Land in Sicht
Wir leben, stellt Alastair Bonnett fest, in einer paradoxen Zeit. Denn einerseits beschleunigt der Klimawandel den Untergang etlicher Inseln oder ihren Zerfall zu Archipelen. Andererseits werden jedoch so viele künstliche Inseln angelegt wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte. In Summe habe die Welt dem Meer seit 1985 sogar mehr Land abgetrotzt als an die Ozeane verloren, so der britische Sozialgeograf in seinem Reisebuch "Das Zeitalter der Inseln". Derzeit würden sich also ein natürlicher und ein unnatürlicher Rhythmus überlagern.
Eine gewisse Schrulligkeit steckt hinter Alastair Bonnetts Begeisterung für neue und speziell für künstliche Inseln, und das ist dem Autor auch bewusst. Es handelt sich um eine grundsätzliche Faszination für das Phänomen des Inselschöpfens und nicht um eine für die konkreten Reize dieser Inseln. Solche fehlen in der Regel ohnehin, die künstlich geschaffenen oder neu aus dem Meer aufgetauchten Landmassen sind häufig unwirtlich, mitunter auch unzugänglich und mit der klassischen Metapher von der Insel als einem paradiesischen Ort nicht zu fassen.

Bonnett wird von einer Lust am Entdecken und Erobern angetrieben, die er selbstironisch eine "postkoloniale Maßlosigkeit" nennt und die nicht befriedigt wird durch das, was Urlauber für gewöhnlich auf (natürlichen) Inseln finden, ob es sich nun um Bornholm, Bali oder Bora Bora handelt. Es geht ihm nicht um Sonne und Strand, um Abgeschiedenheit und Ruhe, nicht um den Genuss des Lebens unter Palmen oder hinter Dünen.
"Inseln vermitteln heute ein Gefühl der Flüchtigkeit und der Ungewissheit: Es umgibt sie eine Atmosphäre des Zweifels", schreibt Bonnett in der Einleitung seines Buches. Gleichzeitig wird wahnsinnig viel auf sie projiziert, auch von ihm selbst. Inseln "bieten die Möglichkeit zu Neuem, zu Hoffnung". Noch der trostlosesten Insel - von denen es unter den künstlichen besonders viele gibt - würde etwas Utopisches anhaften. Bonnett verweist dabei auf Thomas Morus' bis heute nachhallendes Buch "Utopia", worin der ein vollkommenes Reich beschreibt, das - selbstverständlich - auf einer Insel liegt.
Inseln werden seit jeher gern gebaut, um alles mögliche Unerwünschte dort zu deponieren
Die Utopien, die mit diesen neuen Inseln verbunden sind, wecken Bonnetts Neugier. Dahinter verbirgt sich mehr als nur ihr praktischer Zweck. Eine der Fragen ist etwa, ob das Leben auf einer künstlich geschaffenen Insel notwendigerweise selbst künstlich sein muss.
Die Idee künstlicher Inseln ist nicht neu. "Inseln werden seit jeher gern gebaut, um alles mögliche Unerwünschte dort zu deponieren", so Bonnett, und erinnert an Venedig, das, so fährt er zynisch fort, "einen ganzen Archipel an Abfallhalden" errichtet hat: San Lazzaro degli Armeni diente ursprünglich als Leprakolonie, San Giorgio in Alga als Gefängnis für politische Gegner, San Servolo als Irrenhaus. Aber auch, um Landwirtschaft und Handel zu fördern, wurden Inseln geschaffen: die Crannogs, die seit dem Neolithikum auf der Britischen Insel gebräuchlich waren, die schwimmenden Inseln aus Schilf, die seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert am Zusammenfluss von Euphrat und Tigris gefertigt worden sind, sowie die vielen Inseln, die zusammen die aztekische Stadt Tenochtitlan gebildet haben, den Ursprung von Mexiko-Stadt.
Dem Meer abgerungenes Land muss immer einen Zweck erfüllen
Heute werden künstliche Inseln zu ganz unterschiedlichen Zwecken angelegt: um Wohnraum oder Urlaubs- und Freizeitareale zu schaffen, zum Ausbau der Infrastruktur, aus geostrategischen Gründen, zum Küstenschutz. Insofern ist die Entwicklung im Norden des Flevopolders erstaunlich. Dieser ist mit einer Fläche von 970 Quadratkilometern die größte künstliche Insel der Welt, gelegen vor der Küste der Niederlande. Seit 1968 leben hier mehr als 300 000 Menschen, die Areale zwischen den Siedlungen werden landwirtschaftlich genutzt. Inzwischen wird über eine Renaturierung von Teilen der Insel debattiert, wobei der Begriff nicht ganz richtig ist, da die betreffenden Flächen im Urzustand unter Wasser lagen. Aber zum ersten Mal taucht im Zusammenhang mit künstlichen Inseln der Gedanke des Unproduktiven auf.
Alastair Bonnett reist nach Dubai, auf The Palm und The World, er besucht asiatische Offshore-Flughäfen, er berichtet über Felsinseln im Südchinesischen Meer, die zu Raketenbasen ausgebaut worden sind vom chinesischen Militär. Immer gibt es ein wirtschaftliches, militärisches oder gesellschaftliches Ziel, das mit der Schaffung einer Insel verbunden ist. Bonnett nimmt die ökologischen und die sozialen Folgen in den Blick. Mal sind sie kurios, mal empörend, aber keineswegs immer negativ. Wenn, wie bei dem Projekt Villiers Island in Toronto, zumindest der Versuch unternommen werde, ökologische Standards zu berücksichtigen.
Die Kühnheit der insularen Konstruktionen ist mitunter erstaunlich: In der Arktis bauen Öl- und Gaskonzerne Inseln aus Sprüheis. In weniger als zwei Monaten wird somit ein Fundament geschaffen für einen Bohrturm. Bei aller Irritation kann Alastair Bonnett seine Begeisterung für derlei nicht verhehlen.
Alastair Bonnett : Das Zeitalter der Inseln. Von untergehenden Paradiesen und künstlichen Archipelen. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C. H. Beck Verlag, München 2021. 264 Seiten, 23 Euro.
Stefan Fischer
Große Schwarmoffensive
Für ein Kind gibt es wohl nichts Schöneres in den Sommerferien, als endlos erscheinende, dahinfließende Tage am Meer zu verbringen. In "Die Eloquenz der Sardine" nimmt uns Bill François mit zurück in seine Kindheitstage zu einem besonderen Meereserlebnis: Er findet in einer steinigen Mittelmeerbucht einen kleinen, silbrig glänzenden Fisch. Diese Sardine befreit ihn von seiner Furcht gegenüber den aquatischen Bewohnern des offenen, blauen Meeres. Und diese flüchtige Begegnung beflügelt ihn auch, den Lebensraum Wasser mit all seinen Bewohnern näher kennenzulernen. Die unstillbare Sehnsucht nach dieser magischen Welt hat François in verschiedene Gegenden dieser Erde getragen, die er an Land, auf dem Boot und tauchend unter Wasser erkundet hat.

Sanft und doch eindrücklich erzählt Bill François in "Die Eloquenz der Sardine" seine Geschichten aus der Welt der Flüsse und Meere, die einen erstaunen und begeistern. Angefangen bei der Sardine im Mittelmeer, die François durch ihr filigranes Erscheinungsbild als "zugleich strahlend und zerbrechlich" beschreibt, beleuchtet das Buch viele weitere Orte der Erde, an denen der Autor außergewöhnliche aquatische Bewohner in einem faszinierenden Hydrokosmos antrifft.
Die Ozeane sind Klangräume, mit einem großen Chor der Fische
Die Beobachtungsreise ist nicht nur so erfrischend wie ein Badegang in einem kalten, klaren Bergsee, sondern auch sehr wissenswert und gehaltvoll. Die wissenschaftlichen Anmerkungen von François, der auf dem Feld der Hydrodynamik und Biomechanik arbeitet, sind gut verständlich in die poetische Gedankenwelt des Buchs eingewoben. Ergänzt werden sie durch siebzehn Zeichnungen.
François beschreibt Farben, Düfte, Klänge, Strömungen und Schwingungen. Sie alle sind ausgeklügelte Kommunikationsmittel im Alltag der aquatischen Bewohner und fügen sich in die ozeanische Akustik ein, das "Grundrauschen des Meeresorchesters". Die wundervollen Walgesänge etwa stellen die Ortung und Verständigung der Tiere über Tausende Kilometer sicher. Diese reihen sich in den "großen Chor der Fische" ein: Der Barsch brummt mithilfe seiner Schwimmblase, und Langusten nutzen ihre Antennen als Geige, indem sie diese an den Unterseiten ihrer Augen entlangreiben. Der atlantische Lachs wiederum unterscheidet für seine Wanderbewegung die feinsten Duftnuancen im Wasser, sodass er in den kalten Gewässern Grönlands seine weit entfernte Geburtsstätte, den bretonischen Bach, wiedererkennt.
In Paris wachen Straßenfischer mit Stirnlampe und Angelrute über das Ökosystem
Das Buch führt von den idyllischen Stränden Neuseelands über polynesische Gewässer zur Küste Perus, an der ein Netz auf einer Breite von mehreren Kilometern die Sardellenschwärme für die Fischmehlverarbeitung einsammelt. Es nimmt einen mit zu den norwegischen Fjorden, wo sich in Aquakulturanlagen Abertausende Lachse auf engstem Raum tummeln. Bill François macht einen mit Menschen bekannt, die ihr Lebensschicksal an das Meer geknüpft haben: beherzte spanische Fischer, die energisch Schutzmaßnahmen fordern, um den Sardellenbestand in der Biskaya zu retten. Es sind Geschichten über die profitgesteuerte Gier, die weltweit eine unersättliche Überfischung einer einst herrlichen Fülle stetig vorantreibt.
Doch es sind auch Begegnungen mit Menschen der urbanen Gesellschaft, die Neugier und Bewahrungssinn vereinen: Straßenfischer im geschäftigen Paris, die mit Stirnlampe und Angelrute das unterirdische Ökosystem erkunden und einer Familie gleich bewachen. Das Buch ist somit auch ein Plädoyer für das Suchen und Finden des eigenen Platzes in der Natur, die uns in ihrer atemberaubenden, zerbrechlichen Schönheit fortwährend Wunder aufzeigt und zu ihrer Bewahrung einen verantwortlichen Umgang gebietet. Vor allen Dingen ist "Die Eloquenz der Sardine" aber eine liebevolle Aufforderung, mit offenen Augen durch die Welt zu reisen und die Fantasie immer wieder in neue Geschichten fließen zu lassen.
Bill François: Die Eloquenz der Sardine: Unglaubliche Geschichten aus der Welt der Flüsse und Meere. Aus dem Französischen von Frank Sievers. C. H. Beck Verlag, München 2021. 234 Seiten, 22 Euro.
Sarah Zapf
Trampen mit Schiff
Prag, Paris, Bratislava, Wien: Timo Peters ist schon viel getrampt in seinem Leben. Im Herbst 2011 war vieles ähnlich und doch ganz anders. Statt sich im Auto mitnehmen zu lassen, heuerte Peters auf Segelbooten an, statt auf Sofas übernachtete er in engen Kojen. Sein Ziel: per Anhalter über den Atlantik. Von Gibraltar über Las Palmas und Kap Verde bis nach Recife an der brasilianischen Küste fuhr er bei zwei Kapitänen auf ihren Booten mit - Couchsailing statt Couchsurfing. Ein spannendes Abenteuer mit viel Potenzial für eine gute Geschichte.

Doch die gelingt Peters in seinem Buch "Couchsailing" nicht. Statt die Leserin mitzunehmen an Deck der Segelboote, sie den Geruch des Meeres riechen zu lassen und ihr die Möglichkeit zu geben, eine emotionale Beziehung zu den Menschen in dieser Geschichte aufzubauen, ist "Couchsailing" größtenteils eine reine Abhandlung von Geschehnissen. Wenn Peters schreibt, dass Segelboote "gleichzeitig nach Werkstatt und Wohnküche" riechen und er diesen Duft liebt, ist das eine der wenigen Passagen, die den Leser zumindest kurz hineinblicken lassen in die Gefühls- und Gedankenwelt des Autors.
Zu Beginn beschreibt Peters seine Motivation für die Reise: "Ich will herausfinden, wie groß sich so ein Ozean anfühlt." Aber das Ergebnis bleibt offen. Manchmal, schreibt Peters, saß er während seiner Nachtschichten auf der Mystique oder der Libertalia stundenlang allein an Deck. Was ging ihm dabei durch den Kopf? Wie groß fühlte sich der Ozean in diesen Momenten an? Nichts.
Auch stilistisch ist "Couchsailing" wenig überzeugend. Bildliche Beschreibungen, um sich die Hafenbar auszumalen, an der das erste Bier nach einem langen Törn getrunken wird, sind rar. Immer wieder wählt Peters gleiche Formulierungen, Fachbegriffe erklärt er nicht. Und Ausdrücke wie die "Blondine im bunten Blümchenkleid" oder die "Weibergeschichten", die ein Crewkollege ihm erzählt, verdeutlichen, dass der Autor sich der mitunter diskreditierenden Wirkung seiner Sprache nicht bewusst ist.
Immerhin - zum Schluss hat Peters eine kleine Überraschung parat, die der Reise eine größere Bedeutung und dem Buch ein überraschendes Ende gibt. Wie groß sich der Atlantik anfühlt, weiß man dann zwar immer noch nicht, aber dass dessen Überquerung einen Wendepunkt in Peters Leben darstellt, der ihn glücklich macht, ist auch eine Erkenntnis. Ein kleiner Spoiler: Es geht um die Liebe.
Timo Peters: Couchsailing. Wie ich per Anhalter über den Atlantik reiste. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021. 320 Seiten, 12 Euro.
Josephine Kanefend



