Süddeutsche Zeitung

Deutschland-Reise:Ein bisschen wie in Bullerbü

Vom Sperrgebiet zum Paradies für Radfahrer: Die Grenze am Fluss Werra trennte zwei Nachbardörfer in Hessen und Thüringen. Seit der Einheit haben beide gewonnen - und Besucher finden nostalgische Urlaubsfreuden.

Von Susanne Höll

An den 25. September 1961 erinnert sich Erhard Gastrock genau. Gerade 27 Jahre war er damals alt. Ihm, seinen Eltern und seiner Frau Gerda stand das Wasser bis zum Hals. Sie wateten aus ihrem Heimatort im thüringischen Eichsfeld durch die Werra, seinerzeit Grenzfluss zwischen der Bundesrepublik und der DDR, gen Westen. Gastrock sitzt in der Küche des Familienhauses im nordhessischen Oberrieden, vor sich ein paar Fotos. "Ich hatte keine Angst", sagt er. Seine Frau dagegen schon. Sie, die gerade ihren 80. Geburtstag gefeiert hat, zeigt auf ihre Kehle und sagt: "Hier hat mein Herz geschlagen."

Die Gastrocks sind Grenzgänger, im wahrsten Sinne des Wortes. In diesen Wochen haben sie etliche Anlässe, um nachzudenken über Vergangenes und das deutsch-deutsche Zusammenleben in diesen jetzt so turbulenten Zeiten. Wer einigermaßen gut zu Fuß ist, kann auf den Spuren der Gastrocks wandern, Zeitenwenden nachspüren, zwischen zwei vom Schicksal einerseits gebeutelten, andererseits belohnten Dörfern im Dreiländereck zwischen Hessen, Thüringen und Niedersachsen, immer entlang des Grünen Bandes, das früher einmal ein Todesstreifen war und von der Ostsee bis an die Grenze zu Tschechien reicht. Man wandert hier heute durch ein sehr lang gestrecktes Naturschutzgebiet, ruhig, frische Luft, eine gigantische Oase für Tiere und Pflanzen. Vor 80 Jahren, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges, der die Teilung Deutschlands zur Folge hatte, kam Erhard Gastrock gerade in die Schule in Lindewerra: Sohn einer Bauernfamilie, die sich auch auf die Produktion von Gehstöcken spezialisiert hatte, so wie etliche andere Familien auch.

Das Handwerk der Gehstockmacher wird hier bis heute ausgeübt

Das Dorf mit seinen gut 200 Einwohnern war das Zentrum der deutschen Stockmacherei, eines in unseren Breiten fast ausgestorbenen Handwerks. Über die Werra-Brücke ins hessische Oberrieden gelangten die Geh- und Wanderstützen in die Welt. In der Nacht zum 15. April 1945 war damit Schluss. Soldaten der Wehrmacht sprengten zum Entsetzen der Lindewerrscher - so nennen sich die Einheimischen selbst - die Brückenköpfe, im Irrglauben, damit den Vormarsch der US-Truppen aufhalten zu können.

Lindewerra war damit in Richtung Westen weitgehend abgeschnitten. Doch noch gab es einen klandestinen Grenzverkehr. 1952 war auch der beendet. Die Zonengrenze wurde mit Stacheldraht befestigt, das Dorf war Sperrgebiet, Ausgangssperre für die Bewohner im Sommer ab 22 Uhr, im Winter schon zwei Stunden früher. Kaum vorstellbar für all die Touristen, die heute am Fluss spazieren oder radeln. Alles schön eben entlang des Wassers, Burgen stehen an den Rücken des angrenzenden Mittelgebirges, wer mag, kann in den wärmeren Monaten auch Bötchen fahren.

Das Regime in Ostberlin ließ aufmüpfige Charaktere im Grenzgebiet umsiedeln. Deshalb beschloss Gastrocks Vater 1961 die Flucht. Sohn Erhard hatte über die Werra hinweg Rufkontakt mit westdeutschen Grenzschützern aufgenommen, nutzte sozusagen die Gunst der Stunde. Etliche ostdeutsche Grenzwächter waren zum Mauerbau nach Berlin abgeordnet worden, die Luft war etwas reiner. Man packte ein paar Habseligkeiten in Plastiksäcke, die vier Gastrocks hangelten sich durch das Wasser in eine ungewisse Zukunft.

Die Gastrocks sind eine tatkräftige, unsentimentale Sippe, ausgestattet mit Unternehmergeist und Zuversicht. In Oberrieden gründeten sie eine Stockmacher-Fabrikation, heute mit einer Dependance und 35 Mitarbeitern ein florierendes mittelständisches Unternehmen. Die Flucht sei genau die richtige Entscheidung gewesen, sagt Erhard Gastrock. Hatte er je Heimweh nach Lindewerra? Der 85-Jährige schüttelt den Kopf. "Nein. Mit Heimweh kann man nichts verdienen. Man muss in die Zukunft schauen."

Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war der Jubel in Oberrieden deutlich leiser als im zwei Kilometer entfernten Lindewerra. Kein Wunder, die Welt, die sich vor 30 Jahren öffnete, erschien den Nordhessen bei Weitem nicht so attraktiv wie den Thüringern die Bundesrepublik. Die Grenzbewohner im Westen hatten der Grenze, so gut es eben ging, den Rücken gekehrt. Die Schaulustigen, die bis 1989 die Aussichtsplattformen an der Grenze erklommen, kamen zumeist aus entlegeneren Teilen der BRD. Sie gruselten sich beim Anblick der Sperren und fuhren wieder nach Hause.

Für Lindewerra war der 9. November ein Tag der Befreiung und des Neubeginns, für die rund 600 Oberriederer ging das Leben dagegen weiter wie bisher, vorerst jedenfalls. Zwar kauften die Westausflügler aus der DDR zunächst fast den ganzen Einkaufsladen leer. Und ins ehemalige Gasthaus von Anita Immke kamen Gäste aus Thüringen, die sie seltsam schüchtern fand. Die Frauen hätten ihre Männer reden und bestellen lassen, erinnert sie sich.

"Schlechte Zeiten sind der beste Denkmalschutz"

Die Werra-Nachbarn hatten sich auseinandergelebt. Besuche waren so gut wie unmöglich gewesen, Lindewerra lag im Sperrbezirk, der selbst von auswärtigen DDR-Bürgern nicht betreten werden durfte. Doch manche Bande aus alter Zeit trotzten Draht und Todesstreifen. Einmal im Jahr, zur Kirmes, fuhren die Oberriederer zur Grenze und spielten den Lindewerrschern auf. Inzwischen wachsen Menschen und Dinge wieder zusammen.

Fragt man den alten Herrn Gastrock, ob sein Geburtsort oder sein neues Heimatdorf stärker profitiert habe von der Vereinigung, antwortet er ohne Zögern: "Lindewerra natürlich." Stimmt. Die einst verfallenen Fachwerkbauten sind mit großer Liebe zum Detail restauriert worden. Straßen wurden neu und besser asphaltiert als in Oberrieden. Längst nicht alles ist dem Finanztopf Aufbau Ost zu verdanken. Die Eichsfelder, wie sich die Bewohner der Region nennen, sind Leute, die Haus und Hof in Schuss halten. Und sie hatten in den Jahrzehnten der DDR-Mangelwirtschaft keine Gelegenheit, an den alten Häusern und Scheunen architektonische Sünden zu begehen. "Schlechte Zeiten sind der beste Denkmalschutz", sagt Michael Geyer.

Auch er hat sein Anwesen längst auf Vordermann gebracht. Geyer ist der letzte verbliebene Stockmacher in Lindewerra. Er hat zwei Mitarbeiter, nicht 35 wie die Gastrocks in Oberrieden. Hat er je daran gedacht, in den Westen zu gehen? "Nö", antwortet er. "Weder vor noch nach der Wende." Gut möglich, dass mit ihm die Stockmacher-Tradition in Lindewerra endet. Die Tochter lebt in Oberrieden, der Sohn will zum Rettungsdienst. Geyer zuckt mit den Schultern und sagt: "Es gibt keine Garantie, dass alle Dinge weitergehen." Diese Lektion hat fast jeder Ostdeutsche nach 1989 am eigenen Leib erfahren.

In Geyers Werkstatt dürfen Neugierige, wenn sie freundlich fragen, beobachten, wie aufwendig die Herstellung eines Gehstockes ist. Knapp drei Dutzend Arbeitsgänge sind nötig, wie man auch im stets an Sonntagen geöffneten Stockmachermuseum lernt. An die Werkstatt schließt sich, wie fast an jedes Gebäude in dem idyllischen Ort, ein im Sommer üppig blühender Bauerngarten an. Am Wiesenstück zur Werra hin wachsen auf Schreber-Grundstücken meterhohe Sonnenblumen, Gemüse und Salat.

Wer nostalgische Urlaubsfrische sucht, findet sie in Lindewerra, es ist, wenn man so will, ein Werra-Bullerbü. Auf ihrem kleinen Grundstück am Fluss steht Barbara Hartleib, schaut nach den Pflanzen, darunter ein gigantisches Rhabarbergewächs. Die zierliche Frau wurde 1950 geboren, schwamm als Kind noch in der Werra. Sie erinnert sich gern an das private Leben in DDR-Zeiten. Den engen Zusammenhalt im Dorf. "Der Staat drückte uns von oben, wir hier rückten zusammen." Man ließ es sich so gutgehen, wie es irgend ging. Die Eichsfelder sind bekannt als fröhliche Feierbiester.

Hartleib hat die Euphorie des Wendejahres erlebt, dann die Härten der neuen Zeit. Ihr Mann wurde arbeitslos, fand aber schnell wieder eine Beschäftigung. Das Haus, in dem sie mit ihren beiden Söhnen lebten, mussten sie verlassen. Die Besitzer waren einst in den Westen gegangen, bekamen später ihr Eigentum zurück. Auch die Besserwessis hat sie erlebt, klar. Aber sie sagt: "Besserwisser gibt es auch bei uns genug." Im Dorf wohnen inzwischen etliche Westdeutsche, das Zusammenleben funktioniere ganz gut. Sie erzählt von dem Dankeschön-Fest, mit dem sich einige Zugezogene aus dem Westen für die freundliche Aufnahme in Lindewerra bedankt hätten. "Das ist doch nett", sagt die zierliche Frau Hartleib. Nein, verdrossen sei sie nicht, warum denn auch. "Unserer Generation geht es doch eigentlich gut."

Drei Wirtshäuser gibt es im kleinen Ort, am Wochenende ist hier alles voller Touristen

Auch Gerhard Propf geht es gut. Der 52-Jährige ist Bürgermeister von Lindewerra, im Ehrenamt, gelernter Landmaschinenschlosser, arbeitet heute in Nordhessen. Er schaut mit Wohlgefallen auf sein Heimatdorf: "Lindewerra ist aus der Isolation befreit. Es hat sich viel verändert." Drei Wirtshäuser gibt es in der Gemeinde mit heute 260 Einwohnern. Vielleicht sei das die höchste Kneipendichte pro Kopf in Deutschland, sagt er. In Oberrieden gibt es keinen Gasthof mehr. Alle mussten schließen. Wer am Abend Lust auf einen Dämmerschoppen hat, geht zur freundlichen Frau Immke. Die hat jetzt einen kleinen Getränkeladen, gegenüber der Bushaltestelle, mit einem großen Tisch im Verkaufsraum und ein paar Stühlen.

Dort sitzt an einem Spätsommerabend Mario Babacz, ein Einheimischer, inzwischen auch Ortsvorsteher von Oberrieden, das zum Kurstädtchen Bad Sooden-Allendorf gehört. In Kinderzeiten war die Zonengrenze für ihn ein Abenteuerspielplatz. Wo sonst konnte man US-Soldaten beobachten, die mit ihren Jeeps entlang des Eisernen Vorhangs patrouillierten? Auch Babacz ist überzeugt, dass Lindewerra eine große Gewinnerin der Vereinigung ist. "Aber eifersüchtig sind wir nicht, dass dort jedes Wochenende alles voll ist mit Touristen." Viele sind Werra-Radtouristen, machen Halt im Dorf, essen eine Thüringer Rostbratwurst und bestaunen die Fachwerk-Idylle. Natürlich kommen auch Besucher nach Oberrieden, die Dorfkirche ist sehenswert, auch Auswärtige lassen sich dort gern trauen und feiern anschließend auf der nahe gelegenen Burg Ludwigstein. Gab es je Neiddebatten im Dorf? "I wo", sagt Babacz. Aber manche Riederer seien froh gewesen, dass die seinerzeit dringend benötigte Ortsumgehung vor dem Fall der Mauer gebaut und finanziert worden sei. Wer weiß schon, ob das Projekt nach 1989 noch zustande gekommen wäre.

Und dann ist da noch die Sache mit der Werra-Brücke. Die Lindewerrscher wollten nach dem Ende der DDR die alte Verbindung über den Fluss zurückhaben. Thüringen erklärte sich bereit, einen Steg für Fußgänger und Fahrradfahrer zu finanzieren. Kommt nicht infrage, empörten sich die Leute. Eine Bürgerinitiative, angeführt vom heutigen Bürgermeister Propf und dem zugezogenen Westdeutschen Paul Appelhaus organisierte Proteste und setzte eine "richtige" Brücke durch, auch für Autos. In Oberrieden war damals nicht jeder glücklich über die Rekonstruktion. Das bringe womöglich neuen quälenden Verkehr ins Dorf. Die Ängste waren unberechtigt. Stattdessen profitieren die Riederer von der Passage. Wer Lust hat auf ein gezapftes Bier und eine Rostbratwurst, fährt zwei Kilometer über den Fluss nach Lindewerra. Ein neuer kleiner Grenzverkehr.

Reiseinformationen

Anreise: Mit der Bahn z. B. über Erfurt bis Heilbad-Heiligenstadt, weiter per Bus nach Lindewerra, bahn.de

Unterkunft: hof-sickenberg.de, ÜN mit Frühstück im DZ ab 40 Euro

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URL:
www.sz.de/1.4633113
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Quelle:
SZ vom 10.10.2019/ihe
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