Süddeutsche Zeitung

Bahn:Die Rückkehr der Nachtzüge

Lesezeit: 4 min

Erstmals seit fast zehn Jahren fährt wieder ein Nachtzug zwischen Berlin und Paris. Auch in andere europäische Städte gibt es wieder mehr Verbindungen. Ein Überblick.

Von Marco Völklein

In Berlin einschlafen, in Paris aufwachen und dabei auch noch CO₂ einsparen - das ist seit dieser Woche möglich. Denn erstmals seit fast zehn Jahren fährt nun wieder ein Nachtzug zwischen den beiden europäischen Hauptstädten. Wer möchte, kann auch nach Belgien reisen: Denn eine Hälfte des neuen Nachtzugs fährt nach Brüssel, die andere nach Paris. Damit entsteht eine Alternative zum Flugzeug auf diesen beiden innereuropäischen Verbindungen.

Die Verbindung betreiben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) in Kooperation mit der Deutschen Bahn (DB), der französischen Staatsbahn SNCF sowie der belgischen NMBS/SNCB. Dabei steuert der österreichische Schienenkonzern, der schon seit Längerem den Nachtzugverkehr in Europa vorantreibt, die Waggons des sogenannten Nightjets bei. Personell besetzt und beworben werden die Züge von allen beteiligten Eisenbahnunternehmen. Auch der Ticketvertrieb läuft über die vier beteiligten Unternehmen. Ankommen werden die Fahrgäste am Bahnhof Paris Est. Dreimal pro Woche soll der Nachtzug zunächst zwischen Berlin, Paris und Brüssel fahren. Voraussichtlich von Oktober 2024 an wird die Verbindung, sofern alles klappt, täglich bedient, hieß es.

Mitte der 2010er-Jahre hatte sich die Deutsche Bahn aus dem Nachtzuggeschäft zurückgezogen. Den Schritt hatte der Konzern damals mit hohen Investitionen begründet: Das teils völlig veraltete und über die Jahre auch vernachlässigte Wagenmaterial hätte für viel Geld erneuert beziehungsweise komplett ersetzt werden müssen. Fachleute hielten den Schritt schon damals für einen Fehler - und mittlerweile wächst der Druck auf den Konzern weiter. Zunächst übernahmen die ÖBB viele alte Waggons, peppten diese (meist nur optisch) etwas auf und betrieben so das Nachtzugnetz mit zunehmendem Erfolg weiter. In den vergangenen Jahren bauten die Österreicher ihr Nightjet-Netz dann kontinuierlich weiter aus.

Und auch andere Bahnunternehmen stiegen zuletzt in den Markt ein: So nahm der niederländische European Sleeper dieses Jahr eine Verbindung zwischen Berlin und Amsterdam auf. Und der schwedische Bahnbetreiber SJ bietet seit dem Frühjahr einen Nachtzug zwischen Hamburg und Stockholm an.

Hinzu kommt: Wegen der Klimakrise entstand eine Diskussion darüber, inwiefern schnelle und komfortable Nachtzugverbindungen zwischen europäischen Metropolen innereuropäische Flüge ersetzen und damit zum Klimaschutz beitragen könnten. Deshalb kooperiert die DB nun bei Nachtzügen mehr und mehr mit anderen Betreibern. Eigene Züge setzt sie bisher aber nicht ein. Von einer Renaissance des Nachtzugs bei der Deutschen Bahn wollen Kritiker deshalb vorerst auch nichts wissen.

"Kurzfristig ist das auch kaum möglich", sagt Dirk Flege vom Interessenverband Allianz pro Schiene. "Selbst wenn sich die DB heute entscheiden würde, mit neuen Fahrzeugen wieder in den Markt einzusteigen - was die Allianz pro Schiene sehr begrüßen würde -, bräuchte es mindestens vier bis fünf Jahre, bis das Angebot letztendlich auf der Schiene wäre." Aber nicht nur bei der Deutschen Bahn, auch europaweit sieht Flege Nachholbedarf: "Die neue Nachtzugverbindung von Berlin nach Paris und Brüssel ist die Antwort auf die stetig wachsende Nachfrage der Reisenden", sagt er. "Wir wünschen uns darüber hinaus auch attraktive direkte Nachtzugverbindungen von Deutschland nach Großbritannien, Spanien und Südfrankreich, um die Reise noch komfortabler zu machen."

Immerhin: Zum Fahrplanwechsel am vergangenen Sonntag wurde auch eine weitere tägliche Verbindung mit Schlaf- und Sitzwagen auf der Linie von München über Wien und Krakau nach Warschau in Betrieb genommen.

Auch hier kooperiert die DB mit anderen Bahnbetreibern, nämlich der polnischen PKP, der tschechischen ČD sowie den ÖBB. Der Zug hält auf seinem Weg nach Warschau unter anderem in Rosenheim, Salzburg und Linz. Bereits im Dezember 2022 hatte die DB nach eigenen Angaben zusammen mit ihren Partnerbahnen die Nachtzuglinie Zürich - Prag ausgebaut sowie die Nachtzugverbindung München-Venedig/Rijeka/Zagreb/Wien-Budapest zum Start- beziehungsweise Zielbahnhof Stuttgart verlängert.

Die Abteile haben jetzt eigene Toiletten und Duschen

Auf den ÖBB-Relationen Hamburg - Wien und Hamburg - Innsbruck fahren zudem nach Angaben des Unternehmens neue Nightjet-Garnituren, die den Reisenden mehr Komfort bieten sollen. Alle Abteile im Schlafwagen sind dort laut ÖBB nun mit einer eigenen Toilette und einer Duschmöglichkeit ausgestattet. In den Liegewagen sind den Angaben zufolge jetzt auch Einzelkabinen buchbar. Im Laufe des kommenden Jahres sollen die Züge laut ÖBB auch auf weiteren Strecken eingesetzt werden.

Die Nachfrage nach der neuen Verbindung zwischen Berlin und Paris beziehungsweise Brüssel indes sei hoch, heißt es bei der DB. "Über die Feiertage sind die neuen Nachtzugverbindungen sehr gut gebucht." Erst danach gebe es wieder "ausreichend freie Kapazitäten". Und grundsätzlich gelte: "Sobald wir eine neue Nachtzugverbindung zusammen mit unseren Partnerbahnen aufnehmen, gibt es einen regelrechten Buchungsboom."

Ein Dämpfer für die Fans des neuen Nachtzugs zwischen Berlin und Paris könnten allerdings die relativ hohen Preise sein. Das günstigste Angebot für eine Fahrt Anfang Januar kostet aktuell knapp 45 Euro pro Person, allerdings für einen Sitzplatz inklusive Reservierung in der zweiten Klasse. In den Liegewagen reichen die Preise von knapp 100 Euro (Liegeplatz im Abteil mit sechs Liegen) bis zu mehr als 600 Euro (Privatabteil Liegewagen). Im Schlafwagen mit Betten kostet eine Fahrt zwischen 165 Euro für eine Fahrt im Abteil mit drei Betten bis zu 475 Euro für ein Abteil mit einem Bett (alle Preise: Stand 11. Dezember).

Nicht nur für viele Familien dürfte das teuer sein. "Es ist sicherlich kein Schnäppchen, das ist nichts für Leute, die ausgesprochen kostengünstig reisen möchten", sagt Detlef Neuß vom Fahrgastverband Pro Bahn. Das Angebot richte sich vor allem an Geschäftsreisende. "Da steht der Preis nicht so im Vordergrund, sondern vor allem Bequemlichkeit und entspanntes Reisen." Trotzdem sei die neue Verbindung ein Schritt in die richtige Richtung, betont der Fahrgastvertreter. Es brauche mehr Alternativen zum Flugverkehr auf der Schiene.

Das Potenzial des grenzüberschreitenden Schienenverkehrs ließe sich allerdings noch ausweiten, beklagen Mobilitätsforscher. Denn nach wie vor ist das Reisen mit der Bahn über europäische Ländergrenzen hinweg kompliziert. So existiert beispielsweise nach wie vor keine von den europäischen Bahnen gemeinsam betriebene Plattform, über die man sämtliche Buchungen einfach und bequem abwickeln könnte.

Mit Material von dpa.

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