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D-Day:Am Strand der Geschichte

Sechzig Jahre nach der Invasion der Alliierten: In der Normandie wird der Krieg multimedial aufbereitet.

Landschaften verraten kaum je ihre Schicksale; anders ist es mit Städten. Dieser Unterschied springt einen förmlich an, nähert man sich von Paris her kommend dem malerisch am Fluss Orne gelegenen Caen, das seit den Tagen Wilhelms des Eroberers im 11. Jahrhundert Bayeux als Hauptort der Basse-Normandie ablöste.

Von fern ist die Silhouette der Stadt vielversprechend. Eine Burg ist auszumachen, Kirchtürme überragen weit die Dächer der um sie gescharten Häuser.

Das Bild scheint vertraut zu sein, aber je näher man kommt, desto deutlicher wird, dass es sich nur um eine Kulisse handelt. Die urbane Wirklichkeit ist geprägt von der architektonischen Einfallslosigkeit der frühen fünfziger Jahre, als es galt, die Zerstörungen des Krieges so rasch wie möglich zu beseitigen, worin manche die Chance zu erkennen wähnten, sich den Traum der vermeintlich modernen, der autogerechten Stadt verwirklichen zu können. Dafür gibt es in Deutschland zahllose Beispiele, nicht so in Frankreich.

Schnittpunkt aller Wege

Caen ist eine der wenigen Ausnahmen. Die Stadt war im Frühsommer 1944, nachdem die Alliierten am 6. Juni zwischen Courseulles-sur-Mer im Osten und den Dunes-de-Vareville im Westen an der normannischen Küste gelandet waren, fünf Wochen lang Schauplatz erbitterter Kämpfe.

Was ihr Schicksal besiegelte, war ihre strategische Lage: Caen liegt im Schnittpunkt aller wichtigen Verkehrswege, die von der Küste ins französische Hinterland, vor allem aber nach Paris führen.

Die rasche Einnahme der Stadt durch die Alliierten war deshalb ganz entscheidend für den weiteren erfolgreichen Verlauf der militärischen Operationen.

Das erklärt die Erbitterung und die verhältnismäßig lange Dauer der hier tobenden Kämpfe, die von den verbündeten Amerikanern, Briten und Kanadiern, in deren Reihen auch polnische und französische Einheiten kämpften, vor allem mit ihrer weit überlegenen Feuerkraft entschieden werden sollten.

Als die Schlacht um Caen endete, war die einst schmucke Stadt mit ihren alten, stattlichen Bürgerhäusern nur noch eine Trümmerwüste, in der lediglich die ebenfalls weitgehend zerstörten Kirchen die einstige urbane Topographie markierten.

Von der Burg sowie dem kleinen Altstadtviertel auf dem linken Flussufer, das dem Feuersturm wundersam widerstand, sind es vor allem diese Kirchen, die in das Rastergitter neu trassierter und einfallslos bebauter Straßenzüge eingesprengt sind, die vom alten Glanz wie auch der Tragödie, die Caen vernichtete, erschütterndes Zeugnis geben.

Ein exemplarisches Zeugnis dafür sind die Überreste einer hölzernen Skulptur des Gekreuzigten, die in Saint Jean zu sehen sind: Den Flammen, die das Innere des Gotteshauses zerstörten, fiel auch dieses Bild des Schmerzenmanns zum Opfer, den sie bis auf dessen Kopf verzehrten, der auf dem Bruchstück einer rußgeschwärzten Brusthöhle ruht.

Das ist fraglos das stärkste Symbol, das nicht nur von der Vernichtung der Stadt Caen kündet, sondern auch den Krieg als frisch-fröhliche Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln nachdrücklich verurteilt.

Der "Mémorial de Caen", eine aufwendig gestaltete und mit allerhand Multi-Media-Firlefanz ausgestattete Gedenkstätte fällt in ihrer Wirkung dagegen erheblich ab, verliert sie sich doch in einer allzu wohlfeilen friedenspädagogischen Beliebigkeit.

Sie sucht nicht nur das Geschehen des Zweiten Weltkriegs in allen seinen fürchterlichen Aspekten zu thematisieren, sondern auch die Geschichte des darauf folgenden Kalten Kriegs zu schildern.

Das ist überhaupt das Problem, das sich hier stellt: Wie soll man angemessen und vor allem verständlich für jene, die der "Gnade der späten Geburt" teilhaftig sind, an ein grausames Geschehen erinnern, das vor nunmehr sechzig Jahren im Morgengrauen des 6. Juni 1944 an den nordwestlich von Caen gelegenen Stränden zutrug, an denen das größte militärische Landungsunternehmen der Geschichte stattfand?

Vereinzelte, mit dicken Betonmauern armierte Bunker oder Geschützstellungen, die entlang des Küstensaums auszumachen sind und die von der Nazi-Propaganda zur Drohkulisse des "Atlantikwalls" aufgebauscht wurden, machen dem spähenden Auge heute allenfalls nur noch den Effekt von düsteren Synkopen: Sie wurden längst von der je nach Lichtstimmung zwischen Schwermut und Heiterkeit oszillierenden Harmonie der Landschaft vereinnahmt.

Wesentlich martialischer und beeindruckender nehmen sich dagegen die wild gezackten Felswände aus, die sich massig und düster gegen den Horizont abheben, zwischen denen sich jeweils die breiten Sandstrände der einzelnen Landungszonen erstrecken.

Von West nach Ost: Utah Beach, Omaha Beach, Gold Beach, Juno Beach und Sword Beach, wie die militärischen Tarnnahmen für die den jeweiligen alliierten Einheiten zugewiesenen Landungsabschnitte lauteten.

Was sich an blutigem Geschehen hier am 6. Juni und den folgenden Tagen abspielte, heute sich vorstellen zu wollen, scheitert an der ostentativen Unschuld dieser Orte, an denen die Gezeiten längst alle Spuren, die allenfalls noch darauf hindeuten könnten, beseitigt haben.

Nein, es sind dies heute einfach nur noch Strände, an denen sich an schönen Sommertagen die Badelustigen in hellen Scharen versammeln, die zu Wanderungen oder sonstigem sportlichen Vergnügen einladen, kurz, sie machen keinerlei Ausnahme von der vertrauten Szenerie der normannischen Küste.

Diesen Orten eine Erinnerung einzustiften, ist deshalb die Aufgabe der Denkmale, die allenthalben in sicherer Distanz zur Brandung und hinter dem Dünenkamm errichtet wurden, der kleinen Museen, die vor allem in den letzten Jahren errichtet wurden.

Entstanden sind dabei ausnahmslos Gehäuse museumspädagogischer Ernüchterung, die mit allerhand inszenatorischen Tricks etwas zu vergegenwärtigen suchen, was sich einem rückblickenden Erleben dennoch entziehen muss.

Das hängt zum einen damit zusammen, dass modernem Kriegsgerät, das hier gezeigt wird, allenfalls eine technische Faszination eignet, die sich, was pädagogische Absicht sein muss, kaum als moralische Einsicht verzinst, wie nicht zuletzt die bruchstückhaft vernehmbaren Kommentare der wenigen Besucher erkennen lassen.

Das Grauen lässt sich nicht museal darstellen

Ebenso misslingt das Bemühen, dieses Versagen der ausgestellten Objekte durch allerhand multimediale Effekte zu überspielen. Vor allem die auf Rundhorizonte projizierten Filmaufnahmen, die das Geschehen an jenem 6. Juni in historischen Aufnahmen wiedergeben, können sich nicht gegen die einschlägigen Bilderinnerungen behaupten, die aus den dramaturgisch perfekten Kriegsfilmen mit ihrem raschen Wechsel von Totalen und Nahaufnahmen stammen.

Das Grauen, das an diesen Stränden seinen Schauplatz hatte, lässt sich, das zeigen diese Anstrengungen deutlich, nicht museal darstellen.

Dies gelingt nur symbolisch, wofür der riesige, als großzügige Parkanlage gestaltete amerikanische Soldatenfriedhof auf dem Steilufer von Omaha Beach unweit des Örtchens Colleville-sur-Mer einsteht: Fast 10.000 Kreuze aus makellos weißem Colorado-Marmor stehen hier in langen Reihen auf makellos sattgrünen und sanft zum Meer hin abfallenden Rasenflächen, weit überragt von zwei mächtigen Flaggenmasten mit vergoldeten Adlern, an denen das Sternenbanner zerrt, das denen, die hier im Kampf fielen und begraben wurden, einst als Feldzeichen voranflatterte.