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Chinesen auf Reisen:Mach mal Urlaub

Zum Nationalfeiertag haben 1,3 Milliarden Chinesen eine Woche frei und besuchen die Sehenswürdigkeiten ihres Landes. So ist es jedes Jahr. Doch nie war das Chaos größer.

Goldene Woche. In China heißt das: Die Chinesen haben sieben Tage lang Ferien. Alle auf einmal. Nicht dass sich deshalb gleich alle 1,3 Milliarden ins Auto, in den Zug oder ins Flugzeug setzen würden, nein, Schätzungen der nationalen Tourismusakademie zufolge erwartet China bis zum Ende der Woche lediglich 740 Millionen Ausflügler. Andererseits sind das auch eine Menge. Genug, um einander auf die Füße zu treten oder von der Großen Mauer zu schubsen. So ist das jedes Jahr, während der Goldenen Woche. Doch so schlimm wie diesmal war es nie.

Eine "goldene Chance" für Chinas Tourismusindustrie sahen die staatlichen Medien noch kurz vor Beginn der Ferien. Da begann Peking gerade im Verkehrschaos zu versinken, und der Sprecher der U-Bahn verkündete in einer ganz eigenen Logik, "wegen der großen Menge an Passagieren, die am Nationalfeiertag zum Pekinger Zoo fahren wollen, wird die U-Bahnstation am Zoo von morgens zehn Uhr bis abends 6 Uhr geschlossen sein."

Am Sonntag, am frühen Morgen des ersten Ferientags, konnte man schon erahnen, was China bevorstand: Um sechs Uhr morgens hatten 17.000 Wagen allein die Zufahrt zur Autobahn nach Shijiazhuang passiert, vier Mal so viel wie im letzten Jahr. Diejenigen, die auch nur ein, zwei Stunden später dran waren, kamen nicht mehr weit. Als Geschenk an die Urlauber hatte die Regierung landesweit die Autobahn-Maut aufgehoben. 86 Millionen Autofahrer nahmen das Angebot dankend an.

Die Folge, in den Worten der Pekinger Abendzeitung: "Zur kostenlosen Maut gab's kostenlose Parkplätze." Die Parkplätze, das waren die Autobahnen. Am Abend dieses Tages kursierten auf Sina Weibo, Chinas größtem Mikrobloggingdienst, Tausende von Fotos, die Autofahrer zeigten, die ihre Hunde Gassi führten und auf dem Seitenstreifen Tennis spielten.

Irgendwann waren die Autobahnen wieder frei. Das war der Zeitpunkt, wo die Massen an ihren Zielen einfielen. 900.000 besuchten etwa am Dienstag den Westsee in Hangzhou, wo sich ein endloser Lindwurm über die Durchbrochene Brücke schob. Viele Reisende klagten über die Unmöglichkeit das klassische Souvenirfoto aufzunehmen: ich und die Landschaft hinter mir. "Wie man die Kamera drehte und wendete, es wurde immer ein Gruppenfoto", schrieb die Jugendzeitung.

Von dem idyllischen Inselchen Gulangyu bei der Stadt Xiamen, auf dem sich am selben Tag 120.000 Menschen die Bäuche rieben, berichtete ein Reporter: "Oft hörte man den Schreckensruf: Die Insel sinkt!" Die Abendzeitung resümierte: "Der tosende Menschenstrom war zu viel für viele Touristengebiete und machte die Menschen zornig".

Touristen mussten auf dem Berg übernachten

Am besten konnte man das am Hua-Berg in der Provinz Shaanxi studieren, einem malerischen Zweitausender mit schroffen Klippen. 27.000 fanden sich am Dienstag auf seinen Gipfeln wieder. "Auf manchem nur zehn Meter langen Wegstück drängten sich 200 Leute", schrieb die Abendzeitung. Als es acht Uhr Abend war und die Seilbahnen den Betrieb einstellten, hingen noch immer mehr als 10.000 der Touristen am Berg fest. Da saßen sie bis zum Morgengrauen des nächsten Tages. Zwischen zornigen Touristen und Angestellten der Bergbehörde kam es zu Rangeleien, ein Pärchen landete mit Stichwunden im Krankenhaus.

Derweil gibt es einen Ort in China, wo es so ruhig und so friedlich ist wie das ganze Jahr nicht: Das Zentrum von Peking. Plötzlich halten Taxis, plötzlich ist es tatsächlich möglich, von A nach B nicht nur zu kriechen. Weil alle Pekinger mit Auto weg sind. Zwei Tage noch. Dann kommen sie zurück, alle.

© SZ vom 05.10.2012/dd
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