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Reisefotografin Nicola Odemann:"Im Kopf kann ich noch weg"

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise Mongolei

Natur, Berge und Weite wie hier in der Mongolei hält Nicola Odemann in Bildern fest - und mit ihnen Emotionen.

(Foto: Nicola Odemann)

Die Grenze nach Österreich hat Reisefotografin Nicola Odemann nie wahrgenommen - bis wegen des Coronavirus die nahen Berge so fern scheinen wie ihr Lieblingsgipfel in Nepal. Ihre Bilder sind nun noch mehr Schätze der Erinnerung.

In dieser Serie stellen wir reisende Fotografen vor. Normalerweise. Die Corona-Krise bringt nun auch diejenigen zum Innehalten, die sonst ständig unterwegs sind. Bis es wieder losgehen kann, erzählen uns einige von ihnen, wie sie die Reisepause erleben - und zeigen uns Bilder von Orten, an die sie besonders gerne denken.

"Wenn etwas nicht klappt", sagt Nicola Odemann, "dann bekommt man etwas anderes dafür." Diese Erkenntnis, die sie nach einer Krankheit in Nepal gewann, hilft ihr nun durch die Krise daheim. Diese verbringt die Reisefotografin bei ihrer Familie in Lenggries, so nah an den Bergen und auch an Österreich, dass sie sich auf den Gipfeln zu Hause fühlt - egal in welchem Land sie ist. Zumindest war das bisher so.

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise

Berge als Heimat, hier im Südtiroler Passeiertal. Für diesen Sonnenaufgang lohnt sich der Aufbruch um drei Uhr morgens.

(Foto: Nicola Odemann)

"Ich war total perplex, die Grenze zu Österreich habe ich nie gesehen." Nun ist sie gezwungen, sie wahrzunehmen, das Virus hat ihre persönliche Heimat zerschnitten. "Ich hoffe, dass es bald wieder Normalität ist, dass Europa keine Grenzen hat." Und auch Reisen wieder möglich sind. Schließlich hat Nicola Odemann ihren Beruf so gewählt, dass sie daneben Zeit hat, ihren Leidenschaften nachzugehen: dem Reisen und Fotografieren. Gerade lernt sie für die letzten Prüfungen im Referendariat, eigentlich hätte sie vor ihrer Grundschulklasse Lehrproben abgeben müssen.

In einem Zustand, in dem selbst Schulalltag zur Erinnerung wurde, ist es für Nicola Odemann essentiell, immer wieder mal ihre Reisebilder durchzugehen. Mit diesen fängt sie nicht nur Landschaftsszenen ein, sondern auch das Gefühl an diesem Ort. Diese Emotion spürt sie beim Betrachten wieder, "im Kopf kann ich noch weg, das tut einfach gut".

Nicht nur die Bildkomposition, in denen sie der Landschaft stets die Hauptrolle gibt und Menschen nur Nebendarsteller sind, wecken Gefühle und nehmen mit auf die Reise, etwa ins Innere von Island.

Auch widersteht Nicola Odemann den einfach zu manipulierenden Hochglanz-Möglichkeiten der digitalen Fotografie. Statt glatt und beliebig präsentiert sie ihre Motive grobkörnig: "Ich fotografiere mit Film, weil ich mich dadurch selbst mehr auf den Moment fokussieren kann", erklärt sie. Statt also Dutzende Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln aufzunehmen, macht sie nur ein Bild, "das den Moment und genau das Gefühl speichert, das ich mit diesem Bild festhalten möchte". Das Nostalgische gefällt ihr, und dazu passt ihre Art zu reisen.

Ihre Leidenschaft bleiben in der Ferne die Berge, und die Wege, die sie geht, bringen sie sich selbst näher. "Reisen ist für mich die Freiheit, die Welt zu erkunden und nicht nur Länder, sondern auch mich neu kennenzulernen." Für diese Einstellung steht eines ihrer Lieblingsbilder, aufgenommen in Nepal. Sie wanderte über einen Pass, hinter ihr blieben grüne Felder und Schnee zurück, vor ihr öffnete sich der Blick auf sandfarbene Hügel. "Oben war es schön, richtig schön, wie sich diese Landschaft vor uns aufgetan hat."

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise Nepal

Wer hier in Nepal rechts abbiegt, kommt ins alte Himalaya-Königreich Mustang.

(Foto: Nicola Odemann)

Ebenfalls in Nepal steht Odemanns Lieblingsberg, andere Fotografen hatten ihr von der Ama Dablam berichtet. Dieser Berg wurde dank seiner prägnanten Form zu ihrem Sehnsuchtsort, sie reiste bis zum Basecamp in die Arme dieser "Mutter mit Halskette". Der Berg ist unter Europäern als "Matterhorn Nepals" bekannt - und sieht mit seinen Flanken so aus, als würde diese steinerne Mutter Besucher jeder Art willkommen heißen.

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise

"Mutter" erwartet die Wanderer: der Gipfel "Ama Dablam" in Nepal

(Foto: Nicola Odemann)

Tatsächlich "einer der schönsten Orte, an dem ich je war" fand die Reisefotografin aber nach einer Enttäuschung: Eigentlich wollte sie im nepalesischen Gokyo unbedingt auf einen kleinen Berg. Doch schon bei der Anreise war sie krank, zwei Tage lag sie im Bett, an Bergwandern war danach nicht zu denken. Also wollte sie den Gipfel wenigstens von unten betrachten - und war bezaubert von einem See, "den ich gar nicht auf dem Schirm hatte". Ohne ihre Krankheit hätte sie diese Schönheit nie wahrgenommen.

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise Nepal

Eigentlich wollte Nicola Odemann auf den Berg im Hintergrund, blieb aber geschwächt nach einer Krankheit unten am See und lernte: "Wenn etwas nicht klappt, bekommt man etwas anderes dafür." In diesem Fall: einen der schönsten Orte, an dem sie je war.

(Foto: Nicola Odemann)

Ist sie im Himalaya, sehnt sich Nicola Odemann dann aber wieder zu den Alpen zurück - und umgekehrt: Die Berge Nepals seien wunderschön, aber anstrengend, nicht nur wegen der Akklimatisierung. Dafür habe sie in Nepal Zeit, sich auf ihre Gefühle einzulassen: "Man merkt, wie klein man selbst ist - durch dieses Bewusstsein bekommen Sachen eine neue Bedeutung." Diese Erkenntnis sei zwar auch in den Alpen möglich, "aber da bin ich natürlich viel schneller zurück im Alltag".

Ausflüge etwa ins Passeiertal in Südtirol gehören zur Familientradition, ihre Mutter wurde dort als Kind während der Sommerferien sechs Wochen "abgeliefert"; inzwischen treffen sich hier auch die Nachkommen, Cousinen und Geschwister, regelmäßig am selben Hof, um in dieselben Berge zu gehen. Auch Odemanns bislang letzte Reise führte in diese so vertraute Gegend zum Skitourengehen.

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise Südtirol Passeiertal

Ein Stück Heimat in Südtirol: das Passeiertal.

(Foto: Nicola Odemann)

In der Mongolei war Nicola Odemann im Naiman-Nuur-Nationalpark fasziniert, wie das Traditionelle neben der Moderne Bestand hat: Die Jurten sind mit Fernseher und Satellitenschüssel ausgestattet, die Pferde grasen zwar neben den Zelten, doch für die Arbeit steigt man auf das Motorrad. "Einmal durfte ich im Jeep mitfahren, als die Schafe abends geholt werden sollten. Am Steuer saß der elfjährige Sohn. Der hat nur einmal gehupt, dann ist die Herde heimgetrottet." Als es nach einem langen, trockenen Sommer das erste Mal regnete, stürmte die ganze Familie jubelnd nach draußen, die Kinder sprangen im Regen umher.

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise Mongolei

Sommerregen in der Mongolei nach langer Trockenheit

(Foto: Nicola Odemann)

Eigentlich wollte sich Nicola Odemann im Juni nach den Prüfungen mit einer Reise nach Griechenland belohnen, für den August hatte sie eine längere Tour durch die Alpen geplant, "das ist auf Eis gelegt". Sollte das Bergwandern dann noch nicht möglich sein, will sie ihren Heimvorteil nutzen und die vertrauten Landschaften nahe Lenggries genießen. Denn das hat ihr der erzwungene Stillstand wieder klargemacht: "Wie gut mir die Natur beim Abschalten hilft - im Alltag neige ich dazu, das zu vergessen."

Reisefotografin Nicola Odemann zu Reisen und Reisefotos während der Coronakrise Lenggries Brauneck

Blick vom Lenggrieser Hausberg Brauneck nach Süden

(Foto: Nicola Odemann)

Sie hofft, dass die Menschen nach Corona auch das Reisen mehr schätzen, dass sie statt "hin und weg und nur den eigenen Erwartungen an das Land hinterherzurennen" sich Zeit zu nehmen für das Land und die Leute dort. Und für sich selbst.

Mehr von Nicola Odemann finden Sie auf ihrer Webseite nicolaodemann.com sowie auf ihrem Instagram-Auftritt.

Alle bisherigen Folgen der SZ-Serie "Reisefotografen" finden sich hier unter www.sz.de/thema/Reisefotografen.

© SZ.de/ihe

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