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Reiserecht und Corona:Urlaub absagen - oder sogar jetzt buchen?

Leerer Strand in Florida

Strände sind, wie hier in Florida, wegen der Corona-Pandemie verwaist, Hotels geschlossen. Ob sich daran bis zum Sommer etwas ändert, ist ungewiss.

(Foto: Chandan Khanna/AFP)
  • Pauschalreisen wurden bis Ende April gestrichen, auch die meisten Individualreisen können kostenlos storniert werden.
  • Für Reisen ab Mai jedoch gilt das nicht. Hier müssen Kunden mit Stornogebühren rechnen, wenn sie selbst den Urlaub absagen. Immer mehr Veranstalter gestatten aber eine gebührenfreie Umbuchung.
  • Viele Anbieter und Airlines lockern ihre Konditionen, um Kunden zu halten.

Urlaub machen, am Strand, in den Bergen oder auf den Boulevards einer quirligen Großstadt - das ist vorerst vorbei. Bis mindestens Ende April gilt die Warnung des Auswärtigen Amts vor allen "nicht notwendigen, touristischen Reisen in das Ausland", und zwar weltweit. Pauschalreisen für die Osterferien wurden storniert, Flüge annulliert, Hotels geschlossen - angesichts der weltweiten Auswirkungen der Corona-Pandemie ist der Gedanke an unbeschwerte Ferien ohnehin in weite Ferne gerückt, so erholungsbedürftig man auch wäre. Doch was ist mit den Pfingstferien, dem Sommerurlaub, der vielleicht schon lange gebuchten und bezahlten Reise in einigen Monaten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Welche Reisen können storniert werden?

Das Auswärtige Amt warnt vor jeglichen touristischen Reisen ins Ausland - ganz gleich wohin. Diese weltweite Reisewarnung gilt bis Ende April und ermöglicht in der Regel die kostenfreie Stornierung von kurz bevorstehenden Fahrten und Flügen ins Ausland: Rechtlich betrachtet gilt die Warnung als starkes Indiz für "unvermeidbare und außergewöhnliche Umstände" - und diese wiederum berechtigen zum Rücktritt von der Reise.

Das gilt nicht nur für die Reisenden, sondern auch für die Veranstalter: Pauschalreiseanbieter wie Tui, FTI, Studiosus oder Alltours haben alle Reisen bis vorerst 30. April abgesagt. Bereits geleistete Zahlungen werden erstattet. Pauschalreisende müssen dafür in der Regel nicht selbst aktiv werden - und sollten es auch gar nicht versuchen: Die Hotlines sind überlastet oder nicht mehr erreichbar. Man werde sich bei allen Kunden schnellstmöglich melden, heißt es beispielsweise auf der Webseite des Tui-Konzerns. Das könne aber noch einige Zeit in Anspruch nehmen: Die Buchungen würden chronologisch nach Abreisedatum bearbeitet. Für alle Veranstalter gilt: Kunden haben einen Anspruch auf Rückzahlung des Reisepreises. Ein Gutschein oder eine Umbuchung werden zwar gerne angeboten, müssen aber nicht akzeptiert werden. Das allerdings könnte sich in Zukunft ändern. In der Bundesregierung gibt es Überlegungen, Gutscheine anstelle von Erstattungen zuzulassen, um Reiseveranstalter und Fluggesellschaften finanziell zu entlasten. In den kommenden Wochen würden enorme Rückerstattungen für ausgefallene Reisen fällig, sagt der Wirtschaftsstaatssekretär und Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß (CDU): "In der Tat könnte eine Gutscheinlösung hier Liquidität sichern." Verbraucherschützer sind damit nicht einverstanden: Die Kunden dürften nicht gezwungen werden, "der Reisebranche einen Kredit zu gewähren, wenn sie selber das Geld für anderes wie Miete oder Lebensmittel einsetzen wollen", betont die Mobilitätsexpertin der Verbraucherzentrale Bundesverband, Marion Jungbluth.

Individualreisende können sich ebenfalls auf die Reisewarnung sowie auf die Schließung der meisten Grenzen berufen. Wenn sie Hotelzimmer oder Mietwagen nicht nutzen können, müssen sie nach deutschem Recht dafür auch nicht bezahlen: "Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die Unterkunft in einem Sperrgebiet liegt und nicht erreichbar ist", informieren die Verbraucherzentralen. Das gelte auch für Buchungen auf einem deutschsprachigen Hotelportal, erklärt Reiserechtsexperte Ernst Führich. Wurde der Vertrag jedoch direkt mit Vermietern im Ausland geschlossen, wird das Recht des jeweiligen Landes angewendet. Möglicherweise ist auch dort der Vertrag wegen der weltweiten Reisewarnung des Auswärtigen Amtes hinfällig. Das jedoch muss im Einzelfall abgeklärt werden. Je nach Stornobedingungen müssen Betroffene sonst auf Kulanz hoffen: Vielleicht lässt sich der Hotelaufenthalt verschieben, anstatt ihn teuer zu abzusagen.

Was ist mit Reisen innerhalb Deutschlands?

Die Reisewarnung gilt nur für das Ausland, trotzdem sind auch zwischen Nordsee und Alpen keine touristischen Reisen mehr möglich. Die Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Ausbreitung des Coronavirus verbieten, Übernachtungsangebote für touristische Zwecke zu nutzen. Reisebusfahrten sind ebenfalls untersagt. Manche Bundesländer gehen noch weiter: Schleswig-Holstein beispielsweise ist ganz für Touristen gesperrt, auch für Tagesgäste. Damit liegen nach Einschätzung von Rechtsexperten der Verbraucherzentralen ebenfalls "unvermeidbare, außergewöhnliche Umstände" vor - und Reisen können kostenfrei storniert werden, sofern dies der Anbieter oder Hotelier nicht ohnehin schon gemacht hat.

Was gilt für Reisen, die erst in einigen Wochen stattfinden?

Oft sind der Pfingst- und Sommerurlaub längst gebucht. Die weltweite Reisewarnung gilt derzeit bis Ende April. Ob sie angesichts der Corona-Pandemie verlängert wird, ist noch nicht absehbar. Für Reisen, die danach stattfinden, gibt es deshalb oft keine kostenlosen Rücktrittsmöglichkeiten. "Daher ist es ratsam, bereits gebuchte Reisen, die erst in einigen Wochen oder Monaten angetreten werden sollen, nicht schon jetzt zu stornieren. Ansonsten fallen Stornogebühren an", sagt Reiserechtsexpertin Sabine Fischer-Volk von der Kanzlei Karimi in Berlin. Nur: Abzuwarten kann allerdings auch teuer werden - je näher der Reisetermin rückt, umso höher sind die Ausfallkosten, die ein Veranstalter berechnen darf. Urlauber sollten die aktuelle Lage im Blick behalten und immer wieder je nach Kosten und Bedeutung der Reise abwägen. Denn ganz unterschiedliche Szenarien sind vorstellbar:

  • Ein Urlaub wird jetzt vom Kunden kostenpflichtig storniert. Zum Zeitpunkt der eigentlich geplanten Abreise kann immer noch nicht gereist werden, deshalb würde der Rücktritt dann nichts mehr kosten. "Unserer Ansicht nach sollten Reisende dann ihre Stornierungsgebühren zurückerhalten", betonen Rechtsexperten der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Es ist aber nicht gesagt, dass Ihr Reiseveranstalter das auch so sieht."
  • Kunden warten erst einmal ab, stornieren kurz vor Abreise aber dann doch, obwohl keine Reisewarnung mehr vorliegt. Dann müssen sie deutlich mehr zahlen, als bei einem frühzeitigen Rücktritt.
  • Wer auf jeden Fall reisen will und deshalb an seiner Buchung festhält, erfährt möglicherweise erst sehr kurzfristig, ob die Reise tatsächlich stattfindet - entweder weil die weltweite Reisewarnung nochmals verlängert wurde oder wegen der Lage am Reiseziel. Diese sollte man im Blick behalten: Reiseeinschränkungen und Ausgangssperren können sehr kurzfristig verhängt werden, wie viele Reisende in den vergangenen Tagen leidvoll erfahren mussten. Für Pauschalreisen gilt übrigens: Wenn vor Ort zu viele Einschränkungen zu erwarten sind, kann kostenfrei abgesagt werden.

Trotz Coronakrise: Werden jetzt Zahlungen für einen gebuchten Urlaub in den Sommermonaten fällig, muss das Geld überwiesen werden.

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Können Reisen umgebucht werden?

Hier kommt die Branche ihren Kunden zunehmend entgegen. Reisen, die in den kommenden Wochen beginnen sollten, dürfen bei vielen Veranstaltern nun kostenlos verschoben werden. Bei Tui beispielsweise gilt diese Option für gebuchte Urlaube mit Abreise im Mai. Nicht nur das Datum, sondern auch das Ziel kann geändert werden, berechnet werde für die neue Reise "der aktuelle Tagespreis", teilt das Unternehmen mit.

Auch Buchungen bei der DER-Touristik-Gruppe, zu der unter anderem Meiers Weltreisen, ITS Reisen, Jahn Reisen und ADAC Reisen gehören, können geändert werden, sofern sie bis 31. Mai begonnen hätten. Kunden müssen sich spätestens zehn Tage vor der eigentlich geplanten Abreise melden. FTI bietet kostenfreie Umbuchungen bei Abreisen bis zum 30. Juni, auch hier muss der neue Reisetermin spätestens zehn Tage vor dem ursprünglichen Startdatum festgelegt werden.

Wie sieht es mit schon gebuchten Flügen aus?

Die Lufthansa Group hat ihre Regeln für Umbuchungen ebenfalls angepasst: Wer ein Ticket für stornierte oder bestehende Flüge hat, kann es behalten, ohne sich zunächst auf ein neues Flugdatum festlegen zu müssen. Der Wert des Tickets bleibt bestehen, dieses darf auf ein neues Abflugdatum bis einschließlich 31. Dezember 2020 umgebucht werden - das muss allerdings bis Ende August geschehen. Dabei darf das Reiseziel verändert werden. Zusätzlich wirbt Lufthansa mit 50 Euro Nachlass. Zudem gebe es keine Umbuchungsgebühren, egal in welchem Tarif ursprünglich gekauft wurde. Wer jetzt aber denkt, dass er Ende des Jahres statt nach Mallorca nun billig auf die Malediven kommt, irrt: "Sollte der umgebuchte Tarif aufgrund einer Änderung beispielsweise der Destination (Umbuchung von Kurz- auf Langstrecke), Wechsel der Reiseklasse oder ähnlichem, teurer sein, kann trotz des Discounts eine Aufzahlung erforderlich werden", heißt es bei der Lufthansa. Nachdem die Servicecenter der Airline derzeit schwer erreichbar sind, kann auch nach dem eigentlichen Abflugdatum noch umgebucht werden. Das gilt für Tickets, die bis 31. März 2020 gekauft wurden und ein bestätigtes Reisedatum bis 31. Dezember 2020 haben.

Unabhängig von der Reisewarnung des Auswärtigen Amts gilt: Hat ein Land einen Einreisestopp verhängt oder Visa für Deutsche gelöscht und kann die Airline den Passagier gar nicht mehr ans Ziel befördern, bekommt er sein Geld zurück. "Der Vertrag muss rückabgewickelt werden", erklärt Reiserechtsjurist Paul Degott.

Ob es darüber hinaus eine Entschädigung gemäß der EU-Fluggastrichtlinie gibt, ist umstritten. Airlines berufen sich auf außergewöhnliche Umstände und wollen nur Ticketpreise erstatten oder kostenlose Umbuchungen anbieten. Fluggastportale hingegen sehen gute Chancen auf Entschädigungen von 250 bis 600 Euro. Grundsätzlich können sich Konsumenten im Streitfall an die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP) wenden, individuell mit einem eigenen Rechtsanwalt klagen oder mit einem der zahlreichen Internetportale kooperieren, die gegen Erfolgshonorare den juristischen Streit mit den Fluggesellschaften übernehmen.

Kann man derzeit noch Reisen buchen?

Reiseangebote für die Zeit ab Mai sind buchbar, auch der Flugbetrieb läuft noch - wenn auch stark eingeschränkt. Es empfiehlt sich, vor einer Buchung mehr als sonst darauf zu achten, ob Flug, Hotelaufenthalt oder Pauschalreise kurzfristig und mit möglichst wenig finanziellem Verlust wieder abgesagt werden können. Je mehr Flexibilität, umso besser. Viele Veranstalter hoffen, dass das Geschäft bald wieder anspringt, und kommen ihren Kunden mit kostenlosen Umbuchungs- oder Stornierungsoptionen und mit Marketingaktionen entgegen. Auch in der Kreuzfahrt-Branche lockern Reedereien ihre Stornierungsbedingungen: Viele Reisen können bis wenige Tage vor Abfahrt kostenlos abgesagt werden.

Und wenn der Reiseveranstalter in der Krise pleite geht?

Viele Anbieter kämpfen ums Überleben. Im Fall einer Insolvenz seien europäische Veranstalter zwar insolvenzversichert, sagt Reiserechtsexpertin Sabine Fischer-Volk. Ob der gesamte Reisepreis vom Insolvenzversicherer erstattet werden kann, hänge allerdings von der Zahl der Insolvenzen in einem Geschäftsjahr ab. Für die Verluste bei der Thomas-Cook-Pleite im Jahr 2019 reichte die Deckungssumme von 110 Millionen Euro nicht aus. Die nächsten Wochen sind entscheidend: Mehrere Touristikkonzerne wollen Staatshilfe in Anspruch nehmen und könnten so durch die Krise kommen.

Wann bewahrt die Reiserücktrittskostenversicherung vor zusätzlichen Kosten - und wann nicht?

Eine Reiserücktrittskostenversicherung übernimmt Stornogebühren, wenn eine Reise nicht angetreten werden kann. Angst vor Corona allerdings reicht als Grund nicht aus. Gezahlt wird bei plötzlichen Erkrankungen, Todesfällen in der engen Verwandtschaft, bei plötzlicher Arbeitslosigkeit oder schweren Vermögensschäden. Wer unterwegs Symptome bekommt, bräuchte eine Reiseabbruchversicherung. Zudem empfiehlt das Auswärtige Amt zu prüfen, ob von der Auslandskrankenversicherung auch ein Rücktransport bezahlt würde. Und selbst dann könnten Versicherte derzeit auf ihren Kosten sitzenbleiben: Viele Versicherungen schließen nach Angaben der Verbraucherzentralen Leistungen bei "Schäden, Erkrankungen und Tod infolge von Pandemien" aus. Das kann für die Reiserücktritts- wie für die Auslandskrankenversicherungen gelten - der Blick ins Kleingedruckte ist wichtiger denn je.

© SZ.de/mit Material von dpa/kaeb
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