Bulgarien Wiedergeboren

Zwischen Rila und Rhodopen: Einst wanderten die Menschen aus den Gebirgsgegenden im Süden Bulgariens ab. Heute kehren viele zurück und sorgen mit frischen Ideen für neues Leben in den Dörfern.

Von Monika Maier-Albang

Der Rollkoffer ist Mist, wenn man im Rila-Kloster übernachtet. Hat einem nur niemand gesagt. Deshalb holpert das Ding jetzt im Hof vorbei an der Kirche über glattgetretene Steine, von denen jeder einzelne den Fremdkörper lustvoll in die Luft schleudert. Die hoch aufragenden Wände mit den Bögen, hinter denen einst sehr viele Mönche lebten und in denen nun je Kammer drei Gäste schlafen können, spielen sich das Geklacker zu. Der Lärm, derart potenziert, holt vermutlich noch den letzten der Mönche aus dem Bett. Wie peinlich.

Bulgariens Klöster und ihre Bewohner sind Attraktionen.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Dabei hat man noch Evloghios von Adrianopolis im Ohr, den langbärtigen Bischof, der kurz zuvor in seinem Empfangszimmer unter den Schwarz-Weiß-Porträts seiner langbärtigen Bischofsvorgänger darüber sprach, wie schwierig es hier im Kloster für ihn und die Mitbrüder ist, zur Ruhe zu finden. Den ganzen Tag über Touristen, Pardon: Pilger. Den ganzen Tag über die fotografierenden Menschen ertragen müssen und das Fotografiertwerden, wenn sie über den Hof gehen, im Hof stehen, auf das hölzerne Brett schlagen, um zum Gebet zu rufen. Nicht so leicht, dann auch noch das zu tun, weshalb die Mönche eigentlich da sein sollten: Beichte hören, Gespräche führen, den Gottesdienst feiern mit diesen wunderbaren Gesängen der Orthodoxie, die hier in den Höhen des Rila-Gebirges allerdings etwas dünn ausfallen, anders als in der Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia. Wer dort die Gelegenheit hat, an einem Sonntag dem Wechselgesang zwischen Priester und Chor zuzuhören, sollte das nicht verpassen. Im Rila-Kloster aber sind sie nur noch neun Mönche. Im ebenfalls gern besuchten Kloster Rozhen, etwas weiter südlich im Pirin-Gebirge, hinter den malerisch aufragenden Sandfelsen, leben sogar nur noch zwei Mönche.

Das Kloster Rila wollen jedes Jahr Zehntausende sehen.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Die alten Klöster mit ihrer reichen und eigenwilligen Ikonografie, mit Maria "Hodegetria", der "Wegweiserin", die mit ihrer Hand aufs Jesuskind deutet, mit allerlei Teufelchen und Fegefeuer-Darstellungen - sie sind für das Landesinnere das, was der Strand für die Schwarzmeerküste ist: ein Besuchermagnet. Bulgarien hat eine lange christliche Tradition, und dass die Bulgaren diese während der osmanischen Herrschaft verteidigt haben, fünf Jahrhunderte hindurch, ist bis heute identitätsstiftend. Doch von der Erinnerung an Freiheitskämpfer und Wiedergeburt allein, wie sie in Bulgarien die Zeit der nationalen Einigung ab dem 18. Jahrhundert nennen, kann man nicht leben. Unter Nachwuchsmangel leidet nicht nur die im Kommunismus unterdrückte, unabhängige Bulgarisch-orthodoxe Kirche, die bis heute viel Energie darauf verwendet, enteignete Güter zurückzuerlangen und sich über die Rolle ihrer Geistlichen während dieser Zeit zu streiten. Unter der Abwanderung der Jungen und Gebildeten leidet das ganze Land.

Batschkovo mit seinem Ikonenschmuck liegt auf dem Weg in das Rhodopen-Dorf Kosovo.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Aber es gibt auch Menschen, die zurückkommen. Und den Mut haben, etwas anzupacken. So wie Svetlana Raleva und ihr Mann Dimitar Ralev.

Die Straße ist steil, die Schlucht daneben tief. Wer hier hoch will, braucht gute Nerven

Wer das Ehepaar besuchen will, fährt von Plovdiv Richtung Süden in die Berge, durch herbstbunte Eichenwälder, vorbei am Kloster Batschkowo. Dann kommt eine Abzweigung nach rechts, eine schmale Straße führt stetig hinauf und der Blick fällt so steil ab in eine Schlucht, dass man dem Fahrer und sich alles Gute wünscht. Im Winter werde hier geräumt, versichert Svetlana Raleva später, als man bei ihr im Gastraum sitzt. Muss auch. Sonst würde keiner ihrer Neujahrsgäste, die hier vor den Kamin kauern, Spiele spielen und sich an ihrem Gjuvetsch-Eintopf wärmen, es bis hinauf in das Dorf Kosovo schaffen.

Durch das Gebirge führt nach wie vor eine Schmalspurbahn - dank Kristijan Vaklinov.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Kosovo ist ein christliches Dorf in den Rhodopen, das zu erwähnen ist nicht ganz unwichtig, denn es gibt auch viele Dörfer hier mit muslimischen Bewohnern, Pomaken oft, was übersetzt so viel wie "Helfer" bedeutet. Ein abschätziger Begriff aus Sicht der christlichen Bulgaren, da sie als Handlanger der osmanischen Herren galten. Zwischen den Dörfern gibt es bis heute oft wenig Austausch, dafür aber viele alte, offengehaltene Rechnungen.

Das Dorf Kosovo existierte praktisch nicht mehr, bevor das Ehepaar Ralevi sich entschloss, hier leer stehende Häuser zu sanieren und die Zimmer zu vermieten. Vor 15 Jahren kehrten die beiden aus Venezuela zurück, wo sie lange Zeit in einer Reifenfabrik gearbeitet hatten. In Spanien hatten sie im Urlaub in schön renovierten alten Häusern übernachtet. "Wir dachten uns, so was sollte es bei uns auch geben", sagt Svetlana Raleva. Aber sie fanden nichts Vergleichbares. "Also haben wir beschlossen: Machen wir's selbst!" Ein paar Sommer lang fuhren sie durch Bulgarien auf der Suche nach dem optimalen Platz, dem schönen Dorf, das in erreichbarer Nähe zu einer großen Stadt liegt, in dem keine kommunistischen Baurelikte stören - und in dem es Häuser zu kaufen gibt. In Kosovo gab es davon mehr als genug: 100 Häuser zählt das Dorf. Und sieben Bewohner, die beiden Zugezogenen eingerechnet. Mit ihren 62 Jahren senkt Svetlana Raleva das Durchschnittsalter. Die Häuser, die zum Teil seit Jahrzehnten leer stehen, stammen allesamt aus der Wiedergeburtszeit: Holz auf Stein, mit weinumrankter Terrasse und weitem Blick ins Tal. Und so viel Ruhe, dass es einen erstaunt, dass man besseren Internetempfang hat als daheim am Irschenberg.

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Drei Häuser besitzt das Ehepaar mittlerweile im Dorf. Man erkennt sie daran, dass selbstgebastelte Tibet-Fahnen davor wehen; Sohn Hristo hat sie aufgehängt. Der 32-Jährige hilft mit, wann immer viele Gäste da sind, ansonsten will er die Wohnung in der Stadt nicht aufgeben. Gibt ja niemanden in seinem Alter im Dorf, zumindest nicht während der langen Winternächte. Dimitar Ralev, sein Vater, ist gerade mit einem Korb voller Steinpilze heimgekommen. Trocken war der Sommer, "ich musste weit hinauf, um sie zu finden", sagt er. Was die Gäste hier tun? Wandern auf alten Hirtenpfaden, die Ralev und sein Sohn freigeräumt haben, mit Dimitar Pilze suchen, mit Hristo mountainbiken. Ein paar Kletterfelsen hat Hristo Ralev gerade ausgemacht, die will er demnächst zur Probe besteigen, denn das Gebirge hier ist porös. Aber Klettern: Das tut er gern, und das könnte weitere Kundschaft anlocken.

Reiseinformationen

Reisearrangement: Das Bayerische Pilgerbüro bietet 2017 eine Wanderreise ins Pirin- und Rila-Gebirge an (18. Juni bis 25. Juni sowie 9. September bis 16. September ab München inklusive Flug ab 1059 Euro pro Person), zudem eine Studienreise (3. Juni bis 10. Juni, inklusive Flug ab 1125 Euro); Telefon: 089 / 545 81 10, www.pilgerreisen.de

Übernachten: im Dorf Kosovo: DZ ca. 30 Euro, www.selokosovo.com

Weitere Auskünfte: zur Rhodopenbahn: www.tesnolineikata.com; Kontakt zu Kristijan Vaklinov: https://www.facebook.com/tesnolineika/#; zum Dancing Bears Park: www.vier-pfoten.bg; Wanderreisen organisiert auch Odysseia-In, www.wandernbulgarien.eu

Was die Ralevi jetzt schon geschafft haben: Sie haben neue Nachbarn bekommen. Einige ihrer Gäste haben sich ebenfalls Häuser gekauft im Dorf, kommen nun während der Ferien hierher, Exil-Bulgaren zumeist, die von den angestammten Dörflern mit Kürbissen, Wein, Kartoffeln und Traubenschnaps, Rakija, umsorgt werden. "Die freuen sich einfach, dass wieder Leben im Dorf ist", sagt Svetlana Raleva.

Nationalpark schützen, Bären retten: die Öko-Szene des Landes wird immer stärker

Leben für die Dörfer dieser Aufgabe hat sich auch Kristijan Vaklinov verschrieben. Vaklinov ist 22 Jahre alt - und ein Star in seiner Heimat. Schließlich hat er die Rhodopen-Eisenbahn gerettet, eine Schmalspurbahn, die für Touristen malerisch sein mag, führt sie doch beginnend im Wintersportort Dobrinischte am Rande des Pirin-Nationalparks über eine Strecke von rund 125 Kilometern bis in die Stadt Septemwri vorbei an Schluchten und durch Tunnels, man sieht Wald und Wiesen, auf denen Pferde und langschwänzige Schafe mit ihren Hirten unterwegs sind. Für die Menschen aus den entlegenen Gebirgsdörfern aber ist die 1922 eröffnete Zuckel-Bahn das öffentliche Verkehrsmittel schlechthin. Mit ihr bringt man die Äpfel zum Markt und die geliehene Säge zurück zum Besitzer. Die Kinder fahren damit zur Schule und die Kranken ins Krankenhaus. Die Bewohner der Rhodopen haben nicht zwingend ein Auto, die Gegend ist selbst für bulgarische Verhältnisse arm. "Und dann kam unser Staat und hat gesagt, diese Bahn lohnt sich nicht", erzählt Vaklinov von den Anfängen seines Kampfes. "Und ich habe gesagt: Das könnt ihr nicht machen. Diese Bahn hat eine soziale Funktion."

Kristijan Vaklinov war 17, als er die erste Unterschriften-Aktion ins Leben rief. Heute studiert er Wirtschaft in Sofia, aber wenn er durch den Zug geht, kennen und begrüßen ihn die Leute. Vaklinov bewegt sich im Zug wie in einem Zuhause: Schließt hier eine offenstehende Tür, die freien Fall in die Landschaft garantieren würde, sagt dort einem Schaffner Hallo, während um ihn herum spielende Kinder an den Gepäckablagen baumeln. Vaklinov ist aufgewachsen mit diesem Zug, träumte sich schon mit fünf am Bahnhof in die Ferne. Heute ist er einer der jungen Gebildeten, die sich mehr für ihr Land ersehnen: mehr Zusammenhalt, mehr Gefühl für die Natur, mehr Mitgefühl für die Tierwelt.

Eine ökologische Szene gibt es tatsächlich in Bulgarien; sie wird zwar den etablierten Parteien nicht gefährlich, weiß aber mit kraftvollen Aktionen wie der Blockade der Adlerbrücke in der Hauptstadt Sofia auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen, wenn wieder mal der Ausbau des Skigebietes Bansko auf die Tagesordnung gesetzt wird oder die Grenze eines Nationalparks zugunsten von Holzspekulanten verschoben werden soll. Und selbst, dass es Menschen gibt, die Bären retten, die ansonsten in Hotels vor sich hinvegetieren würden oder mit ihrem Herrn als Tanzbären von Dorf zu Dorf tingeln müssten, findet mittlerweile breite Zustimmung in der Bevölkerung. Seit 2008 stehen die Braunbären des Landes unter dem Schutz des Staates. Und dennoch nimmt Dimitar Ivanov manchmal lieber schwer bewaffnete Einsatzkräfte mit, wenn er ein Tier abholen will. So manch ein Besitzer habe gute Kontakte zur heimischen Mafia und trenne sich äußerst ungern von seinem Statussymbol, erzählt Ivanov, der für die Tierschutzorganisation Vier Pfoten arbeitet. Das Braunbären-Gehege liegt in der Nähe der Eisenbahnstrecke, in den Wäldern von Belitsa, und ist seit Kurzem auch Touristen zugänglich.

Womit wir wieder bei Kristijan Vaklinov wären. Der Zug ist ja nicht nur praktisch, er hat einen hohen Symbolwert: Er verbindet die Menschen der Rhodopen mit der Natur und er verbindet die Völker. Vaklinov, der Christ, sagt, er habe es noch nie leiden können, wenn Nachbarn über die "Scheiß-Pomaken" schimpften. Heute lädt er zu Zugfesten ein, in den Zug, an die Haltestellen, es kommen Touristen und Städter, Menschen aus den christlichen Dörfern der Rhodopen und solche aus den muslimischen.

Ein paar Parteien seien schon an ihn herangetreten, sagt Vaklinov, ihm ist schon bewusst, dass er einen guten Werbeträger abgäbe. Bislang hat er stets abgelehnt. "Es geht mir nicht um die Karriere. Und Geld will ich auch keines damit verdienen", sagt der Student. "Ich wollte nur den Zug retten für die Menschen hier. Das ist meine Bestimmung."