr. Andererseits lohnt es sich fast immer, genauer hinzugucken. Hinter die Klischees von Bollenhut (Stroh plus 14 rote Wollkugeln), Kuckucksuhr (häufig in Fernost gefertigt) und Schwarzwälder Kirschtorte (doppelt so viele Kalorien wie ein Stück Zwetschgendatschi). Außerdem: Busladungen voller Tagestouristen. Schwarzwälderschinkennepp. Tretbootgedrängel auf dem Titisee.

All das gibt es, keine Frage.

Es gibt aber auch Moore. Weißtannen. Einsame Höfe, Bauerngärten. Es gibt die Baumblüte im Markgräfler Land, die Weinberge im Glottertal, den Blick vom Belchen hinüber nach Frankreich und in die Schweiz. Tatsächlich reißen mehr als hundert Berge im Schwarzwald die Tausendergrenze. Und sind damit gerade richtig hoch, um dem Nebel zu entkommen, der im Herbst das Tal füllt.

Seit der Fertigstellung von Schwarzwaldbahn (1873) und Höllentalbahn (1887) war das Hochfahren ein Vergnügen. Nicht nur zur Sommerfrische zuckelte man nach oben, die feine Gesellschaft fuhr Ski, lief eis und kurte solang das Geld locker saß. Von den Fünfzigerjahren an bretterte man lässig im eigenen Auto über die Schwarzwaldhochstraße, dank "Schwarzwaldmädel" Sonja Ziemann mit einer fröhlichen Vorstellung von Land und Leuten im Kopf.

Inzwischen hat zwar der nachhaltige Tourismus angezogen, manche Gasthäuser an der berühmten Hochstraße und auf den Berggipfeln allerdings verkommen und verfallen. Die Besucher ficht das nicht an. Das Statistische Landesamt meldet regelmäßig Rekordergebnisse bei den Übernachtungszahlen. Seit zehn Jahren setzt das Tourismusnetzwerk auf das "Echte" als Markenkern. "Ursprünglich, kontrastreich, entspannend, herausfordernd" solle ein Urlaub im Schwarzwald sein. Ist er ja auch. Sogar einsam zelten an ausgewählten Plätzen darf, wer durch den Schwarzwald stapft. Am besten, man kümmert sich rasch um ein Quartier weit oben. Denn die Südlichkeit der Ebene, die so schön mit den dunklen Tannen kontrastiert, steigt im Klimawandelhochsommer oft ins Unerträgliche. Monika Goetsch

Große Welt: Die deutschen Bäder

Schwarzwald Wer nicht um seiner Gesundheit zu dienen die warmen Quellen oder andere Kureinrichtung

Die große Welt in die Heimat gebracht: Mondäne Kur- und Badeorte waren Treffpunkt der High Society (Badanlage in Baden-Baden, um 1920)

(Foto: imago/United Archives)

Hätte es im 19. Jahrhundert bereits Reiseplattformen wie Lonely Planet gegeben, dann wären wohl Baden-Baden, Wiesbaden oder Bad Kissingen darin gelistet gewesen - als Orte, die man gesehen haben musste, bevor man stirbt. Aber auch ohne Internet und Influencer trafen sich Künstler, Dichter und Denker, Adel, Großbürgertum und schöne Frauen in diesen stolz "Weltbad" genannten Orten. Wer auf sich hielt, wer reüssieren wollte in der Gesellschaft, verbrachte dort den Sommer.

Baden-Baden galt gar als die mondäne Sommerhauptstadt Europas. Die Welt kam an die Oos, ein Flüsschen, das vielen Heutigen nur aus Kreuzworträtseln bekannt ist. Man reiste erster Klasse im Zug und logierte in vornehmen Hotels. Tagsüber traf man sich am Trinkbrunnen, promenierte in den Parks, abends ging man ins Theater, ins Konzerthaus und ins Spielcasino. Bedeutende Architekten entwarfen die prachtvollen Bauten, deren Stil heute als Kur-, an der Ostsee als Bäderarchitektur bekannt ist. Das ließ man sich auch durchaus etwas kosten: So baute der Architekt Christian Zais zwischen 1808 und 1810 das Kurhaus Wiesbaden für rund 150 000 Gulden.

Ach ja, so nebenher kurierten die Gäste in Thermalquellen ihre Unpässlichkeiten: Gicht, Rheuma, Arthrose. Auch für "nervöse Zustände" oder für Frauenleiden suchte man diskret Linderung. Etwa in Karlsbad, Marienbad oder Franzensbad: Goethe besuchte diese böhmischen Bäder von 1786 an sechzehn Mal. Das letzte Mal 1823, als die erst 19-jährige Ulrike von Levetzow seinen Heiratsantrag zurückwies - er war damals bereits 74 Jahre alt. Die Frustbewältigung dieser amourösen Niederlage bescherte der Nachwelt das Gedicht "Marienbader Elegie" ("... ich bin mir selbst verloren"). So waren die Weltbäder Bühne für Dramen und Inspiration für Weltliteratur. Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski verspielte sein Vermögen in der Spielbank von Baden-Baden und verarbeitete seine Sucht im Roman "Der Spieler".

Eine Gemeinde von mehr oder weniger wohlhabenden Exilrussen gibt es auch heute wieder in Baden-Baden, das sich als Destination ebenso neu erfunden hat wie andere Kurorte. Nach aufwendigen Restaurierungen reist nun wieder die Welt an, zu Wellness, Yoga, Detox. Auch Lonely Planet hat Baden-Baden entdeckt, vermutlich, weil Barack Obama und Victoria Beckham ebenfalls da waren. Ingrid Brunner

Badepaläste: Am Ostseestrand

winouj cie Swinemünde Pommern Blick auf die Seebrücke Ostsee AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT

Seebrücke von Swinemünde (heute Polen): Die Ferienorte der Ostsee lockten mit Gästeschlössern an ihr sanftes Meer (vor 1914).

(Foto: imago/Arkivi)

Was Adam und Eva für die Menschheit, sind Fischerdörfer für den Tourismus: Kein Ferienort an welcher Küste auch immer, der sich nicht auf ein solches Dorf als Keimzelle beruft. So auch in Heringsdorf an der Ostsee. Wobei die Urlaubsarchitektur dort nicht bloß zweckmäßig ist, sondern wesentlich zum Charme des Ortes beiträgt - der überdies so richtig nie ein Fischerdorf war.

Auch auf der Insel Usedom hat die Tourismusindustrie keine gewachsenen Strukturen zerstört. Denn erst 1818 ließ der Rittergutsbesitzer Georg Bernhard von Bülow eine Fischersiedlung mit einer Heringspackerei anlegen. Zugleich verkaufte er das umliegende Land als Baugrund. Adlige und wohlhabende Berliner ließen darauf Villen errichten, Bülow selbst finanzierte Logierhäuser wie das "Weiße Schloß" und ein Warmbad. 1825 startete der Badebetrieb in Heringsdorf - ein Jahr nach dem benachbarten, mondäneren (heute zu Polen gehörenden) Swinemünde. Dort wurde 1827 eine Rekordzahl vermeldet: 2200 Badegäste in einer Saison! Daran hatte auch der preußische König Friedrich Wilhelm III. seinen Anteil, durch Besuche und finanzielles Engagement.

Deutlich Fahrt nahm der Tourismus auf, als Ende des 19. Jahrhunderts die Bahnverbindungen bis in die Bäderorte reichten. Zur selben Zeit sind die markanten Seebrücken gebaut worden. Auch in der DDR gehörte die Ostsee zu den beliebtesten Urlaubszielen der Bevölkerung, die ja keine große Wahl hatte. Aber kein politischer Umbruch hat den Ostseetourismus dauerhaft beschädigt. Stefan Fischer

Bierland: Bayerns Berge und Seen

Mittagsrast am Drachenloch Bayrische Trachten AUFNAHMEDATUM GESCHÄTZT

„Mittagsrast am Drachenloch“: Keine Region verstand sich besser auf die Kunst der Selbstinszenierung als Bayern.

(Foto: imago/Arkivi)

In einem sind die Bayern schon sehr lange außerordentlich erfolgreich: den Rest der Welt davon zu überzeugen, dass sie und ihr Land etwas ganz Besonderes sind. Sie dürfen sich beim lieben Herrgott dafür bedanken, dass unter ihrem hymnisch besungenen weiß-blauen Himmel so üppige Wälder wuchern, kristallklare Seen schwappen, beeindruckende Berge aufragen. Die romantischen Maler des 19. Jahrhunderts waren die Ersten, die darin Geschäftspotenzial erkannten. Städtische Kundschaft nördlich der Mainlinie verlangte nach Gebirgslandschaften. Mit diesen Bildern verband sich aus dem Blickwinkel industrialisierter Regionen wie Berlin oder dem Ruhrgebiet die Vorstellung: Geruhsamer, traditioneller und naturnäher musste es in Bayern zugehen, ganz im Gegensatz zum Diktat von Stechuhr, Webstuhl und Dampfmaschine. Schon damals gab es auch Spötter, die Bayern als hinterwäldlerisch empfanden. Seine Entwicklung zum Sehnsuchtsziel hemmte das aber keineswegs.

Die Gastgeber bemühten sich, den Vorstellungen der Besucher zu entsprechen. Aus dem Schuhplattler, der einst von Paaren im Wirtshaus getanzt wurde, entwickelte sich ein jauchzendes Gruppenspektakel unter freiem Himmel. Dazu gehörte das Bier, für das die Brauereien schon Mitte des 19. Jahrhunderts international warben. Sie ließen auf den Weltausstellungen Blaskapellen vor bayerischen Pappmascheekulissen aufspielen. Bierpaläste kamen in aller Welt in Mode. Allein in Paris gab es um das Jahr 1900 herum hundert bayerische Ausschankstellen.

Auch die Wittelsbacher kurbelten den Fremdenverkehr an. Ihre Sommermonate verbrachten die Herrscher gerne auf dem Land, am Tegernsee, bei Berchtesgaden oder Reichenhall. Von Mitte des 19. Jahrhunderts an folgte dem Adel das Bürgertum nach und sorgte für Umsatz in Bädern und Gasthöfen. Die Könige Ludwig I. und Max II. förderten Volksfeste und das Tragen von Trachten zur Hebung des bayerischen Nationalgefühls, um die Mia-san-mia-Identität politisch zu nutzen. Schlösser wurden zu Sehenswürdigkeiten. Schon kurz nach dem Tod von Ludwig II. durften die Leute in dessen Bauten. Wahrscheinlich sollte er damit als Verschwender vorgeführt werden, tatsächlich aber mündeten die Besichtigungen in Bewunderung und touristische Strahlkraft, bis heute.

Nach 1945 stand Bayern trotz seiner Rolle im Nationalsozialismus für ein besseres Deutschland. Die ersten Plakate, die in den USA für Urlaub in Deutschland warben, zeigten eine der heute noch beliebtesten Sehenswürdigkeiten des Landes: Schloss Neuschwanstein. Jochen Temsch

Wind und Sonne: Nordseeinseln

Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurden die rauen Gestade der Nordseeinseln zum Ziel der ersten Gäste (Wangerooge, vor 1914).

(Foto: mauritius images / Alamy / Quagg)

Um Sitte und Moral zu wahren, wurden Bretterzäune errichtet und badewillige Gäste in fensterlose Karren verfrachtet. Dann zogen Pferde die schummrigen Umkleidekabinen ins Meer, sodass die Badegäste ungesehen durch eine dem Strand abgewandte Tür hinab ins Nordseewasser stiegen. Baden im Meer war etwas völlig Neues, schwimmen konnte kaum jemand. Erst im 18. Jahrhundert war der Trend zu Kuraufenthalten an der See von England nach Deutschland geschwappt.

Auf der Insel Norderney entstand 1797 das erste ostfriesische Seebad, das im Sommer 1800 bereits 250 Gäste auf die Insel lockte. Auch auf anderen Nordseeinseln erhoffte sich die teils verarmte Inselbevölkerung Aufschwung. So eröffnete auf Föhr 1819 das erste Seebad Nordfrieslands. Mit dem Rückgang der Walbestände blieben immer mehr Seefahrer daheim auf ihren Inseln und fanden hier nun Arbeit, denn jedes Jahr zogen die Seebäder mehr Gäste an. Unter ihnen Autoren und Maler, die das Spiel zwischen Wind, Sonne, Wolken, Watt und Meer in Worten und Farben einfingen.

Mit ihren Werken wuchs auch die Sehnsucht nach dem Meer, doch der Weg auf die Inseln blieb lange beschwerlich. Auf die holprige Anreise in Kutschen und Marschbahnen folgten abenteuerliche Überfahrten mit Fischerschaluppen oder Segelbooten. Oft waren Schafe und Kühe mit an Bord. Einen Aufschwung erlebte das Seebaden von 1842 an, als der dänische König Christian VIII. samt 80-köpfigem Hofstaat seine Sommerresidenz auf Föhr nahm.

Mit der Industrialisierung folgte das Bürgertum. Zeugnisse dieser Epoche sind Bauten wie das historische Kurhaus auf Juist, in denen reiche Städter die Sommerfrische genossen. Ein beliebtes Urlaubsvergnügen war neben dem gesundheitsfördernden Seebad die Jagd auf Möwen, Seehunde und Kegelrobben. Neue Zug- und Dampfschifflinien sorgten ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dafür, dass der Strom von Erholungssuchenden nicht abebbte. In den 1920er-Jahren rollten erstmals Autos über schmale Holzbohlen auf die Fähren, die bald auch einfache Bürger zum Urlaub auf die Inseln brachten. Ferienmagnet sind die Nordseeinseln bis heute, die Zeit der Sitten wahrenden Badekarren ist dagegen schon seit mehr als hundert Jahren vorbei. Carina Seeburg

© SZ vom 30.05.2020/ihe

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