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Brexit:"Ich wünschte, es wäre endlich vorbei - so oder so"

In Brighton stehen Liegestühle bereit für Urlauber aus dem In- und Ausland.

(Foto: Radana Sedlackova / Unsplash)

Andy Banner-Price führt in Devon ein mehrfach ausgezeichnetes Bed & Breakfast. Das günstige Pfund hat ihm mehr Gäste beschert. Trotzdem sagt er: Dank Brexit ist das Land in der Vorhölle.

Bed-&-Breakfast-Besitzer Andy Banner-Price ist gerne bereit, über die Brexit-Diskussionen und ihre Auswirkungen auf den Tourismus und auf sein "The 25 Boutique B&B" zu sprechen - aber erst nach zehn Uhr. Vorher ist er damit beschäftigt, seinen Gästen im englischen Torquay Frühstück zu servieren. Diese klaren Prioritäten dürften auch ein Grund sein, warum das B&B in der südwestenglischen Grafschaft Devon unter anderem beim "Travellers' Choice Award 2019" von Tripadvisor zum besten der Welt gekürt wurde.

SZ.de: Mr. Banner-Price, haben Sie Angst vor den kommenden Wochen und Monaten?

Andy Banner-Price: Ich würde nicht von Angst sprechen, aber diese Unsicherheit belastet mich. Ich hoffe nur, dass alles doch noch zu einem guten Ende kommt. Mir wäre es lieber, wir hätten gar nicht erst für den Bruch mit der EU gestimmt. Aber wenn dies tatsächlich wahr wird, sollen unsere Politiker Großbritannien so hinausgeleiten, dass wir der EU möglichst nah bleiben.

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Wirkt sich der bevorstehende Brexit bereits auf Ihr B&B aus?

Auf unseres nicht, nein. Aber in der Tourismusbranche generell und besonders in unserer Gegend sind viele der größeren Hotels auf Arbeiter aus Europa angewiesen. Die sind nicht mehr so leicht zu bekommen wie früher. Mein Mann Julian und ich machen in unserem B&B alles selbst, wir haben gar keine Angestellten. Einen kleinen Brexit-Effekt stellen wir aber fest: Die Buchungen aus dem europäischen Ausland sind mehr geworden, vielleicht weil das Pfund schwächer ist.

Haben Sie denn schon besorgte Nachfragen von europäischen Kunden erhalten, ob sie einen England-Urlaub zuverlässig buchen können?

Nein, bisher noch nicht. Ich glaube, dass die Leute davon ausgehen, dass sie einfach wie bisher reisen können. Das Problem ist ja: Weil nichts beschlossen wurde, kann man unmöglich sagen, welche Auswirkungen der Brexit hat. Ich hoffe doch sehr, dass die Regierung dafür sorgt, dass die Grenzen möglichst offen bleiben: Dass Urlauber und europäische Arbeiter kommen und gehen dürfen, Güter transportiert werden - fair, einfach und frei.

Und falls wir wirklich komplett aus der EU austreten, spüren wir womöglich zunächst gar nichts davon. Es braucht Monate und Jahre für neue Gesetze und um alles zu ändern. Vielleicht wird es also "business as usual", zumindest anfangs. Wir werden doch nicht einfach unsere Grenzen zumachen! Schließlich möchten wir genauso in die EU reisen, wie Europäer zu uns kommen wollen.

Was halten Ihre Gäste denn vom Brexit?

Viele sind selbst Briten und weil bei der Abstimmung nur etwas mehr als die Hälfte für den Austritt war, aber knapp die Hälfte dagegen, wird das Thema bei uns im Haus kaum angesprochen. Die Leute haben keine Lust, sich herumzustreiten. Sie wissen ja nie, wie ihr Gegenüber gestimmt hat, also diskutieren sie das Ganze lieber gar nicht. Wenn es jemand anspricht, dann thematisiert er eher den allgemeinen Frust: Es fühlt sich an, als würde das Brexit-Desaster ewig weitergehen. Wir sind einfach erschöpft. Ob es nun "in" oder "out", ein harter oder ein weicher Brexit wird - wir wollen, dass endlich etwas passiert. Denn wir haben das Gefühl, das ganze Land ist in der Vorhölle.

Der Brexit spaltet nicht nur die Gesellschaft, sondern sorgt auch für Konflikte unter Freunden und in Familien. Wie haben Sie das erlebt?

Mein Mann und ich haben beide dafür gestimmt, in der EU zu bleiben. Nur wenige unserer Freunde waren dagegen, alle aus sehr unterschiedlichen, persönlichen Gründen - aber ich glaube, die Gegner haben eigentlich kein Problem mit Europa, sondern mit der britischen Regierung. Weil wir Briten den Brexit lieber totschweigen, prägen diese unterschiedlichen Ansichten nicht unser alltägliches Leben. Nur wenn man die Nachrichten einschaltet, ist der Brexit das einzige Thema, schon seit Jahren. Ich wünschte einfach, es wäre endlich vorbei - so oder so.

Was war Ihr Motiv, mit "Ja" für die EU zu stimmen?

Ich sah keinen Grund, sie zu verlassen - ich war absolut glücklich so, wie es war. Das Referendum hätten wir niemals starten dürfen: Wir haben ja Parlamentsabgeordnete, die mehr Informationen bekommen, damit sollten sie ohne Abstimmung die richtigen Entscheidungen treffen. Ich war völlig überzeugt, das Ergebnis würde "bleiben" lauten - der Ausgang hat mich schockiert und enttäuscht. Das mag ja demokratisch sein, aber der Punkt ist doch: Weil fast halbe-halbe abgestimmt wurde, wird immer die Hälfte des Landes unglücklich sein. Niemand bekommt genau das, was er wollte. Nur das ist sicher.

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