Brasilien: São Paulo (SZ) Im Dickicht der Nächte

Was Sie schon immer über São Paulo wissen wollten, aber nie zu fragen wagten - Spaziergang durch eine Stadt, in der alles anders werden soll.

Von Peter Richter

(SZ vom 16.01.2001) - Die Nächte sind lang in São Paulo und voller Liebe in allen Formen, Schreibweisen und Zahlungsmodalitäten. Viel länger als der Rave im "lov.e". Selbst die schwulsten Hedonisten dort waren allmählich müde geworden. Da haben sie sich abermals ins Auto gesetzt. Am Fenster fliegen die roten Lichter der Rua Augusta vorbei, Nachtclubs, Mädchen. São Paulo, das St. Pauli des Südens. Die Wirtschaftsmetropole1£ macht auch nachts Kasse. "Jetzt zur Love-Story" hat jemand gesagt, dem Tiefsten, was die Nacht noch zu bieten hat.

Im Gewirr von São Paulo verliert man leicht den Überblick

(Foto: Brasil Mission)

Ihr Gesicht kennen Brasilianer auswendig

Auf dieser Fahrt durch die irrlichternden Verheißungen und die große Traurigkeit von São Paulo ist immer noch ein Zeitungsfoto dabei. Eine Dame, 55 Jahre alt, blond, energisch. Das Bild hatte zur Identifizierung dienen sollen, aber die Suche nach der Frau war erfolglos. Brasilianer kennen das Gesicht auswendig.

Es hat ihnen jahrelang aus dem Fernseher entgegen geblickt und die Liebe erklärt, speziell den Orgasmus, und dass Frauen darauf bestehen sollten - am besten täglich. Wenn Marta Suplicy heute im Fernsehen auftaucht, dann geht es ihr immer noch darum, die Menschen glücklicher zu machen. Nur tut sie das jetzt in einer anderen Dienststelle. Marta, wie sie überall kumpelhaft geduzt wird, Marta von der postkommunistischen Arbeiterpartei ist seit Beginn des Jahres Bürgermeisterin der viertgrößten Stadt der Welt.

Die Kulleraugenstrategie

Erika Berger wird für die PDS Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Nur mal so zum Vergleich. Südamerikas wichtigstes Finanz- und Industriezentrum ist jetzt in der Hand einer Frau, deren Söhne Rocker sind.

Dem älteren, Supla, wird in New York eine Affäre mit der deutschen Punk-Diseuse Nina Hagen nachgesagt. Der jüngere, João, macht MPB: Musica Popular Brasileira, eine Musik, die so klingt, wie ihr Name befürchten lässt, also wie Deutschrock und Eurodance, aber eben mit Samba. Marta hält ihn trotzdem für ein "tolles Talent". Unter Musikern wird jetzt kolportiert, seit dem Wahlsieg der Mutter habe er doppelt so viele Shows. Immerhin einer, der jetzt schon was davon hat.

Gegen Privatisierungen

Allen anderen blüht das Schlimmste. Darauf haben Martas Wahlkampfgegner auf ihren Plakaten jedenfalls oft genug hingewiesen. Von der Wirtschaftspolitik - Marta ist gegen Privatisierungen - mal ganz abgesehen: Kinderkulleraugen flehten da um drogenfreie Schulen. Marta hatte als Abgeordnete in Brasilia die Legalisierung von Marihuana gefordert.

Kinderkulleraugen auch als Anklage an die Leute, "die nicht wollen, dass es mich gibt." Marta will eine Fristenlösung für Abtreibungen. Dann das Foto mit dem Transvestiten. Aufgenommen, als sie in einem einschlägigen Club Solidarität zeigen wollte nach einer Welle von Gewalt gegen Homosexuelle. Da war die Kirche nicht glücklich. Und die ist machtvoll, erst recht seit sie Marcelo Rossi hat. Der war früher Surflehrer in Rio und macht "Aerobik für Gott". Bei einer Messe in São Paulo haben im November zwei Millionen Leute mitgeturnt und - gebetet.

Trotzdem haben einen Monat zuvor doppelt so viele für Marta gestimmt. 55 Prozent der Wahlberechtigten wollten die Frau, die für eine saubere Verwaltung eintrat. Jeder fünfte ihrer Gegner war damals schon wegen Korruption oder Wahlbetrug vorbestraft. Maluf, nunca mais - steht auf Aufklebern, die noch immer an vielen Autos kleben.

Vom Moloch überfordert

Nie wieder Maluf. Abgebildet ist ein dickliches Gespenst. Der Rechtspopulist war der fleischgewordene Klientelismus und das Oberhaupt einer Verwaltung, die mit dem Moloch heillos überfordert war. Zuletzt war es ihr in seniler Hilflosigkeit am wichtigsten, das innerstädtische "Plakate ankleben verboten" zu überwachen. So als sei sie Kurverwaltung von Bad Birnbaum, und als habe São Paulo keine anderen Probleme. Stichwort: Neun Milliarden Dollar Schulden.

Das dürfte die größte Bürde für die neue Bürgermeisterin sein. Und gleich dahinter kommt vermutlich ihre eigene Pressestelle. Das sind nicht nur Worte des Ärgers nach zahllosen vergeblichen Interviewanfragen. Man muss sich fragen, wie diese Frau zehn Millionen Paulistas regieren will, wenn schon ihre eigenen PR-Leute in den eigenen Warteschleifen, konfusen Auskünften und halbherzigen Versprechungen den Überblick verlieren.

Also kein Treffen, der Augenschein muss erzählen, was da auf Marta Suplicy zukommt: ein Hochhäusermeer, das schon beim Anflug Asphalt-Euphorie auslöst; leider verbringt man dann die erste Stunde an diesem an sich aufregenden Ort in der Warteschlange vor der Passkontrolle und die zweite Stunde vor dem Zoll. Akklimatisierung sozusagen.

Verlorene Stunden im Stau

Man kann in São Paulo auf vier verschiedenen Formen nicht vorankommen: mit der Metro, deren Netz nie dahin reicht, wo man es bräuchte; mit Privatautos, die träge vor sich hinschleichen, bis sie geraubt werden; mit Bussen, die in endlosen Reihen am Straßenrand stehen wie geparkt; oder mit Taxis, an denen sich meist als Einziges das Taxometer bewegt. Durch die Scheiben des Taxis blicken unendlich müde Augen nach draußen. Das Warten auf Grün ist wie das Warten auf Godot. All diese verlorenen Stunden, die zahllosen in Kunstledersitzen verschwitzten Arbeitsleben gelten als eines der größten Produktivitätsprobleme des Wirtschaftsstandortes.

Zum Shoppen im Privathubschrauber

Neulich gab es in einem Shoppingcenter - "Damit Sie nie wieder im Stau stehen" - allen Ernstes einen Hubschrauber zu gewinnen. Wenn man sich nicht ohnehin einen leisten kann, dann müsste man als Gewinner freilich erst noch einen Landeplatz in seine Favela bauen. Zum Shoppen in der City ließe sich der Privathubschrauber allerdings auf dem Dach eines Hochhauses an der Avenida Paulista tatsächlich neben denen einiger superreicher Paulistas einparken.

Man könnte dann auch aus der Luft zusehen, wie unten nach einem Sturzregen die Autos durch die Gegend gespült werden. Im Túnel de Ahangabaú seien sie einmal fast ertrunken, erzählen die Gastgeber. Es scheint, als seien sie fast ein bisschen stolz darauf, dass ihre Stadt so viel Wilden Westen bietet. Warum tun sich das zehn Millionen Menschen an? Dabei liegt doch Rio de Janeiro um die Ecke, wo wenigstens die Landschaft für die Widrigkeiten des Lebens entschädigt.

Fahr, wohin der Stau dich trägt

Ach Rio, sagen die Gastgeber, ein Badeort. Das Herz von Brasilien sind wir. Sie jubeln, als ihr Club Palmeiras schon in der ersten Halbzeit 3:0 gegen Vasco da Gama aus Rio führt. Es geht um die Copa Mercosur, es geht um alles, es geht gegen Rio. Dummerweise macht dann Romario in der zweiten Halbzeit ein 3:4 daraus.

Der ewige Katzenjammer der fleißigen Streber aus dem Landesinneren gegen die leichtfüßigen, rotzfrechen Cariocas? Die alte Stadt der Zuckerbarone, der Einwanderer und Glückssucher hat es nicht leicht gegen die Märchen und Mädchen von Ipanema. Es gibt keinen Corcovado-Christus, und das Banespa-Hochhaus ist ein recht schnödes Wahrzeichen. Außerdem ist es jetzt verkauft worden, und der legendäre Schriftzug soll verschwinden.

Filmfirmen sind ganz aufgeregt deswegen, weil sie dann ja kein Signet für São Paulo mehr haben. Dabei hat die Stadt als adäquates Gegenstück zu Zuckerhut und Meer das wundervolle Ensemble um das Copan-Gebäude von Oscar Niemeyer: Eine geschwungene Hochhausscheibe, einen Hotelriegel, der sich in deren Windungen kuschelt, und davor das endlos hohe Italia-Gebäude - eine machtvolle Welle, ein kecker Surfer, ein imposanter Bademeister.

Wieder eines dieser von den Brasilianern so leicht mit Beton dahingespritzten Versprechen, dass das Staunen und die Sinnlichkeit auch in modernen Formen wohnen können. Auch wenn es nur von ferne große weite Welt ist, und von nahem eher Ostblock, weil das meiste leer steht und vergammelt: eine so erhabene, arrogante Chiffre für Metropole ist selten gebaut worden.

Der Nagel im Bauch

Kein Wunder, dass das swingende Copan-Gebäude auch auf den Flyern des Mercado Mundo Mix auftaucht. Barra Funda, wo der Bahnhof immer neue Glückssucher von den dürren Äckern des Sertão auf das Pflaster von São Paulo spuckt, wird zum Wallfahrtsort aller coolen Kids der Stadt, wenn in einer alten Schuhfabrik dieser Markt stattfindet. Für rund drei Mark Eintritt kann man dort zu lauten Breakbeats Schmuck und Mode kaufen.

Man kann auch zusehen, wie sich 15-jährige Mädchen ihren Babyspeck piercen lassen. Die Töchter der Mittelklasse als Nagelkissen. Es gibt sogar einen echten Punk. São Paulo hat das, was die meisten lateinamerikanischen Städte nicht haben, auch - ätsch - Rio nicht: einen Underground, Szene, sophistication. Die Restaurants sind sensationell. Es ist eben nicht der schlampige Oberkellner im bekleckerten Zweireiher, der an der Copacabana mit dem Touristenmenü heran schlurft. Man kann sich im Japanerstadtteil Liberdade verlieren, oder versuchen, im italienischen Bela Vista bei "Famiglia Mancini" einen Platz zu bekommen.

Nationalistisches Wutgeheul

Weil der Deutsche Alfons Hug die Biennale von São Paulo, immerhin das wichtigste Kunstereignis Südamerikas, aus dem Würgegriff der lokalen Sammler und Galeristen retten soll, gab es nationalistisches Wutgeheul. Aber das zeugt wenigstens von Selbstbewusstsein, während Brasilianer sonst oft kritiklos alles vergöttern, was aus dem Ausland kommt, sofern dieses Ausland nicht Argentinien heißt.

Mindestens so elegant wie die Dolce und Gabbana- Klamotten sind die Läden, in denen man sie kaufen kann. Virtuose Fingerübungen von sagenhaften brasilianischen Architekten sind das, kostbare Schreine aus Beton, schmal und zerbrechlich. Denn die Grundstücke in der Innenstadt sind pervers teuer. Deshalb stehen auch die Wohnhochhäuser mit den Schultern zur Straße wie Menschen in einer Warteschlange und schauen aus kurzer Distanz dem Vordermann auf den Rücken.

Bis heute werden die Häuser mit klaren Rückseiten gebaut. Hinten ist in jeder Wohnung der Oberschicht das Reich der Dienstmädchen. Dort arbeiten und schlafen sie, wenn sie nicht gerade für die ersten sexuellen Erfahrungen der Söhne des Hauses herhalten müssen, damit diese dann ihren standesgemäßen Freundinnen beim ersten mal entsprechend abgeklärt beiwohnen können.

Diskriminierung im Fahrstuhl

Meist sind diese Dienstmädchen dunkel. Seit aber einmal die Tochter eines einflussreichen schwarzen Politikers von einem Concierge in den Lieferantenlift gescheucht wurde, müssen die Herrschaften ihre Aufzüge mit andersfarbigen Menschen teilen. Es gibt nun überall kleine Messingschilder, die Diskriminierung im Fahrstuhl verbieten. Immerhin, bei dem Empfang im Crown Plaza steht eine bleiche Schönheit herum, die jedesmal pflichtbewusst lächelt, wenn der Farbige neben ihr, der halb so groß ist aber doppelt so alt, ein Witzchen macht. Man kennt sowas aus Brasilien ja eher umgedreht.

Eine Hoffnung für die Menschen der Nacht

Der Empfang war der letzte Versuch, Marta Suplicy vielleicht doch noch zu treffen. Es hieß, sie tauche häufig bei "gesellschaftlichen Veranstaltungen" auf. Sie ist zwar in der Arbeiterpartei, gehört aber zu einer der reichsten Familien des Landes. Deshalb hat sie selbst in Wirtschaftskreisen einen gewissen Rückhalt. So halten - wenigstens vorläufig noch - sowohl das Establishment als auch die Armen große Stücke auf sie. Zusätzlich ruhen noch die Hoffnungen all der Menschen der Nacht auf ihr. Die Hoffnungen der Schwulen und Lesben, die Hoffnungen der Mädchen, die nach der Schicht in die Love-Story tanzen, auf der Suche nach einem gut bezahlten Bett für den Rest der Nacht.

Irgendwann wird es auch in São Paulo hell genug, um heim zu gehen. Der Taxifahrer hat einen schönen Namen: Richter. Leider sieht er aus wie Frank Zander. Seine Vorfahren haben ihm ansonsten als deutsches Erbe noch einen Bleifuß mitgegeben. Er biegt mit 150 in die Avenida Schaumann. Ayrton Senna, murmeln seine Kunden angstvoll anerkennend. Da sieht er glücklich aus. Vielleicht verehren sie diesen tragischen Gott der Geschwindigkeit hier so sehr, weil die Stadt stets kurz vorm Kollaps und Stillstand steht. Vielleicht ist deshalb Marta als biblische Bürgin einer Vita Activa gerade richtig. Alles andere würde hier auch keinen Segen bringen.

INFORMATIONEN

Varig fliegt von Frankfurt aus täglich und von München aus dreimal wöchentlich nach São Paulo. Preis ab 1544 Mark. Informationen unter Telefon: 0180/333 43 53 oder im Internet unter: varig.com.br. Die Lufthansa fliegt täglich ab Frankfurt nach Sao Paulo. Preis: ab 1525 Mark. Informationen unter Tel. 0180/380 38 03 oder im Internet bei lufthansa.com