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Chile:Endstation Ewiges Eis

Noch 1247 Kilometer bis nach Patagonien: Unterwegs auf der Carretera Austral im Süden Chiles - einer der abenteuerlichsten Straßen der Welt.

Die längste Sackgasse Südamerikas beginnt in der chilenischen Hafenstadt Puerto Montt. Von dort führt sie 1247 Kilometer mehr oder weniger geradeaus nach Süden, durch dichten Regenwald, zerfurchte Fjordlandschaften, verschneites Vulkangebirge, über Abertausende Schlaglöcher hinweg und vorbei an exakt sieben Tankstellen bis zum Ufer des Lago O'Higgins. Dort befindet sich ein Holzschild mit der Aufschrift: "Ende des Weges". Klar, wer so weit gekommen ist, würde am liebsten ewig weiterfahren. Aber es ist aussichtslos. Der Endpunkt dieser Sackgassee ist das ewige Eis Patagoniens.

Türkisfarbenes Wasser, Strähnen aus Marmor: die Höhlen bei Puerto Río Tranquilo.

(Foto: Andreas Werth/mauritius images)

Man kann auf der Ruta 7, besser bekannt als Carretera Austral ("Süd-Landstraße"), liegen bleiben, weil ein Reifen platzt oder weil das Benzin ausgeht, und mit etwas Pech ist man dann mehrere Tagesmärsche vom nächsten Ort entfernt - ohne Handysignal und Internet. Solange der Motor läuft, hat dieser Roadtrip aber auch einen unschätzbaren Vorteil: Es ist nahezu unmöglich, sich zu verfahren. Chile ist hier, in der Region Aysén, so schmal, dass zwischen seine Pazifikküste und seine Andengipfel nicht viel mehr hineinpasst als ein Schotterweg, der immer nach unten führt. An einer der wenigen Stellen mit einer größeren Querstraße liegt ein Ort, der diese Kreuzung als seine Daseinsberechtigung im Namen führt: La Junta, die Verbindungsstelle.

Die Marmorhöhlen bei Puerto Río Tranquilo kann man im Kajak erkunden.

(Foto: Andreas Werth/mauritius images)

Drei Wochen sollte man schon einplanen, wenn man ohne Hektik von Puerto Montt zu dem Holzschild am Lago O'Higgins kommen will (den Rückweg nicht mitgerechnet). Selbst mit einem gut gefederten Geländewagen kann man selten schneller als 50 Kilometer in der Stunde fahren. Es sind in jedem Fall sehr wackelige, staubige und windige drei Wochen, deren Anteil an nassen, eisigen und matschigen Tagen mit der Jahreszeit variiert. Kurzum: Es gibt Angenehmeres. Aber um etwas Aufregenderes zu finden, muss man eine Weile suchen.

Das fängt ja gut an: Den bestellten Mietwagen fährt ein anderer

Tag 1, Puerto Montt: Im Terminal des Flughafens El Tepual International gähnt die Frau hinter dem Schalter der Autovermietung, "hier ist keine Reservierung eingegangen". Kann nicht sein, bitte noch mal prüfen! "Ich hab jetzt aber Feierabend und morgen ist Sonntag, kommen Sie am Montag wieder." Was wenig hilft in Chile: Wenn man seinen Ärger durch wütendes Schreien zum Ausdruck bringt. Was zumindest manchmal hilft: Wenn man höflich mit einem imaginären Anwalt droht. "Ja gut, ich rufe die Chefin an", sagt die Schalterfrau. Die Chefin liegt an diesem Samstagabend gegen 22 Uhr gerade in der Badewanne, von dort gibt sie durch: Ganz dummer Computerabsturz letzte Woche, viele Daten verloren, alle Autos vermietet jetzt, aber wir organisieren selbstverständlich einen Ersatzwagen. Dieser Ersatzwagen gleicht dann eher einem vollautomatischen Ersatzraumschiff. Bisschen zu dick vielleicht, denkt man ihm ersten Moment. Aber nach wenigen Tagen auf der Carretera Austral fragt man sich bereits, wie man jemals davon ausgehen konnte, diese Straße sei auch ohne rollendes Raumschiff zu bereisen.

Geteert ist die Carretera Austral nur im nördlichen Drittel, wie hier, südlich des Yelcho-Sees. Ansonsten ist die Straße ein Parcours von Schlaglöchern.

(Foto: Andreas Werth/mauritius images)

Puerto Montt ist vielleicht keine Schönheit, aber ein Geruchserlebnis. Die Menschen leben hier in Holzhäusern, die sie mit feuchtem Brennholz heizen. Ein süßliches Räucheraroma kriecht erst in die Nase und dann in die Kleider. Dort wird es auch für die kommenden drei Wochen bleiben. Man kann vergeblich versuchen, dagegen mit Rei in der Tube anzuwaschen. Oder einfach hinnehmen, dass dies der Duft des Frontier Spirit ist.

Tag 2 bis 5, Chiloé: Das nördlichste Teilstück der Ruta 7 gehört zu den kompliziertesten. Die Straße wird dort von drei Fjorden zerschnitten, vor den Fähren muss man zumindest in den Sommermonaten Januar und Februar mit stundenlangen, manchmal tagelangen Wartezeiten rechnen. Das lässt sich durch einen Abstecher über die Insel Chiloé umgehen, ein Paradies, das man nicht ohne Gummistiefel betreten sollte. Die hölzernen Stabkirchen dort gehören zum Unesco-Weltkulturerbe, der Wurst-Muscheleintopf Curanto zum interessanteren Teil der chilenischen Küche, aber allein die Sagen und Mythen der Chiloten rechtfertigen den Umweg. Sie erzählen ganz und gar ironiefrei vom Trauco, dem bösen Zwerg, von den Voladoras, den fliegenden Hexen, und vom Geisterschiff Caleuche mit seiner Besatzung aus wiedergeborenen Ertrunkenen. An der Südspitze Chiloés verkehrt eine Fähre mit lebendiger Besatzung zurück aufs Festland, direkt in einen der größten und spektakulärsten Nationalparks Südamerikas hinein, Pumalín.

Reiseinformationen zu Chile

Anreise: zum Beispiel ab Frankfurt nach Santiago de Chile mit Anschlussflug nach Puerto Montt mit Latam Airlines ab 1000 Euro (www.latam.com/de).

Übernachtungen: Fundo de los Leones: Öko-Lodge mit kleinen, gemütlichen Holzhütten direkt am Ufer des Piti-Palena-Fjordes, nahe dem Fischerdorf Puerto Raul Marín Balmaceda, DZ ab 95 Euro (www.fundolosleones.cl), Casa Ludwig: denkmalgeschütztes Holzhaus, geführt von den Nachfahren deutscher Siedler. Liegt direkt an der Ruta 7 im Dörfchen Puyuhuapi. Ausgangspunkt für den Nationalpark Queulat mit seinem spektakulären Hängegletscher, DZ ab 44 Euro (www.casaludwig.cl), Ocio Territorial Hotel: sehr geschmackvolles Resort auf der Rilan-Halbinsel von Chiloé, DZ ab 250 Euro (www.centrodeocio.cl).

Tag 6 und 7, Pumalín: Der Park ist ein Geschenk des 2015 verstorbenen US-Umweltaktivisten Douglas Tompkins, dem Gründer der Outdoormarke The North Face. Er hatte vor 25 Jahren riesige Ländereien aufgekauft, sie verwildern lassen und unter Schutz gestellt. So hat sich dort unter anderem der namensgebende und einst bedrohte Puma wieder erholt. Geschützt vor der Holzfällerindustrie sind inzwischen auch die letzten Exemplare der Patagonischen Zypressen (Alerces), die bis zu 3000 Jahre alt sein sollen, und außerhalb dieser moosigen Märchenwälder vermutlich nur in Tolkiens Mittelerde zu bestaunen sind.

Tag 8, La Junta: Die einzigen Menschen, denen man auf dem Weg zur größten Kreuzung der Carretera Austral begegnet, sind Bauarbeiter, die im strömenden Regen das nächste Teilstück asphaltieren. Chiles Regierung will in den kommenden Jahrzehnten die ganze Straße pflastern, etwa ein Drittel ist schon geschafft. Puristen halten das für Frevel, aber die wenigen Anwohner freuen sich. In La Junta steht noch ein Denkmal des Diktators Augusto Pinochet, unter seiner Schreckensherrschaft hatten die Bauarbeiten der Ruta 7 begonnen. Die Straße, auf der heute Abenteuerreisende aus aller Welt ihren Freiheitsdrang ausleben, war einmal das Prestigeprojekt eines Schurkenstaates.

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Tag 9 bis 11, Raúl Marín Balmaceda: Wenn es schon eine Querstraße gibt, dann nimmt man sie natürlich. Sie endet nach drei Autostunden in dem Fischerdorf Raúl Marín Balmaceda. Dort sieht man vom Strand aus Delfine in der Bucht schwimmen. Auf einem Motorbootausflug erreicht man auch Felsen, die von Seelöwen oder Pinguinen bevölkert sind.

Tag 12, Parque Queulat. Weiter südlich führt die Hauptstraße durch die Einsamkeit des Naturparks Queulat, der vor allem für seine Thermalquellen und seinen spektakulären Hängegletscher bekannt ist. Wer den noch einmal live sehen will, sollte sich beeilen. In den vergangenen Jahrzehnten ist das halbe Gletschertal als Schmelzwasser in den Pazifik geflossen.

Tag 13, Coyhaique: Der einzige Ort auf der Strecke, der den Namen Stadt verdient. Gut zum Auftanken, um Geld abzuheben und auch mal wieder einen Supermarkt zu betreten. Dann aber: schnell weiter!

Tag 14 und 15, Cerro Castillo: Am Fuße dieses bizarr geformten Berges, der wie eine verschneite Ritterburg in der Landschaft steht, endet das letzte gepflasterte Teilstück. Ab hier geht es bei Regen im Schlamm und ansonsten im Staub weiter. Überholen ist praktisch unmöglich, und wer das Pech hat, hinter einen Lkw zu gelangen, muss froh sein, wenn er noch das eigene Lenkrad sieht. Tatsächlich gibt es auch Tollkühne, die diese Straße mit dem Fahrrad bereisen. Wahrscheinlich müssen sie sich hinterher erst einmal ihre Lunge aussaugen lassen. Für Reisende mit Kindern ist die Gegend um den Cerro Castillo besonders zu empfehlen. Sie gleicht einem riesigen Bauernhof voller Pferde, Kühe, Lamas und Hühner. Die wenigen Menschen, die unter ihnen wohnen, führen gerne in die Kunst des Schafscherens am lebenden Objekt ein. Mitunter wird das Objekt auch anschließend am Stück gegrillt.

Der nächste Flughafen ist 540 Kilometer entfernt, praktisch um die Ecke

Tag 17 bis 19, Puerto Río Tranquilo: Eine Tagesreise weiter südlich gelangt man ans Ufer des Lago General Carrera, der bis nach Argentinien hinüberreicht, wo er Lago Buenos Aires heißt. Es ist der zweitgrößte See Südamerikas nach dem Titicacasee. An sonnigen Tagen kann man hier mit etwas Überwindungskraft sogar baden, allerdings nicht zu lange. Douglas Tompkins ist in diesem See mit seinem Kajak gekentert und später an Unterkühlung gestorben. Der Ort Puerto Río Tranquilo ist auch der Ausgangspunkt für Expeditionen zu der fantastischen Gletscherlagune San Rafael. Auf eigene Faust ist sie allerdings nicht zu erreichen, und manche Tourunternehmer verlangen fantastische Preise. Trotzdem: Jeder Peso lohnt sich.

Tag 20 und 21, Río Baker: Unter all den Wildwasserflüssen Südchiles ist der Río Baker zweifellos der spektakulärste. Sein Wasser ist milchig-türkis, was auf der langen und nicht ganz ungefährlichen Fahrt entlang des Randes der Bakerschlucht die Frage aufwirft, weshalb die Farbe Türkis, die ja nicht sehr kleidsam ist, bei Wasser allgemein als schön empfunden wird. Googeln kann man die Lösung vor Ort nicht, kein Netz. Aber mit einer von Halbwissen geprägten Debatte über Türkiswassertheorien vergehen die restlichen 240 Kilometer bis zum Ende der Sackgasse wie im Flug.

Tag 21, O'Higgins: Am Ende des Weges, im 400-Seelen-Dorf Villa O'Higgins, besteht eher das Problem, das sich jede Debatte erübrigt. Von hier gibt es eigentlich nur einen Ausweg: alles wieder zurück. Wobei selbst diese Ausweglosigkeit zwei kleine Schlupflöcher zum Schummeln lässt. Der Flughafen Balmaceda an der argentinischen Grenze ist nur 540 Kilometer entfernt, also praktisch um die Ecke. Und noch etwas weiter nördlich, in Puerto Chacabuco, legt hin und wieder auch eine 24-stündige Autofähre nach Puerto Montt ab - wenn nicht gerade, wie im Fall dieser Reise, die Hafenarbeiter streiken.

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