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Brauchtum in New York:Die Wacht am Hudson

Die Sprache können viele nicht, aber ihre deutschen Wurzeln spüren sie ganz deutlich: In Vereinen wie den Bronxer Bayern pflegen Einwanderer-Nachkommen alte Traditionen.

Es gibt 55 solcher Vereine im Raum New York mit Namen wie Brooklyn Schuetzen Corps oder Liederkranz of the City of New York. Sie feiern das Oktoberfest, küren Schützenkönige, singen "Stille Nacht", jodeln beim "Umpah-Fest", tanzen wie vor 200 Jahren und verspeisen mit den "Kölsche Funke rut-wieß" in der Bar Loreley Schweinebraten mit Sauerkraut. Manchmal auch erst nach Aschermittwoch, das nimmt man hier nicht so genau.

Alljährlich findet in New York die Steuben-Parade statt.

(Foto: Foto: dpa)

Verstreut über die Stadt und ihre Vororte

Früher hatten die Deutsch-Amerikaner ihre eigene Straße - die 86th Street, "Sauerkraut-Boulevard" oder "Deutscher Broadway" genannt. "Da wurde ausschließlich Deutsch gesprochen", kann sich der heutige Bürgermeister Michael Bloomberg noch erinnern. Auf deutsche Touristen wirkte die Straße mit ihren Sütterlin-Schildern und Uralt-Schlagern immer etwas befremdlich. Manche sprachen abfällig von "Bratwurst-Deutschtum" oder einem "eingepökelten Dornröschen". Heute leben die Deutsch-Amerikaner weit über die Stadt und ihre Vororte verstreut.

Mehr als Folkore und Tänze

Viele der Vereine blicken auf eine stolze Geschichte zurück. Der Liederkranz etwa wurde 1847 gegründet und zählte US-Präsident Theodore Roosevelt zu seinen Mitgliedern. Heute klagen manche der Clubs über Mitgliederschwund. Deshalb bemühen sie sich zunehmend, mehr anzubieten als Folklore und Traditionstänze.

Larry Dittmer (36) vom "Plattduetsche Volksfest-Vereen" hat gerade seine Verlobte als Mitglied gewonnen: "Sie ist auch eine Deutsch-Amerikanerin, und nun versteht sie plötzlich, warum sie immer so hart arbeitet, so pünktlich und so ordentlich ist: Das sind deutsche Eigenschaften. Und diese Erfahrung machen viele von uns. Man kommt neu dazu und stellt fest: "Hey, die sind ja genauso wie ich.""

"Ein Stück Identität"

In "Tschörmeni" selbst sind viele Mitglieder noch nie gewesen, und nur ein Teil von ihnen spricht noch die Sprache. "Mittlerweile haben wir sogar Leute, die gar keine Verbindung zu Deutschland haben", sagt Eric Hoffmann (33) vom "Schuhplattler Vergnuegungs Verein Original Enzian". Seine eigene Familie stammt aus dem Allgäu: "Wenn du weißt, dass du aus Bayern kommt, gibt dir das ein Stück Identität. Du weißt, wo du hingehörst. Und das ist etwas Wertvolles."

Einmal im Jahr, im September, haben die Deutsch-Amerikaner ihren großen Auftritt: Dann marschieren sie in der Steuben-Parade die Fifth Avenue hinunter. Der Aufzug mit 20 Prunkwagen und 10 000 Teilnehmern wurde 1957 von Exildeutschen begründet und ist nach dem preußischen Generalstabschef von George Washington, Baron Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-1794), benannt.

Modernisierte Steuben-Parade

In diesem Jahr wird die Parade erstmals von dem 32-jährigen Journalisten Lars Halter organisiert. Er will den Aufzug modernisieren: "Wir wollen weiter die Schuhplattler haben, denn die geben uns hier in Amerika ein sympathisches Bild", sagt er. "Aber wir wollen auch die Jüngeren ansprechen, wir wollen ein größeres Spektrum deutscher Kultur präsentieren und nicht nur rückwärts gewandt sein. Schließlich prägt die Parade das Deutschlandbild von -zig Tausenden New Yorkern." Unter anderem will Halter prominente Deutsch-Amerikaner aus Hollywood einbinden: Vielleicht stehen demnächst ja Leonardo DiCaprio, Bruce Willis oder Sandra Bullock auf dem Wagen.

© sueddeutsche.de/dpa
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