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Deutsche Inseln:Hitze am Hang

Wer auf der Weininsel im Main lebt, gehört einer Winzerfamilie an. Die meisten Winzer haben gerade ihre Trauben abgeliefert bei den Genossenschaften. Deren Kellermeister sind fortan zuständig dafür, ordentliche Weine daraus zu machen.

Schlendert man in Sommerach am Weinreich vorbei, dem mächtigen Anwesen der Winzereigenossenschaft in dem kleinen unterfränkischen Ort, das zugleich Kellerei, Handelskontor und Schenke ist, kann man es sogar riechen: 2015 wird ein großartiger Jahrgang. Süß und fruchtig ist die Luft. Das liegt an der nahezu perfekten Reife der Trauben, die gerade eingemaischt werden. Der Sommer war hier beständig extrem warm an der Mainschleife, wo Anfang Juli und Anfang August mit jeweils 40,3 Grad die deutschen Hitzerekorde gemessen wurden. Und dank der aus EU-Mitteln geförderten und inzwischen nahezu flächendeckend eingesetzten Tröpfchenbewässerung war es in den Weinbergen auch nicht zu trocken.

Die Sommeracher Winzer mussten deshalb bei der inzwischen abgeschlossenen Ernte vor allem darauf achten, dass sie es nicht überreizen: "Hundert Oechsle haben wir in diesem Jahr erreicht, manchmal auch noch ein oder zwei Grad mehr", sagt Frank Dietrich, der Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Winzerkellers Sommerach, eben jener Genossenschaft mit dem penetrant guten Duft. Ungewöhnlich hoch ist heuer also das Mostgewicht und damit der Fruchtzuckergehalt der Trauben. "Wenn wir es darauf angelegt hätten, könnten wir Weißweine mit 15 Prozent Alkoholgehalt machen", sagt Dietrich. Haben sie aber natürlich nicht, sie haben die Trauben rechtzeitig geerntet - bevor das Mostgewicht 108 oder 110 Oechsle betragen hat, was dieser Sommer durchaus hergegeben hätte. Denn auch wenn ein höherer Oechsle-Wert ein Qualitätskriterium ist, so eben doch nur innerhalb eines bestimmten Korridors. Ein Wein wird nicht automatisch immer besser, je mehr Alkohol er aufgrund eines hohen Fruchtzuckergehalts der Trauben letztlich hat.

Das Schloss Hallburg liegt in flirrender Hitze über der Mainschleife.

(Foto: Stefan Fischer)

Fränkische Weine haben inzwischen wieder einen guten Ruf. "Und die Tröpfchenbewässerung", so Dietrich, "ist auf eine weitere Qualitätssteigerung angelegt." Er ist während eines Spaziergangs zu den unteren Hängen des Katzenkopfs, der besten Sommeracher Lage, ganz begeistert von den schlanken Schläuchen zu Füßen der Rebreihen, die im Abstand von jeweils einer Handspanne kleine Wassermengen an die Weinstöcke abgeben. Zum einen komme man so bei gleicher Wirkung mit einem Fünftel der Wassermenge aus, die Sprinkler früher über die Weinberge verspritzt haben, sagt Dietrich. Und weil die Blätter und Trauben dabei nicht nass würden, entstehe auch nicht so leicht Fäule. Das Wasser entnehmen die Sommeracher Winzer dem Mainkanal.

Der Kanal. In den 1950er Jahren ist er gebaut worden; ein sechs Kilometer langer Durchstich von Volkach bis Gerlachshausen zur Erleichterung der Schifffahrt auf dem Main, der sich in seinem natürlichen Lauf in einer nördlichen und einer südlichen Schleife durch die Landschaft schlängelt. Der Kanal kürzt die zwölf Kilometer lange südliche Schleife ab - und hat das Land in der Flussbeuge zu einer Insel gemacht. Zur Weininsel.

"Mein Großvater hat den Kanal mit ausgebaggert", erzählt Frank Dietrich, so sei die Familie überhaupt erst nach Franken gekommen. Und sie ist geblieben. Der Name Weininsel stamme übrigens von dem Sommeracher Busunternehmer Arthur Heinlein, so Dietrich. Er habe ihn auf seine Fahrzeuge schreiben lassen, weil er Weininsel einprägsamer gefunden habe als Sommerach. Ein Werbeclaim also und kein Flurname. "Aber letztlich ist das doch eher eine Zufallserfindung als das Ergebnis einer Marketingstrategie", sagt Dietrich.

Naheliegend ist der Name der Insel allemal. Sommerach hat rund eintausend Einwohner, Nordheim, der zweite Ort auf der Insel, noch einmal so viele. Dann ist da die Hallburg, die aus einem größeren Winzerbetrieb und einer gleichfalls großen Wirtschaft in der Burg besteht. Dem Winzerkeller Sommerach gehören knapp 100 Familien an, zudem gibt es 20 selbstvermarktende Winzer im Ort. In Nordheim sind sogar 250 Winzer in der Genossenschaft. Daneben gibt es 50 eigenständige Winzer.

Für die meisten Winzer ist das Weinjahr nun zu Ende. Sie haben ihre Trauben abgeliefert bei den Genossenschaften, deren Kellermeister sind fortan zuständig dafür, ordentliche Weine daraus zu machen. Vor allem in Nordheim sind etliche Winzer auch Schnapsbrenner, sie werden die nächsten Monate bevorzugt mit der Herstellung verschiedener Obstbränden verbringen. Winfried Glos zum Beispiel hat bei sich daheim keine Trauben eingemaischt, dafür aber Birnen, Quitten und Mirabellen - alle aus eigenem Anbau. Bis Dreikönig wird der Brennofen, so sagt er, "jeweils von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends" laufen. Fünf Brennvorgänge schafft Glos so pro Tag, das ergibt etwa zehn Liter Schnaps.

Herbstliche Weinberge

Farbenspiel am Hang: Die Weinberge bei Nordheim.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Der Großteil der Winzer hat wie Winfried Glos noch ein zweites wirtschaftliches Standbein; die meisten hier sind also Nebenerwerbs-Winzer. Dennoch hat in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Fokussierung auf den Weinbau stattgefunden - und auf den Tourismus. Spargelanbau, Viehwirtschaft, das haben viele Grundbesitzer auf der Insel aufgegeben, teilweise auch den Obstanbau. Die Nordheimer Filiale eines Metzgers aus Volkach hat zwar nur dienstags und samstags geöffnet, und die Rathausverwaltung mitsamt der Touristeninformation kann sich mitten in der Herbstsaison eine einwöchige Betriebsruhe erlauben - aber verschlafen ist der Ort keinesfalls. 250 Gästebetten haben sie in Nordheim, verteilt auf eine Vielzahl von Pensionen, die die Winzerfamilien betreiben. Die Zahl der Stellplätze auf dem Campingplatz ist gerade auf 50 verdoppelt worden. Derzeit haben ein halbes Dutzend Heckenwirtschaften geöffnet. Und die schicke Vinothek Divino in Nordheim ist, ähnlich wie das Weinreich in Sommerach, voller Kunden. Die Mitarbeiterinnen kommen mit dem Einschenken kaum nach, so viele Menschen möchten hier einen Müller-Thurgau und dort einen Schwarzriesling probieren. Manche gehen deshalb ungeduldig zur Selbstbedienung über. Was die Angestellten für keine so gute Idee halten. Insgesamt ist die Stimmung jedoch gelöst; viele Kisten werden in viele offene Kofferräume verladen. Seine Kunden seien zwar keine Sterne-Weintrinker, hat Frank Dietrich drüben in Sommerach gesagt, aber doch Menschen, die bereit seien, ein, zwei Euro mehr für eine ordentliche Flasche auszugeben. Das ist hier in Nordheim genauso.

Der schönste Ort auf der Insel, um einen Wein zu trinken, ist ein Biergarten

Divino ist der neue Name, den sich die Nordheimer Genossenschaft gegeben hat in der Absicht, damit dem Zeitgeist besser gerecht zu werden - es ist der etwas ungelenke Versuch eines Wortspiels: Divino steht für "die Winzer Nordheims". Aber mit einem "w" wollten sie Divino dann doch nicht schreiben. Ernst genommen werden sie dennoch: Bei der Sommerverkostung des durchaus renommierten Mundus-Vini-Wettbewerbs wurde die Genossenschaft soeben als bester Betrieb in Deutschland ausgezeichnet. Derzeit haben sie zehn angehende, zum Teil auch schon ausgebildete Winzer in der Kellerei zu Gast, unter anderem aus Neuseeland, Südafrika, Italien und sogar Finnland - man holt sich Inspiration ins Haus.

Überhaupt wird viel investiert auf der Weininsel und um sie herum. Vor allem in die vielen neuen Gäste-Unterkünfte. In Volkach gibt es inzwischen einen großen Kajak-Verleih. In der zu dem Städtchen gehörigen Vogelsburg wird gerade mächtig an- und umgebaut, um sie als Ausflugsziel, Hotel und Lokalität für Hochzeiten wieder attraktiv zu machen. Der Tourismus in Bayern hat in diesem Jahr wieder Rekordmarken erzielt, besonders stark wächst er in Franken. Und all die Camper, Paddler, Radfahrer sind häufig auch Weintrinker und Weinkäufer. In der Nähe der Vogelsburg können sie mit einer Gierseil-Fähre über den Altmain setzen. Pendler nach Würzburg benutzen sie, außerdem Winzer, die an den Steilhängen des der Insel gegenüberliegenden Mainufers Weinberge haben. Und vor allem Touristen. Für Fußgänger kostet die minutenkurze Überfahrt 70 Cent. Der Fährmann Edmund Gürsching kommt mit dem Kassieren kaum nach. 200 000 Passagiere befördern er und seine Kollegen pro Jahr.

Viele Besucher finden auch den Weg hinauf zum Schloss Hallburg. Es ist der größte gastronomische Betrieb auf der Insel, mit einem riesigen Biergarten, der so heißt, auch wenn vor allem heimischer Wein ausgeschenkt wird. Die Pächterin Karin Molitor-Hartmann veranstaltet Jazz-, Pop- und Rockkonzerte, zu denen mitunter 500 Zuschauer kommen: "Und das, obwohl wir keine Stadt drumherum haben. Die Leute müssen gezielt zu uns kommen." Karin Molitor-Hartmann ist die erste von zwei deutschen Weinköniginnen, die von der Insel stammen. Auf Werbetouren in Japan und den USA war sie 1982 und 1983 für den deutschen Wein, hat danach Betriebswirtschaft studiert - und ist wieder zurückgekehrt, wenn auch nicht als Winzerin. "Man lernt viel", sagt sie über ihre Zeit als Weinkönigin, in ihrem sonnenbeschienenen Biergarten sitzend, "unter anderem: Auch Hochdotierte sind normale Leute." Mit dieser offenherzigen Bodenständigkeit fahren sie sehr gut auf der Weininsel. 2015 ist ein gutes Jahr, in jeder Hinsicht.

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