bedeckt München 28°

Buenos Aires und der Papst:Zweimal täglich kostenlos durch Franziskus' Leben

Papst Franziskus
(Foto: Claudio Peri/dpa)

Er hat keine Chance mehr, unbehelligt auf die Straße zu gehen: Papst Franziskus ist längst die größte Attraktion von Buenos Aires. Mit dem Bus kann man die Stationen seines Lebens abfahren - das tun vor allem die Einheimischen.

Bis vor dreieinhalb Monaten spazierte und fuhr ein älterer Herr regelmäßig weitgehend unbehelligt durch Buenos Aires, der hier heute keinen Schritt mehr machen könnte, ohne Menschenaufläufe zu verursachen. Jorge Mario Bergoglio wohnte damals neben der Kathedrale im Herzen der argentinischen Hauptstadt, er war der Kardinal. Dann flog Bergoglio nach Rom und wurde am 13. März zum Papst gewählt. Jetzt nennt er sich Franziskus, auf Spanisch Francisco.

Den Argentiniern verschlug es kurz die Sprache, aber schnell wurde umso mehr geredet. Längst gibt es Scharen von Einheimischen, die den Pontifex vor seinem Amtswechsel in der U- Bahn getroffen haben wollen oder beim Haareschneiden. Er gilt - anders als sein deutscher Vorgänger Benedikt XVI. - als ausgesprochen leutselig. Schon bald entdeckte die Metropole ihre neue Attraktion. Deshalb gibt es diese Tour.

Der weiße Bus wartet an einem feuchtkalten Samstagnachmittag vor der Basílica San José de Flores. "Circuíto papal" steht auf einem gelben Aufkleber, "päpstliche Rundfahrt". Bis vor kurzem kutschierte das Fremdenverkehrsamt Touristen nur gegen Gebühr in Doppeldeckern an Ziele wie das Teatro Colón, das Stadion von Boca Juniors mit der Maradona-Statue oder den Friedhof Recoleta, wo Evita Perón ruht. Inzwischen geht es an Wochenenden und Feiertagen außerdem zweimal täglich kostenlos durch das Leben des nun berühmtesten Sohnes vom Rio de la Plata.

In die 50 Sitze sinken allerdings weniger Touristen, sondern hauptsächlich "porteños", Bewohner von Buenos Aires - die meisten von ihnen gläubig, weiblich und in etwa so alt wie der 76-jährige Franziskus. Ein paar jüngere Pilger sind auch an Bord und außer einem Deutschen zwei Brasilianer, bald wird der katholische Oberhirte Rio de Janeiro besuchen. Erst wirkt dies wie eine Kaffeefahrt, bei der Heizdecken verkauft werden. Doch die Route sieht 24 Stationen eines himmlischen Aufstiegs vor, es geht dreieinhalb Stunden lang durch neun Stadtteile. "Dies ist eine offene Geschichte", spricht Reiseleiter Daniel Vega ins Mikro, "sie geht ja gerade erst los."

Es beginnt also im Viertel Flores, da verirren sich Fremde sonst selten hin. Flache, meist einfache Häuser, untere Mittelklasse. Bergoglio kam hier 1936 zur Welt, seine Familie war aus dem Piemont eingewandert. Vega erzählt, dass der Dampfer, den die Bergoglios ursprünglich hatten nehmen wollen, vor Brasilien sank. Sie stiegen zum Glück erst auf das nächste Schiff, sonst gäbe es keinen argentinischen Franziskus. Seine Großmutter betrat den Hafen von Buenos Aires trotz Sommerhitze im Wintermantel, unter dem sie den Erlös aus dem Verkauf ihrer Konditorei versteckte. Die Basilika San José de Flores war für den Enkel dann entscheidend, in dem Tempel soll der 17-jährige Jorge seine Berufung gespürt haben.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite