Deutschland-Reise:"Schlechte Zeiten sind der beste Denkmalschutz"

Die Werra-Nachbarn hatten sich auseinandergelebt. Besuche waren so gut wie unmöglich gewesen, Lindewerra lag im Sperrbezirk, der selbst von auswärtigen DDR-Bürgern nicht betreten werden durfte. Doch manche Bande aus alter Zeit trotzten Draht und Todesstreifen. Einmal im Jahr, zur Kirmes, fuhren die Oberriederer zur Grenze und spielten den Lindewerrschern auf. Inzwischen wachsen Menschen und Dinge wieder zusammen.

Fragt man den alten Herrn Gastrock, ob sein Geburtsort oder sein neues Heimatdorf stärker profitiert habe von der Vereinigung, antwortet er ohne Zögern: "Lindewerra natürlich." Stimmt. Die einst verfallenen Fachwerkbauten sind mit großer Liebe zum Detail restauriert worden. Straßen wurden neu und besser asphaltiert als in Oberrieden. Längst nicht alles ist dem Finanztopf Aufbau Ost zu verdanken. Die Eichsfelder, wie sich die Bewohner der Region nennen, sind Leute, die Haus und Hof in Schuss halten. Und sie hatten in den Jahrzehnten der DDR-Mangelwirtschaft keine Gelegenheit, an den alten Häusern und Scheunen architektonische Sünden zu begehen. "Schlechte Zeiten sind der beste Denkmalschutz", sagt Michael Geyer.

Auch er hat sein Anwesen längst auf Vordermann gebracht. Geyer ist der letzte verbliebene Stockmacher in Lindewerra. Er hat zwei Mitarbeiter, nicht 35 wie die Gastrocks in Oberrieden. Hat er je daran gedacht, in den Westen zu gehen? "Nö", antwortet er. "Weder vor noch nach der Wende." Gut möglich, dass mit ihm die Stockmacher-Tradition in Lindewerra endet. Die Tochter lebt in Oberrieden, der Sohn will zum Rettungsdienst. Geyer zuckt mit den Schultern und sagt: "Es gibt keine Garantie, dass alle Dinge weitergehen." Diese Lektion hat fast jeder Ostdeutsche nach 1989 am eigenen Leib erfahren.

In Geyers Werkstatt dürfen Neugierige, wenn sie freundlich fragen, beobachten, wie aufwendig die Herstellung eines Gehstockes ist. Knapp drei Dutzend Arbeitsgänge sind nötig, wie man auch im stets an Sonntagen geöffneten Stockmachermuseum lernt. An die Werkstatt schließt sich, wie fast an jedes Gebäude in dem idyllischen Ort, ein im Sommer üppig blühender Bauerngarten an. Am Wiesenstück zur Werra hin wachsen auf Schreber-Grundstücken meterhohe Sonnenblumen, Gemüse und Salat.

Wer nostalgische Urlaubsfrische sucht, findet sie in Lindewerra, es ist, wenn man so will, ein Werra-Bullerbü. Auf ihrem kleinen Grundstück am Fluss steht Barbara Hartleib, schaut nach den Pflanzen, darunter ein gigantisches Rhabarbergewächs. Die zierliche Frau wurde 1950 geboren, schwamm als Kind noch in der Werra. Sie erinnert sich gern an das private Leben in DDR-Zeiten. Den engen Zusammenhalt im Dorf. "Der Staat drückte uns von oben, wir hier rückten zusammen." Man ließ es sich so gutgehen, wie es irgend ging. Die Eichsfelder sind bekannt als fröhliche Feierbiester.

Hartleib hat die Euphorie des Wendejahres erlebt, dann die Härten der neuen Zeit. Ihr Mann wurde arbeitslos, fand aber schnell wieder eine Beschäftigung. Das Haus, in dem sie mit ihren beiden Söhnen lebten, mussten sie verlassen. Die Besitzer waren einst in den Westen gegangen, bekamen später ihr Eigentum zurück. Auch die Besserwessis hat sie erlebt, klar. Aber sie sagt: "Besserwisser gibt es auch bei uns genug." Im Dorf wohnen inzwischen etliche Westdeutsche, das Zusammenleben funktioniere ganz gut. Sie erzählt von dem Dankeschön-Fest, mit dem sich einige Zugezogene aus dem Westen für die freundliche Aufnahme in Lindewerra bedankt hätten. "Das ist doch nett", sagt die zierliche Frau Hartleib. Nein, verdrossen sei sie nicht, warum denn auch. "Unserer Generation geht es doch eigentlich gut."

Drei Wirtshäuser gibt es im kleinen Ort, am Wochenende ist hier alles voller Touristen

Auch Gerhard Propf geht es gut. Der 52-Jährige ist Bürgermeister von Lindewerra, im Ehrenamt, gelernter Landmaschinenschlosser, arbeitet heute in Nordhessen. Er schaut mit Wohlgefallen auf sein Heimatdorf: "Lindewerra ist aus der Isolation befreit. Es hat sich viel verändert." Drei Wirtshäuser gibt es in der Gemeinde mit heute 260 Einwohnern. Vielleicht sei das die höchste Kneipendichte pro Kopf in Deutschland, sagt er. In Oberrieden gibt es keinen Gasthof mehr. Alle mussten schließen. Wer am Abend Lust auf einen Dämmerschoppen hat, geht zur freundlichen Frau Immke. Die hat jetzt einen kleinen Getränkeladen, gegenüber der Bushaltestelle, mit einem großen Tisch im Verkaufsraum und ein paar Stühlen.

Dort sitzt an einem Spätsommerabend Mario Babacz, ein Einheimischer, inzwischen auch Ortsvorsteher von Oberrieden, das zum Kurstädtchen Bad Sooden-Allendorf gehört. In Kinderzeiten war die Zonengrenze für ihn ein Abenteuerspielplatz. Wo sonst konnte man US-Soldaten beobachten, die mit ihren Jeeps entlang des Eisernen Vorhangs patrouillierten? Auch Babacz ist überzeugt, dass Lindewerra eine große Gewinnerin der Vereinigung ist. "Aber eifersüchtig sind wir nicht, dass dort jedes Wochenende alles voll ist mit Touristen." Viele sind Werra-Radtouristen, machen Halt im Dorf, essen eine Thüringer Rostbratwurst und bestaunen die Fachwerk-Idylle. Natürlich kommen auch Besucher nach Oberrieden, die Dorfkirche ist sehenswert, auch Auswärtige lassen sich dort gern trauen und feiern anschließend auf der nahe gelegenen Burg Ludwigstein. Gab es je Neiddebatten im Dorf? "I wo", sagt Babacz. Aber manche Riederer seien froh gewesen, dass die seinerzeit dringend benötigte Ortsumgehung vor dem Fall der Mauer gebaut und finanziert worden sei. Wer weiß schon, ob das Projekt nach 1989 noch zustande gekommen wäre.

Und dann ist da noch die Sache mit der Werra-Brücke. Die Lindewerrscher wollten nach dem Ende der DDR die alte Verbindung über den Fluss zurückhaben. Thüringen erklärte sich bereit, einen Steg für Fußgänger und Fahrradfahrer zu finanzieren. Kommt nicht infrage, empörten sich die Leute. Eine Bürgerinitiative, angeführt vom heutigen Bürgermeister Propf und dem zugezogenen Westdeutschen Paul Appelhaus organisierte Proteste und setzte eine "richtige" Brücke durch, auch für Autos. In Oberrieden war damals nicht jeder glücklich über die Rekonstruktion. Das bringe womöglich neuen quälenden Verkehr ins Dorf. Die Ängste waren unberechtigt. Stattdessen profitieren die Riederer von der Passage. Wer Lust hat auf ein gezapftes Bier und eine Rostbratwurst, fährt zwei Kilometer über den Fluss nach Lindewerra. Ein neuer kleiner Grenzverkehr.

Reiseinformationen

Anreise: Mit der Bahn z. B. über Erfurt bis Heilbad-Heiligenstadt, weiter per Bus nach Lindewerra, bahn.de

Unterkunft: hof-sickenberg.de, ÜN mit Frühstück im DZ ab 40 Euro

© SZ vom 10.10.2019/ihe
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