Chile: Patagonien (SZ) Auf dem Rücken der Erde

Einfach aus dem Staub gemacht: Eine kontemplative Reise durch die Atacama-Wüste und Patagonien.

Von Michael Winter

(SZ vom 30.01.2001) - Der Ort heißt San Pedro de Atacama. Damit ist schon alles gesagt. Straßen aus Staub. Plätze aus Staub. Wände aus gepresstem Staub. Das Zeug verwandelt zuerst die Schuhe. Macht aus schwarzem graues oder rotes Leder. Von den Schuhen kriecht der Staub in die Hosenaufschläge, und dann erobert er den ganzen Körper, nistet sich überall ein. In Taschen, Falten und Beugen. Er sprengt die Lippen, verödet die Schleimhäute, scheuert an der Netzhaut, betoniert die Haare. Wasser und Tränen schaffen nur Momente lang Erleichterung. Der Mensch ist auf dem besten Weg, zu Stein zu werden.

Mondlandschaft auf Erden: Atacamas Gysirfelder und Salzseen

(Foto: Robert Möginger)

Sonntag vormittag. Der einzige Platz in San Pedro, auf dem man unter Bäumen sitzen kann, ist der Platz neben der Kirche. Ein zentrales Quadrat, um das alle wichtigen Gebäude versammelt sind. Rathaus, Polizeistation, Museum, der Markt für Kunsthandwerk. Die Glocke mahnt zum Eilschritt.

Zu Staub werdet ihr werden, sagt der Pfarrer. Gitarren klingen. Der Holzboden der Kirche ist von der Trockenheit gewellt wie ein Meer. Generationen von Frauen haben Bohnerwachs in ihn eingerieben, sonst wären die Dielen längst geborsten. Hier wird alles brüchig. Wenn du nicht trinkst, bist du verloren. Vier Liter und mehr am Tag, sonst zieht dir die Atacama alle Säfte aus dem Körper. Du wirst bei lebendigem Leib mumifiziert. Was machen Menschen an so einem Ort in 2400 Metern Höhe umgeben von Salzwüsten, Vulkanen, Geröll und ein paar Flamingos? Sie betreiben Kneipen für die Wüstenfreaks aus aller Welt, die an solchen Orten ihren Träumen von Freiheit und Grenzerfahrung hinterherjagen. Mit der 1,6-Liter-Flasche in der Hand und einem Sombrero auf dem Kopf einfach in die Wüste wandern.

Zärtlich ist die Gegend

Was ist das für ein Gefühl, wenn man nach gut 24Reisestunden von Frankfurt auf dem Kirchplatz mitten in San Pedro de Atacama wieder zu sich kommt? Du stehst am Rand eines Salzsees in der trockensten Gegend der Welt, im nördlichen Teil eines der seltsamsten Länder, das auf gerade mal fünf Breitengraden über viertausend Kilometer von Nord nach Süd geschlagen ist. Von den Subtropen bis an die Antarktis. Ein Land, das sich halsbrecherisch auf einem schmalen Absatz hält, der zwischen 7000 Metern Meerestiefe und 7000 Metern Bergeshöhe hängt. Man fühlt sich in eine Welt verschlagen, die eigentlich nicht für den Menschen geschaffen ist. Und dennoch siedeln hier Menschen seit Jahrtausenden.

Das ist die grandiose Herausforderung dieses Ortes. Was ist eine Kirche, eine Kneipe, ein Internetcafé in New York oder Moskau, in Ulan Bator oder Urumchi gegen die gleichen Einrichtungen in San Pedro? Der Unterschied liegt in dem Wahnwitz, so etwas hier zu wagen. San Pedro ist einer der Orte auf der Welt, die zeigen, dass das Unmögliche möglich ist. Das ist der Sinn. Wer hier lebt, hat gründlich über sich nachgedacht, und wer hier her kommt, wird früher oder später anfangen, über sich nachzudenken. Solche Landschaften fordern Rechenschaft.

Chile ist voll von solchen Landschaften, und man sollte meinen, dass gerade deshalb in diesem märchenhaft abgelegenen Land mit Gegenden, die Europa zu spiegeln scheinen und dennoch so fremd sind, dass einem schwindelig wird, alles zum Besten stünde. Das Gegenteil ist der Fall. Du kannst in Santiago auf einer Parkbank alten Männern begegnen, die nicht glauben wollen, dass man im gegenwärtigen Deutschland leben kann. Die einen, weil sie - wie sich bald herausstellt, unverbesserliche Nazis, die anderen, weil sie deren Opfer sind. Über dieses schmale Land sind alle Irrtümer Europas gewirbelt und haben auch hier Tausende von Opfern gefordert. Der Schatten Pinochets ist länger als der, den die Anden in die Täler werfen. Aber für die, die nach wie vor im Hintergrund das Sagen haben, ist der greise Schlächter immer noch ein Garant für Ordnung.

Grenzenlose Weite

Die Dreiklassengesellschaft ist in Chile so stark ausgeprägt wie überall in Südamerika, mit dem kleinen Unterschied vielleicht, dass Chile eine relativ stabile, aber konservative Mittelschicht hat. Die Kirche ist aus. Die Menschen kommen auf den Platz und setzen sich unter die Bäume. Gegenüber packt eine dicke Indianerin aus einer riesigen Plastiktasche ihr Frühstück aus. Ihr Mann streicht ihr leicht über das Haar und zieht sich in eine Ecke zurück, in der er eine Zigarette raucht. Vielleicht liegt es an der Gegend, dass die Menschen so vorsichtig miteinander umgehen. Vielleicht liegt es an den politischen Stürmen, die das Land hinter sich hat. Vielleicht sind die Gesten Zufall. Wer hier Urlaub macht, kommt nur am Rand mit den politischen, den sozialen Verhältnissen und den kulturellen Eigenheiten Chiles in Berührung. In der Atacama geht es vor allem darum, sich der Natur zu stellen. Die Menschen haben seit ewigen Zeiten nur wenige Spuren in der Wüste hinterlassen, aber in jedem, der hier durchkommt, hinterlässt die Atacama tiefe Spuren. Diese Landschaft hat die Fähigkeit, die Psyche zu verändern.

Der eine verfällt in tiefe Depression. Der andere wandelt wie im Traum auf einem Seil daher und wird unverletzbar. Der eine entdeckt plötzlich seine Liebe zum Pferd. Der andere seine große Liebe zum Menschen. Ein dritter entdeckt, dass er musikalisch ist und tanzt die Nächte durch. Es ist kein Wunder, dass sich die Menschen, die sich hier begegnen, die wildesten Geschichten erzählen. In dieser Gegend hören die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie auf. Grenzen überhaupt werden lächerlich. Menschen, die sich vorher nicht gekannt haben, gehen miteinander um, als seien sie alte Freunde, und sie beschenken sich. Wenn die Erde neben zwei magnetischen Polen auch zwei Glückspole hat, dann liegt der eine in der Nähe von San Pedro und der andere im patagonischen Süden Chiles.

Nach Sternen greifen

Für den, der im Luxushotel logiert, ist die Kraftprobe mit der Natur im Übernachtungspreis inbegriffen. Man trifft sich an der Bar und bespricht die Unternehmungen für den nächsten Tag. Wanderungen, Ausritte, Radtouren und Expeditionen mit dem Geländewagen stehen zur Auswahl. Paola führt durch das Valle de la luna, und niemand zweifelt auch nur eine Sekunde daran, dass Paola Winnetous Schwester ist.

Wir laufen auf Salzkrusten durch eine Landschaft, die von der Nasa hätte erfunden sein können. Wellen aus Sand, Schollen aus Salz, Borken aus Stein, Kaskaden aus Tuff, Mauern und Türme. Schluchten, die wie Kirchenschiffe im Orgeldonner aufbrausen, wenn der Wind über die scharfen Salzkanten fegt. Wir erreichen ein Gipfelnest. Vor uns fällt der Berg hundert Meter senkrecht in die Tiefe. Der Blick geht über Bergformationen. Ungeheure versteinerte Windungen. Paola erzählt die Geschichte der Vulkane. Eine Sage von unerfüllter Liebe, Eifersucht und Tod. Dann geht es bergab über eine Düne, einen Gletscher aus purem Sand. Man geht wie im Himmel. Fällt schwebend, gleitend hinab. Wandern auf Wolken.

In dieser Luft ist alles Weite nah. Man kann bis zu zweihundert Kilometer weit schauen. Es dauert fünf bis zehn Minuten, bis die auf den schnurgeraden Pisten entgegen kommenden Autos, deren Scheinwerfer ganz nah zu sein scheinen, einem endlich begegnen. Orte, deren Lichter zum Greifen nahe sind, werden lange nicht erreicht und es kommt einem ganz selbstverständlich der Gedanke, von der Piste abzuheben und auf der Milchstraße über den klaren südlichen Nachthimmel zu rasen.

Fabelhafte Phantasie

Knapp 4000 Kilometer südlicher, in Punta Arenas, der südlichsten Großstadt der Welt, wähnt man sich im Norden Norwegens. Holzhäuser in Blau, Grün und Rot. Aber der Ort ist nach dem spanischen Kolonialstadtmuster in Schachbrettform gebaut, und man stutzt immer wieder aufs Neue, dass so nahe an einer Polkappe Spanisch gesprochen wird. Punta Arenas ist das Tor zum chilenischen Patagonien, innerhalb Chiles nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar. Von Patagonien träumen die Europäer seit zweihundert Jahren. Der Traum vom mythischen Märchenland zieht sich von Rétif de la Bretonne, dem französischen Romancier der Aufklärung, bis zu Bruce Chatwin.

Patagonien, Land der Riesen, die die französische Sprache rückwärts sprechen. Land der Weisen, die wissen, was die Welt im Innersten zusammen hält. Land der Fabelwesen, der Tiermenschen. Land der grenzenlosen Phantasie. Das Zentrum dieses fabelhaften Landstriches ist der Parque Nacional Torres del Paine, sechs Autostunden nördlich von Punta Arenas. Man fährt zuerst an der Magellan-Straße entlang, dann Stunden über ein braunes Grasbrett ohne Baum und Strauch. Kurz vor Puerto Natales, einem Ort, der einen auf die Lofoten versetzt, tauchen die Küsten-Anden und die Patagonischen Anden mit ihren Schneegipfeln am Horizont auf.

Die Verzweiflung Magellans

In diesem Wirrwarr von Fjorden und Binnenseen weiß niemand, was Meer, was See ist, wo ein Wasserarm in eine Sackgasse führt oder auf den Ozean. Man kann sich gut die Verzweiflung Magellans, des ersten Weltumseglers, vorstellen, der auf der Jagd nach dem besten Zugang zu den indischen Gewürzinseln jeden, der sich ihm in diesem Höllenlabyrinth in den Weg stellte, ermorden ließ. In dieser Landschaft haben die Entdecker der Neuzeit die Odyssee noch einmal neu geschrieben, kaufmännisch karg in Bordbüchern zusammengefaßt.

Das Eis bleibt auf Distanz. Nur wenn man lang in die absolute Stille lauscht, hört man manchmal ganz in der Ferne ein schwaches Knattern wie von Maschinengewehren. Das Hotel Salto Chico, benannt nach dem Wasserfall, an dem es liegt und von dem es durch ein Kraftwerk die notwendige Hausenergie bezieht, ist das andere Explora-Hotel in Chile. Man muss sich die Wortwendung, die vor dem Gebrauch des Telefons auf dem Nachttisch warnt, auf der Zunge zergehen lassen. "Very remote area", ist da zu lesen, und der literarisch gebildete Europäer denkt sofort an Gullivers Reisen.

Australe Gegenden. Seen vor dem Fenster, als seien sie grün gekachelt. Dahinter eine Bergkulisse, die von einem Bühnenbildner entworfen sein könnte. Very remote, aber Wirklichkeit. Wer in die Gletscherwelt aus Wolfsschluchten und Elfenseen eindringen will, muss sich seiner Muskeln bedienen. Laufen oder Reiten. Es gibt keine dritte Möglichkeit der Fortbewegung, wenn man in die very very remote areas gelangen will.

Gaucho im Silberwald

Wer entdeckt, dass er in dieser Landschaft über seine Angst hinauswächst, und wer beginnt, sich mit Begeisterung in ihr zu bewegen, hat die europäische Flaneursmentalität bereits hinter sich gelassen. Aktion statt Kontemplation. Diese Landschaft erfordert ein vollkommenes Gegenkonzept zum Reisen als Besichtigungs- oder Spaßtour. Wie viele Geschichten gibt es von den Weltenden? Vielleicht ist Patagonien eines der letzten Weltenden, wo man tatsächlich - wie im Märchen - durch Erfahrung klug wird.

Zuerst darfst du noch auf einen Baumstamm klettern, damit dir das Pferd nicht zu hoch erscheint. Beim zweiten Mal musst du sehen, wie du in den Steigbügel kommst. Man schwingt sich in den Sattel, so gut es geht. Beim dritten Mal hast du schon ein Gefühl für die Dimensionen eines Pferdes, weißt, wie du das Tier nach rechts und links lenkst, wie du es bewegst und wie du es bremst.

Gaucho-Crash-Kurs. Wir reiten durch dichtes Gesträuch. Die Äste haben die ersten Knospen. Oktober, frühester Frühling. Ein niedriger Silberwald. Man muss sich immer wieder tief auf das Pferd ducken. Kratzer bleiben nicht aus, aber man kommt in Gebiete, in denen weder Geländewagen noch Wanderer vorankämen. Je leichter du dich machst, desto natürlicher bewegt sich das Tier. Die Eitelkeit verschwindet, die eigene Person wichtig zu nehmen. Beherrschen und sich dennoch einfügen. So ließen sich Unternehmen steuern.

Außerhalb der Zeit

Du verlierst eine Urangst der Menschheit, die vor dem Fallen. Plötzlich die Gewissheit: diese Landschaft liegt außerhalb der Zeit. Alles was nacheinander ist, hat hier zugleich Platz. Trauer und Freude, Leben und Tod. Und wenn man auch nur für Momente mit dem Pferd im Galopp über die Grassteppe fliegt, in einer der ältesten Fortbewegungsarten der Menschheit und in einer Landschaft, die von der Zivilisation Flugstunden entfernt ist, dann durchzuckt manchen - vielleicht zum ersten Mal - eine Sehnsucht nach den Urformen des Lebens.

Nach fünf Stunden merkt man jeden Muskel, und die Bandscheiben schmerzen. Von den offenen Wunden wollen wir gar nicht reden. So begann jedes europäische Großstadt-Greenhorn seine Reitkarriere im Westen. Patagonien ist kein Urlaubsland im üblichen Sinn. Es geht hier nicht um Ausspannen vom Alltag.

Es geht hier um die mühsame und dennoch spielerische Eroberung einer ganz anderen Lebenswelt, an deren Ende die alten Grundfragen der Menschheit umso deutlicher und drängender stehen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen? Was ist der Mensch? Die Reise nach Patagonien ist ein Experiment mit sich selbst. Die Folge davon kann sein, dass man als ein anderer zurückkehrt.

Informationen: Anreise: Wem es nicht auf ein paar Stunden mehr ankommt, sollte allein wegen des traumhaften Bordservice in der First und Business Class mit Swiss Air über Zürich und Sao Paulo fliegen. Tel. 0180/3000334 Unterkunft: Für Rundreisen ist wegen seiner ausgefallenen Programme die Firma "Montanamar Tours", Freire1480 Of.303Concepcion,Chile, Tel./Fax: 0056/41/223725 zu empfehlen. E-Mail: info@montanamar.cl, Internet: www.montanamar.cl .