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Urlaub in Spanien:Mallorca ist startklar - rein theoretisch

FILE PHOTO: A police restriction tape is seen at the beach of Cala Major during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak in Mallorca

Nicht betreten: der Sandstrand von Cala Major mit Corona-Sperre

(Foto: Enrique Calvo/Reuters)

Die Hotellerie drängt auf eine Öffnung schon im Juni. Doch ob diese kommen wird, ist ungewiss. Nur eines ist klar: Wie früher wird es auf Mallorca nicht werden.

Seit Montag dürfen die Mallorquiner wieder so lange raus, wie sie wollen. Man kann sich auch wieder auf der ganzen Insel bewegen, kann an den Strand und ins Meer gehen - vorausgesetzt, man will Sport treiben oder spazieren gehen. Am Strand zu liegen, ist noch verboten - die Regierung möchte keine Menschenansammlungen. Wobei die Mallorquiner schon glücklich sind, dass sie mit den anderen Bewohnern der Balearen und der Kanaren zu jenem Teil des Landes gehören, in dem die Ansteckungsrate gering war und man jetzt in "Phase 1" des vierstufigen Exit-Plans angekommen ist. Der Rest des Landes steckt noch in "Phase 0". In 22 von 50 Provinzen, in denen Städte wie Madrid, Barcelona, Málaga oder Valencia liegen, dürfen die Bewohner nach wie vor nur eine Stunde am Tag spazieren gehen. Geschäfte und Restaurants sind noch geschlossen.

Nun wachen die Inseln auf, es wird wieder lauter und lebendiger. Lieferanten fahren kleinere Geschäfte an, die seit Montag ihre Kunden bedienen, Bars und Restaurants dürfen draußen Speisen und Getränke servieren. Die ersten Gäste genießen beim Café con leche die Frühlingssonne. Auch Hotels dürfen wieder öffnen - doch weil die Gäste fehlen, bleiben die meisten geschlossen. Flüge und Fähren verbinden von dieser Woche an wieder die Inseln miteinander, bei ankommenden Passagieren wird die Temperatur gemessen. Für internationale Flüge sollen die Flughäfen aber noch geschlossen bleiben. Man will abwarten, bis die Europäische Kommission Richtlinien vorlegt, wie einheitliche Protokolle in allen Mitgliedsländern aussehen sollen. So sollen sichere Luftverbindungen schnellstmöglich wieder aufgenommen werden. "Bilaterale Absprachen wird es nicht geben", sagte Außenministerin Arancha González Laya Ende April. "Solange wir keine Medikamente oder einen Impfstoff haben, werden wir keine Tourismuswerbung machen."

A combination photo shows tourists in the beach, August 18, 2017, and the beach empty during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak in Magaluf

Der Strand von Magaluf auf Mallorca - mal ohne, mal mit Corona-Nebenwirkungen.

(Foto: Enrique Calvo/Reuters)

Der wirtschaftliche Druck wächst täglich. Ein Drittel der Menschen ist auf staatliche Hilfe angewiesen

Spaniens Regierung bleibt also vorsichtig: Ab Freitag, 15. Mai, gilt eine zweiwöchige Quarantäne-Pflicht für alle aus dem Ausland Einreisenden. Sie ist an den Alarmzustand gebunden und soll bis mindestens 7. Juni gelten, vorausgesetzt, das spanische Parlament unterstützt die von der Regierung geplante Verlängerung des Alarmzustands. Dabei wächst der wirtschaftliche Druck täglich. 35 Prozent aller Spanier im erwerbsfähigen Alter sind momentan auf staatliche Unterstützung angewiesen. Nach dem Ende des Alarmzustands, an den auch viele Sozialleistungen gebunden sind, fürchten viele, kommt die große Katastrophe. Auf den Balearen liegt die Arbeitslosenquote mittlerweile bei 18,2 Prozent, spanienweit sind es gut 14 Prozent. "Jeden Tag rufen mich Angestellte an, weil sie einen Vorschuss brauchen", erzählt eine Hoteldirektorin aus Palma, "andere bitten mich, sie als Erste anzustellen, wenn es wieder losgeht".

Ohne Touristen ist die Not auf Mallorca groß. In der ersten Märzhälfte, also vor der Ausrufung des Alarmzustandes am 15. März, waren rund 153 000 ausländische Touristen auf die Insel gereist. Im März 2019 hatte man dort knapp 450 000 Gäste gezählt. Im April dieses Jahres kam offiziell überhaupt kein Tourist. Aber es gibt bereits Vorschläge, wie man die Situation zum Guten wenden könnte. Die Bucht von Palma könnte ein Pilotprojekt für den internationalen Tourismus in der Post-Covid-Ära werden, schlagen Hoteliers vor, deren Häuser an dem fünf Kilometer langen Strand stehen. Viele haben sich vorbereitet: Die Gäste werden digital einchecken, auf den Zimmern liegen Hygiene-Sets mit Masken und Hydrogel bereit, im Speisesaal sind Trennwände aufgebaut oder die Tische auseinander geschoben, und Essen gibt es à la carte statt am Büfett. Auch die Sicherheitsabstände an dem langen Sandstrand seien problemlos einzuhalten, und die Anreise vom Flughafen sei kurz und kontrollierbar, sagen sie.

Soweit die Theorie. Momentan sind Palmas Strandpromenaden allein mit den Einheimischen, die nach dem Hausarrest einen ungewöhnlich großen Drang zur Bewegung im Freien entwickelt haben, so voll, dass die Stadt jetzt Fahrspuren und Parkplätze für Fußgänger zugänglich gemacht hat. Andere schlagen einen Flugkorridor zwischen Deutschland und Mallorca vor. Auch der Balearenminister für Arbeit und Tourismus, Iago Negueruela, hat jüngst die Idee im Balearenparlament verteidigt. Wochenlang musste er schlechte Nachrichten verkünden, dann, Ende April, konnte er endlich eine gute präsentieren: "Wir werden das erste Ziel in Spanien sein, das die Tui anfliegen wird", sagte er nach einem Treffen mit Vertretern des größten Reiseveranstalters in Europa.

Die Tui sieht kein Problem darin, erst einmal nur bestimmte Ziele in Spanien anzusteuern. Die Deutschen "ziehen im Sommer die Inseln sowieso dem Festland vor", so ein Sprecher. "Außerdem gelten die Inseln in Covid-Zeiten als relativ sicher." Anfang Juli könnten also die ersten deutschen Touristen auf der Insel landen, Lufthansa will Mallorca sogar schon im Juni wieder anfliegen. Noch sind die Ländergrenzen zu. Das aber kann sich ändern, wenn Spanien in der neuen Normalität angekommen ist - planmäßig Ende Juni.

Gut möglich, dass sich Mallorcas Tourismusindustrie gesundschrumpft

Allerdings hat die Rechnung zwei weitere Unbekannte: die Reiselust der Deutschen und die Entwicklung der Ansteckungsraten. Die ganze Logistikkette vom Wohnort zum Hotel muss virensicher sein. Besonders die Luftqualität im Flugzeug macht vielen Sorgen. Hersteller wie Airbus verweisen zwar darauf, dass in ihren Maschinen die Luft permanent gefiltert und alle zwei Minuten komplett ausgetauscht wird, dass also in den Maschinen eine Luftqualität wie im Operationssaal herrsche. Aber ob das genügt? Die Airlines wollen erreichen, dass bei Flugreisen, auf denen die Passagiere Mundschutz tragen, keine Sitzplätze frei gehalten werden müssen - so eine Maßnahme würde ihnen Einbußen bescheren. Müsste der Sicherheitsabstand an Bord eingehalten werden, könnten die Flugpreise steigen. Das wäre das Ende des Massentourismus, mit dem Mallorca seit Jahrzehnten viel Geld verdient hat - und damit das Ende einer Ära.

Das Geschäft wird in jedem Fall langsam anlaufen. Der Reiseanbieter Alltours mit Sitz in Düsseldorf, der auf Mallorca 26 eigene Hotels betreibt, will nach Aussagen von Mitarbeitern erst im Dezember öffnen, wenn sich die Lage beruhigt hat und hoffentlich die deutschen Senioren, die den Winter jedes Jahr auf der Insel verbringen, wieder kommen.

Viele Hotelbetreiber haben einen kürzeren Atem. "Wenn wir verkaufen könnten, würden wir das tun", sagt der Besitzer eines Strandhotels in Palma, "dieses Jahr können wir vergessen, und niemand weiß, wie es 2021 aussehen wird." Mallorcas Hotelierverband FEHM hat der Regionalregierung jüngst angeboten, Ferienanlagen und Aparthotels in Wohnungen umzuwandeln und hat für deren Umbau um öffentliche Zuschüsse gebeten. Bei rund 40 Prozent aller Anlagen könnte diese Umwidmung sinnvoll sein, so die Vorsitzende María Frontera, "sie sind veraltet, und die Stadt braucht dringend Wohnungen".

Gut möglich also, dass sich Mallorcas Tourismusindustrie gesundschrumpft. Knapp zwölf Millionen Urlauber waren 2019 auf der Insel. So viele wird man in der neuen Normalität nicht aufnehmen können. Denn auch am Strand müssen Sicherheitsabstände eingehalten werden. Eine Studie, die Spaniens größte öffentliche Forschungseinrichtung CSIC im Auftrag der spanischen Regierung durchgeführt hat, hat nun ergeben, dass "bei Freizeitaktivitäten eine Ansteckung mit Sars-CoV-2 durch Kontakt mit Wasser unter normalen Badebedingungen sehr unwahrscheinlich" ist. Doch es wird darin auch davor gewarnt, dass spielen und baden am Strand, am See oder im Freibad "in der Regel mit einem Verlust der empfohlenen sozialen Distanzierungsmaßnahmen verbunden" seien. Der Virologe Antonio Figueras, einer der Autoren des Berichts, bringt es auf den Punkt: "Das Problem ist nicht der Strand, das Problem sind wir."

© SZ /kaeb
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