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Schwarzmeerküste in Bulgarien:Weg mit der Platte

Bei Bulgariens Schwarzmeerküste denkt man an billigen Urlaub an langen Sandstränden. Doch es gibt längst viel mehr.

Die Zeit drängt, der Bürgermeister wartet. Und weil sich Jordan Hristov, der einem gerade in seiner Yacht die Buchten von Primorsko gezeigt hat, für die Verspätung mit verantwortlich fühlt, packt er den Gast kurzerhand in den schwarzen S-Klasse-Mercedes. Hristov parkt vor dem Rathaus auf dem Taxistand, führt die Besucherin zur Empfangsdame. Die Zündschlüssel hat er stecken lassen, die Fenster stehen offen. Geht das in Bulgarien? Na klar, antwortet Jordan Hristov lachend, die Verbrecher seien längst alle im Gefängnis. Das mag stimmen. Oder es ist einfach so, dass einem wie Hristov ohnehin keiner im Ort das Auto zu stehlen wagt.

Jordan Hristov besitzt mehrere Hotels in Primorsko, und hier im Süden der bulgarischen Schwarzmeerküste, wo man die Türkei schon erahnen kann, ist diese Küste eine wildere als im Norden. Hier gibt es dünengesäumte Strände, Felsen mit dichtem Eichenwald und den Muschelstrand, der so heißt, weil sich hier Schalen aus Jahrhunderten abgelagert zu haben scheinen. Zwei Freunde betreiben am Strand eine Taverne, sie grillen, was die Fischer vorbeibringen: Steinbutt und Makrele, Hornhecht und Blaufisch. Dazu kommt Rakia, ein Obstbrand, auf den Tisch. Ein paar Bootsminuten entfernt liegt eine tiefgrün schimmernde Bucht, die nach der Heiligen Petka benannt ist; die Ruinen ihrer Kirche sind im Unterholz noch auszumachen. Schlangen brauche man nicht zu fürchten, sagt Hristov, der vorausgeht. Die hätten längst die Igel gefressen. Tatsächlich wurden zu kommunistischer Zeit überall entlang der Küste, wo der Tourismus Fuß fassen sollte, Igel ausgesetzt. Sie dezimierten die Schlangen. "Die Mäuse hat's gefreut", sagt Hristov. Wie überhaupt die kommunistischen Hinterlassenschaften Schatten- und Sonnenseiten haben.

Einige der Hotels, die Hristov betreibt, waren früher Erholungsheime staatseigener Betriebe. Er hat sie mit dem Geld, das er als Manager in Maschinenbau-Unternehmen in Deutschland, China und Südafrika verdient hat, auf europäisches Sterne-Niveau gehoben - mit Pools im Garten und Marmorboden am Empfang. Die sozialistische Kastenbauweise bleibt natürlich, aber es ist zumindest der Versuch, ein zahlungskräftigeres Publikum nach Bulgarien zu locken, eines, dem es am Sonnenstrand mit seinen Hotelburgen zu eintönig ist, das sich für die Kultur des Landes mehr als für seine billigen Biere interessiert. Beglik Tash liegt in der Nähe von Primorsko, ein bulgarisches Stonehenge; erst seit diesem Sommer werden hier Führungen angeboten. Dazu Sozopol mit seinen schönen, holzgefassten "Wiedergeburtshäusern" aus dem 19. Jahrhundert, jener Zeit, als sich Bulgarien in blutigen Kämpfen vom Osmanischen Reich gelöst hat. Gerade erst hätten Archäologen am Strand Siedlungsreste entdeckt, erzählt Dimitar Germanov, der Bürgermeister von Primorsko.

Die Funde sind noch undatiert, als Bewohner kommen viele infrage, denn gesiedelt haben entlang der Küstenregion Thraker und Griechen, Römer, Protobulgaren, Türken. Entsprechend bunt wirkt die Küche des Landes, irgendwie aber auch so, als sei das eigene immer geborgt: Der Schopska-Salat erinnert ans Essen beim Griechen, nur wird der Käse hier über Gurken und Tomaten geraspelt. Liegt Ljutenitza beim Brot, sieht es aus wie Ajvar, schmeckt aber tomatiger. Vor allem junge Bulgaren suchen denn auch nach ihrer, nach einer bulgarischen Identität. Das Land ist seit 2007 EU-Mitglied, und es drängt auch mit dem Herzen nach Europa. Die EU hat Arbeit gebracht, allerdings auch teures Benzin. Der Tourismus ist eine wichtige Einkommensquelle, und doch gibt es erst seit vergangenem Jahr ein eigenständiges Ministerium, fangen die Bulgaren erst jetzt an, sich Gedanken darüber zu machen, wie man heute Besucher ins Land zieht.

Bulgarien

An der Promenade von Burgas können sich Gäste von den weltumrundenden Fußknabber-Fischchen pediküren lassen.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Jordan Hristov könnte, wäre Zeit, noch mehr zeigen von seiner Heimat, in die er heimwehgeplagt vor 15 Jahren aus Deutschland zurückkehrte. Er kam, um am Aufbau Bulgariens mitzuarbeiten. Aber das sei nach wie vor nicht einfach, sagt der Unternehmer: keine politische Stabilität, überhaupt wenig Staat, wenig, auf das Verlass ist, auch auf kommunaler Ebene. Die Zufahrtsstraßen, die Kanalisation für seine Hotels: "Habe ich selbst machen lassen. Sonst würde ich heute noch warten", sagt Hristov.

Bislang war die russisch-bulgarische Ferienfreundschaft eine unkomplizierte

Bürgermeister Germanov spricht da schon lieber von den Zukunftsplänen, die er für die Region hat, vom Öko-Tourismus, den man nun entwickeln wolle, um sich zu unterscheiden vom Betoneinerlei im Norden. Am Strand soll nicht höher gebaut werden als sieben Meter, die Naturschutzgebiete am Ropotamo-Fluss, dessen Mündungsgebiet bei Urlaubern aus der DDR beliebt war wegen der FKK-Strände, sollen erhalten bleiben. In der Bucht, in der jetzt die rätselhaften Siedlungsreste gefunden wurden, blättert der Putz am Feriendomizil Todor Schiwkows vor sich hin. Immerhin: Dem weißen Protzbau des Staatschefs der Volksrepublik Bulgarien ist zu verdanken, dass der Strand nicht verbaut wurde. Schiwkow hatte die Bucht nahe Primorsko zum Sperrgebiet erklärt.

Auch künftig soll es hier keine zehnstöckigen Hotelburgen geben, verspricht der Bürgermeister. Aber er sagt auch, dass es "nicht einfach war", diese Begrenzungen durchzusetzen. Öko-Tourismus hat in Bulgarien keine Tradition. Man setzte hier schon immer auf Masse. Bis zu 700 000 Gäste reisen allein aus Deutschland jedes Jahr an, nur aus dem Nachbarland Rumänien kommen noch mehr: rund 900 000. Urlaub in Bulgarien ist für sie günstiger als Urlaub zu Hause.

Mitte der Sechzigerjahre entstanden in Bulgarien die ersten Urlaubs-"Resorts": Goldstrand, Sonnenstrand, Albena. Die älteste Touristensiedlung ist das nach den Heiligen Konstantin und Elena benannte Resort nördlich von Varna. Die Anlagen haben heute noch viel Grün zwischen den Hotels, liegen an einer kinderfreundlichen Küste mit feinsandigen, seicht ins Meer gleitenden Stränden. Ursprünglich waren die Resorts vor allem für Gäste aus dem Westen geplant, als Devisenbringer. Doch bald schon wollte der ganze Ostblock an die warme, sonnige Schwarzmeerküste, kamen russische Familien, ukrainische Bergarbeiter, Jugendgruppen aus der DDR. Familien aus Ost und West trafen sich hier zur Urlaubszusammenführung, das Leben in Bulgarien mutete frei und westlich an - ein Traum. Für den, der hindurfte.

Den Sonnenstrand säumen heute über Kilometer All-inclusive-Hotelanlagen; gebaut wurde nach Wild-West-Manier, ohne erkennbaren Plan. Die höchsten Häuser stehen an vorderster Front, wer in den Reihen dahinter wohnt, blickt auf Beton. In der Flower Street, der Haupt-Ausgehmeile, tanzen Anwerber auf der Straße, um Partyvolk in die Bars zu bekommen. Drumherum: Tattoo-Läden, Taschen-Imitate, Erotik-Shops und die weltumrundenden Fußknabber-Fischchen. In der Karaoke-Bar "Who the F**k is Alice?" greifen abwechselnd Britinnen im Blümchenkleid und Russinnen im Minirock zum Mikrofon; es klingt wunderbar vielfältig. Wer es volkstümelnder mag, fährt ein paar Kilometer ins Hinterland, ins Dorf Bata, wo Akrobaten auftreten, Frauen in Trachten und der obligate Feuertänzer, der barfuß, eine Ikone vor sich hertragend, über glühende Kohlen läuft. Das Ganze wirkt wie ein Relikt aus den Anfängen des Bulgarien-Tourismus. Vor allem russische Gäste sind hier, sie lachen, trinken, fühlen sich verstanden von den slawischen Brüdern und Schwestern. Die Sprache, die Schrift, die orthodoxen Kirchen, alles ist vertraut. Und doch anders. Wärmer. Und freier.

Reise Bulgarien

Wer es volkstümelnder mag, fährt ein paar Kilometer ins Hinterland, ins Dorf Bata, wo Akrobaten auftreten und Frauen in Trachten.

(Foto: Monika Maier-Albang)

Bislang war die russisch-bulgarische Ferienfreundschaft eine unkomplizierte. Aber seit Putin den Urlaub im eigenen Land zur patriotischen Pflicht erhoben hat und bestimmten Staatsbediensteten der Urlaub im EU-Ausland verboten ist, bleiben an der bulgarischen Schwarzmeerküste die russischen Gäste aus. Im Dorf Bata tanzen sie zwar noch, doch die Hoteliers am Sonnenstrand und in Pomorie klagen, Hunderte Flüge aus Russland seien gestrichen worden. Geblieben sind den Bulgaren jene Neubürger, die seit ein paar Jahren Wohnungen aufkaufen - an unverbauten Stränden, in Dörfern, in denen Häuser leer stehen, weil die Jungen irgendwo in Europa Arbeit gefunden haben.

Sich in Bulgarien ein Appartement zu kaufen, das gehe problemlos, sagen Elena und Ruslan, ein Rentnerpaar aus St. Petersburg, das vor zwei Jahren in einen Vorort von Burgas gezogen ist - und sich dort wohlfühlt. "Hier spielt es keine Rolle, ob du aus England kommst, aus der Ukraine oder aus Russland. Die Leute sind offen, hilfsbereit, gastfreundlich", sagen die beiden, die ihren Nachnamen nicht veröffentlicht sehen wollen. Er ist früher für eine Spedition gefahren, sie hat auf dem Bau gearbeitet. Mit ihrer Rente leben sie hier besser als zu Hause in der teuren Großstadt. Frühmorgens macht Ruslan für gewöhnlich einen Strandspaziergang, danach fährt das Paar gemeinsam Rad. "Wir fühlen uns hier wie im Paradies", sagt die 55-jährige Elena. Wie ihr Mann hofft sie, dass alles so bleibt, wie es ist, dass sie bleiben können. Ihr Pass ist ja ein russischer, die Aufenthaltsgenehmigung wird stets für ein Jahr erteilt. "Und wer weiß", sagt Elena, "was Putin noch so vorhat."

Informationen

Reisearrangements: Tui bietet eine Woche am Sonnenstrand bei Burgas im Riu Helios Paradise inklusive Flug und All-inclusive-Verpflegung ab 595 Euro pro Person im Doppelzimmer.

Eine Woche im Royal Perla in Primorsko kostet inklusive Flug und Halbpension ab 431 Euro pro Person im Doppelzimmer. Bei beiden Angeboten muss für ein Kind nur der Flugpreis bezahlt werden, Buchungen über www.tui.com.

Außerdem im Angebot sind Bus-Rundreisen durch das Land, z. B. acht Tage "Bulgarien zum Kennenlernen". Ab 794 Euro mit Flug ab Deutschland. Stationen sind u. a. Nessebar, Plovdiv, Bansko, das Kloster von Rila, das Frei lichtmuseum von Etăra, ein Stadtrundgang in Trjavna und Sofia, www.tui.com

Weitere Auskünfte: www.bulgariatravel.org/de

© SZ vom 20.08.2015
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