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Capri:Die Fünf-Sterne-Insel

180 Jahre nach Entdeckung der Blauen Grotte ist Capri noch immer eines der Lieblingsziele der Reichen, Mächtigen und Schönen - nicht nur wegen der Gastfreundschaft.

Neulich ging Roger Belletti mit Freunden eine Kleinigkeit essen. "115 Euro haben wir bezahlt, für drei Bier und drei Pizzen. Das finde ich nicht gut. Aber die Pizzeria war knallvoll - und alle waren zufrieden. Capri eben."

Gedränge vor der Blauen Grotte - richtig genießen kann man die Insel erst, wenn die Tagestouristen abgezogen sind.

(Foto: Foto: dpa/ZDF)

Der Hotelmanager mit dem gebräunten, kahl rasierten Kopf zieht die Augenbrauen hoch und blickt von der Restaurantterrasse ein wenig ratlos über die knallweißen Inselhäuschen mit ihren blumenüberwachsenen Balkonen, über die Gärten mit den Orangen- und Zitronenbäumen, die tiefgrünen Hügel, Kalksteinklippen und das Meer, das sich da so glatt und kobaltblau ausbreitet wie eine Platte aus Muranoglas.

"Wunderschön, gewiss", murmelt Belletti, "und trotzdem finde ich es unfassbar, wie stark sich Capri verkauft. Und ich frage mich, ob es das viele Geld wert ist."

Dabei ist es Belletti eigentlich gewohnt, mit sehr viel Geld umzugehen. Als Chef des vergangenen Sommer eröffneten Marriott Capri Tiberio Palace führt er eines der kostspieligsten Häuser der mondänsten Insel des Mittelmeers.

"Wir sind das teuerste Marriott weltweit", sagt er und kostet von dem Seeigel-Tatar, das sein Küchenchef gerade zubereitet hat. "Fünf Sterne Luxus. Die Zimmerpreise beginnen bei 400 Euro und enden bei 1500. Trotzdem sind wir derzeit total ausgebucht. Wenn das so weitergeht, bräuchten wir bald keinen Sales Manager mehr."

Capri ist, 180 Jahre nach der "Entdeckung" der Blauen Grotte durch den deutschen Maler August Kopisch, wieder eines der Lieblingsziele der Mächtigen, Reichen und Schönen, und das, obwohl Tag für Tag bis zu 15.000 Ausflügler die Insel überschwemmen.

Andere feine Adressen wären dadurch erledigt, doch auf Capri schreckt der Rummel die Prominenten nicht ab. Tom Cruise und Jennifer Lopez, Elton John, Mariah Carey, der belgische König Albert II., Italiens Industriellen-Präsident Luca Cordero di Montezemolo, Caroline von Monaco, Giorgio Armani oder das römische Fußball-Idol Francesco Totti - alle kommen nach Capri, um von ihren Yachten aus die Restaurants und Boutiquen zu stürmen oder in ihren Villen ruhige Tage zu genießen.

Marcello, Jose und Kirk

Die spektakulären Häuser in den Steilhängen werden, wenn überhaupt, nur noch zu Phantasiepreisen weitergegeben. "Silvio Berlusconi sucht hier eine Bleibe", sagt Roger Belletti, "und (Microsoft-Gründer) Bill Gates kam gerade vorbei, um sich eine Villa anzuschauen. Als sich der Preis daraufhin verdreifachte, fuhr er stinkig wieder davon. Recht hatte er."

Der Manager verzehrt eine Hummer-Schere und blickt wieder auf das Mittelmeer-Idyll. Capri sei sehr unbequem, sagt er. Es gäbe kaum Strände und die Wege seien zu eng für Autos. Dennoch wollten alle hierher.

"Man kann es nicht erklären, aber Capri hat etwas. Hier ist es anders als anderswo. Aber auch ich verstehe nicht, warum."

Rätselhaftes Capri. Wer eine Antwort auf die Frage sucht, was die Insel so begehrenswert macht, kommt an Antonio De Angelis kaum vorbei. Schon der erste Blick in sein Restaurant "La Capannina" legt nahe, dass sich hier das Geheimnis offenbaren könnte.

Denn die zahllosen Fotos an den Wänden beweisen, dass sie alle hier gewesen sind: der Schah von Persien mit Soraya, Jacqueline Kennedy mit dem Reeder Onassis, Marcello Mastroianni und Julia Roberts, Dustin Hoffman und Jose Carreras, Kirk Douglas und, viele Jahre später, Sohn Michael.

Sie alle - das streng dreinblickende Paar aus Persien einmal ausgenommen - zeigen strahlende Gesichter, denen man ansieht, dass sie gerade sehr gut getrunken und gegessen haben.

"Und dann sind hier schon die unglaublichsten Geschichten zwischen den Prominenten passiert", sagt Antonio De Angelis, ohne sich näher darüber auslassen zu wollen. "Capri ist immer in Mode", sagt der Wirt. "Es ist immer etwas exklusiver als anderswo."

Promis? Kein Problem für Capresen

Der Massenansturm ändere daran nichts. "Denn nach Sonnenuntergang, wenn die Ausflugsschiffe abgefahren sind, verändert die Insel total ihr Gesicht." Dann machen sich "i Vip", wie die Capresen respektvoll sagen, in ihren Villen und Suiten zurecht und kommen in den Ort, um in den Boutiquen der Via Camerelle - sie gilt als Capris Fifth Avenue - ein Zitronenparfum oder ein paar handgemachte Sandaletten zu kaufen und dann in den Restaurants zu schlemmen.

Weil die Capresen Prominente gewöhnt seien, würden sie auch ganz in Ruhe gelassen. "Nur einmal, als Silvester Stallone hier aß, wurde es turbulent. Da hingen die Mädchen draußen kreischend an den Fenstern des Wintergartens."

"Wir haben Tischreservierungen bis in den Oktober hinein aus aller Welt", sagt Antonio De Angelis. "Gott sei Dank spüren wir die Wirtschaftskrise hier überhaupt nicht."

Wer nun etwa glaubt, der 74 Jahre alte Wirt sei ein Snob, der täuscht sich.