Süddeutsche Zeitung

Reisefotograf Manuel Martini:Ganz nah und unerreichbar fern

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Fotograf Manuel Martini müsste gar nicht weit reisen zu seinen Lieblingszielen. Doch eine sonst unsichtbare Grenze ist nun unüberwindbar.

Von Eva Dignös

In dieser Serie stellen wir reisende Fotografen vor. Normalerweise. Die Corona-Krise bringt nun auch diejenigen zum Innehalten, die sonst ständig unterwegs sind. Bis es wieder losgehen kann, erzählen uns einige von ihnen, wie sie die Reisepause erleben - und zeigen uns Bilder von Orten, an die sie besonders gerne denken.

Der Baikal hat das Potenzial zum Sehnsuchtsort: Ein See wie ein Meer im weiten, wilden Sibirien, ein See der Mythen und ein See der Rekorde: Bis zu 1600 Meter ist er tief, er enthält ein Fünftel des weltweit vorhandenen und nicht gefrorenen Süßwassers. Dreimal war Manuel Martini schon dort, hat nicht nur fotografiert, sondern auch mitgeholfen, einen Fernwanderweg am Nordostufer anzulegen, einer besonders abgelegenen Region ohne Straßen und Bahnlinien.

Doch Martinis Sehnsuchtsort in Corona-Zeiten liegt fast in Sichtweite. Der Fotograf lebt in Konstanz am Bodensee, seine Wohnung ist gerade einmal 100 Meter von der Grenze zur Schweiz entfernt. Wie ein Zipfel ragt die Altstadt ins Nachbarland hinein. Vor der Pandemie spielte die Grenze im Alltag - von den vereinzelten Zollkontrollen einmal abgesehen - kaum eine Rolle. Über Jahrzehnte sind die benachbarten Städte Konstanz auf deutscher und Kreuzlingen auf Schweizer Seite eng zusammengewachsen. "Und jetzt gibt es wieder einen Grenzzaun, das ist schon ein sehr seltsames Gefühl", erzählt Martini am Telefon.

Seit 17. März dürfen nur noch Berufspendler und Waren die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz passieren, selbst Paare können sich nicht mehr besuchen. Ihnen bleibt nur der Blickkontakt: Zwei mit Abstand voneinander aufgestellte Zäune stellen sicher, dass sich niemand berührt.

Viele Bewohner von Konstanz orientieren sich in ihrer Freizeit Richtung Schweiz, Richtung Alpen, auch Martini ist oft unterwegs im Appenzeller Land oder in Graubünden. "Jetzt bleiben stattdessen nur ein paar Spaziergangsrouten durch die Innenstadt, am See entlang, doch dort wird es an manchen Stellen schon so voll, dass es gar nicht mehr so einfach ist, sich aus dem Weg zu gehen", erzählt Manuel Martini.

Verlassen sind dagegen die Strandbäder am See. Nicht ganz so einsam wie am Baikal, der fast 60-mal größer ist als das "Schwäbische Meer", aber doch ein ungewohnter Anblick an einem See, der geprägt ist von Freizeitaktivitäten. Nicht nur die Bäder, auch Jachthäfen, Segelschulen und Bootsverleihe sind noch mindestens bis 3. Mai geschlossen.

Manuel Martini arbeitet vor allem als Architektur- und Landschaftsfotograf. Das ginge auch in Zeiten mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen: "Den direkten Kontakt zu anderen Menschen kann man dabei ja gut vermeiden." Wenn die Grenze nicht wäre, die ihn von einigen Auftraggebern trennt. Auch für sein aktuelles Drohnen-Projekt "The Food Series" müsste er in die Schweiz: Aus der Luft fotografiert er Obstanbauflächen, nahezu menschenleere und doch vom Menschen gemachte Strukturen, "um zu zeigen, wie der Mensch die eigentliche Landschaft an den Rand drängt". Alle Orte waren recherchiert - nur erreichbar sind sie nicht mehr.

Ein anderes Projekt hatte eben diese Grenze als Thema, die ihn jetzt in seiner Arbeit einschränkt. Die damals noch weitgehend unsichtbare Trennlinie wollte er fotografisch sichtbar machen - mit Motiven, die auch unter Lockdown-Bedingungen aufgenommen sein könnten: Er porträtierte Tankstellen, in der Dämmerung, als menschenleere Leuchtzeichen in der Dunkelheit.

Weil Benzin in der Schweiz deutlich günstiger ist, fahren viele Deutsche zum Tanken ins Nachbarland. 16 Tankstellen gibt es auf Schweizer Seite in Kreuzlingen, lediglich drei sind es im Stadtgebiet von Konstanz. "Der Plan ist, alle Tankstellen fotografieren und ihren Standort auf einer Karte einzutragen. Eine Grenze, die man im täglichen Leben und auch in der Geographie nicht wahrnimmt, wird dadurch wieder sichtbar." Doch nun ist die Grenze durch den Zaun so präsent, wie eine Grenze nur sein kann, und das Projekt muss pausieren. Dabei wäre gerade jetzt ein guter Zeitpunkt: Martini fotografiert die Tankstellen nach Möglichkeit ohne Autos - darauf musste er vor Corona oft lange warten. "Ich bin zu manchen Tankstellen zehnmal hingefahren. Jetzt wäre nichts los, aber ich komme nicht hin", sagt Martini.

Auf die Frage, wohin er reisen wird, wenn Reisen wieder möglich sind, muss er nicht lange nachdenken: "In die Schweiz, irgendwo hinauf in die Berge." Mehr Kontakt zu Menschen als derzeit in Pandemie-Zeiten hätte er dort auch nicht unbedingt. "Aber das wäre eine selbstgewählte Einsamkeit - und das fühlt sich ganz anders an als ein erzwungenes Kontaktverbot." Ein Sehnsuchtsort, der gar nicht weit weg ist - und doch unerreichbar.

Manuel Martini teilt seine Arbeit unter anderem hier auf seiner Website sowie auf seinem Instagram-Account.

Alle bisher erschienen Folgen der SZ-Serie "Reisefotografen" finden sich hier unter www.sz.de/thema/Reisefotografen.

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