Brasilien Vom Dschungel besiegt

Fünf Stunden geht es den Fluss hoch, bis Fordlândia erreicht ist.

(Foto: Andreas Harbath/mauritius images)

Der Autobauer Henry Ford wollte ein amerikanisches Kleinstadt-Idyll in den brasilianischen Regenwald setzen. Das ging nicht lange gut - schuld war auch der Haferbrei.

Von Tom Noga

Wie man nach Fordlândia kommt? Pierre Schwarz grinst. Drei Möglichkeiten: Erstens mit dem Auto. "Aber jetzt ist Regenzeit, das kannst du also vergessen, ein großer Teil der Strecke ist nicht asphaltiert." Zweitens per Linienschiff, auf einem dieser typischen Amazonasdampfer aus Holz. "Das dauert zwischen 15 und 17 Stunden." Schließlich das Schnellboot. "Damit bis du schon in fünf Stunden da."

Der Weg nach Fordlândia, das wird bereits in Santarém klar, der Hafenstadt an der Mündung des Rio Tapajós in den Amazonas, ist nicht kurz. Aber lohnend. Denn Fordlândia hätte eine Metropole werden sollen und ist heute eine Geisterstadt mitten im Regenwald. Ein Ort, an dem nach heutigem Wert 370 Millionen Dollar versenkt wurden. Und ein Beispiel US-amerikanischer Großmannssucht.

Pierre Schwarz kennt die Fahrpläne der Schiffe und Schnellboote, er arbeitet als Reiseleiter. Er sitzt auf einem Poller im Hafen von Santarém. In der Hand einen Cafezinho, eine Art gesüßten Espresso. Der Hafen von Santarém besteht aus ein paar Dutzend Anlegern, die sich entlang der Uferstraße erstrecken. Schiffe werden beladen. Die größeren, indem Lastwagen über rostige Rampen hinaufsetzen, die kleineren von Hand. Hafenarbeiter schultern Säcke: Reis und Mehl, Haushaltsgeräte und Elektronik. Während die Passagiere in den Hängematten auf dem Unterdeck vor sich hin dösen.

Das Einzige, was an einen modernen Hafen erinnert, ist ein Frachtterminal mit vier gewaltigen Silos. "Soja", sagt Pierre. Knapp die Hälfte der weltweiten Sojaproduktion kommt aus Brasilien. Ein Großteil davon wird aus Santarém verschifft, dem nördlichsten Hafen Brasiliens, der von Containerschiffen angelaufen werden kann. Was heute Soja ist, war um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Kautschuk, gewonnen aus dem Milchsaft des gleichnamigen Baumes. Dieser Kautschuk interessierte den amerikanischen Autobauer Henry Ford, denn daraus wurden Reifen hergestellt. Weil der Kautschukbaum nur im Amazonasbecken vorkam, besaß Brasilien lange ein Monopol - und manche Städte wurden sagenhaft reich. Henry Ford befand: Das soll nicht so bleiben. Der Unternehmer hatte 1920 in seinen Fabriken das Fließband eingeführt und damit das Auto zum Massenprodukt gemacht. Warum sollte er den Brasilianern so viel Geld bezahlen, wenn er genauso gut selbst in die Kautschukproduktion einsteigen konnte?

Das Schnellboot nach Fordlândia passiert den kleinen Ort Alter do Chão. Palmdächer ragen aus dem Wasser. In der Trockenzeit dienen sie als Sonnenschutz. Dann liegen die Sandbänke im Rio Tapajós frei - ein beliebtes Ziel für Rucksackreisende aus aller Welt. Hinter Alter do Chão endet die von Menschen bewohnte Welt. So weit das Auge reicht: grün. Das olivfarbene Wasser des Rio Tapajós. Und das leuchtende Grün des Regenwaldes: undurchdringlich und geheimnisvoll. Darüber ein azurblauer Himmel, der sich immer wieder verdunkelt, von violett zu pechschwarz, und dann seine Schleusen öffnet.

Auch Henry Fords Emissäre haben Mitte der 1920er-Jahre diesen Weg genommen, auf ihrer Suche nach geeignetem Land. Der Kautschuk-Boom in Brasilien war zu jener Zeit aber schon vorbei. Weil der englische Naturforscher Henry Wickham Samen des Baumes außer Landes geschmuggelt hatte. Mit diesen Samen zog vor allem das Vereinigte Königreich Kautschukplantagen in seinen Kolonien in Südostasien auf. Die Plantagen lagen in der Nähe internationaler Häfen, was die Transportkosten verringerte. Vor allem aber konnten die Bäume in engen Reihen gepflanzt werden, weil es keine Insekten und Pilze gab, die sich von ihnen ernährten.

Schemenhaft erscheint am Horizont ein Gebilde. Ellipsenförmig und auf vier Stelzen ruhend, überragt es den Regenwald. Ein Wasserturm, wie er für amerikanische Kleinstädte üblich ist. Er muss einmal hellblau gewesen sein, aber die Farbe ist verblichen. Ebenso die Inschrift, der verschnörkelte Namenszug "Ford", das Logo der Automarke. An der Anlegestelle wartet Guilherme Lisboa. Ihm gehört die Pousada Americana, ein Gasthof. "Seit zehn Jahren. Und von Jahr zu Jahr läuft's besser. Weil Fordlândia immer bekannter wird."

Auf den ersten Blick ist Fordlândia ein Dorf, wie man es häufig findet im Amazonasbecken: verschlafen, mit rostroten, unbefestigte Straßen, bunten kleinen Häusern, die meisten einstöckig, und einer ockerfarbenen Kirche, die auf einem Hügel thront. Nur die Lagerhallen passen nicht ins Bild. Eine steht an der Anlegestelle, die zweite im Schilf am Rio Tapajós, die dritte hinter der Kirche. Verlassen, die Scheiben blind oder eingeschlagen. Wie Industriedenkmäler. Am Fuß des Hügels ein terrassierter Platz. Darauf Skulpturen: ein Jaguar in Originalgröße. Und ein Seringueiro, ein Kautschukzapfer, der die Rinde eines Baumes anschneidet, einen Topf am Gürtel, um die Milch aufzufangen.

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"Das war die klassische Art, Kautschuk zu gewinnen", erläutert Guilherme. "In der freien Natur wachsen die Bäume im Schatten anderer, zum Schutz vor Insekten und Pilzen. Die Seringueiros schlugen Schneisen in den Urwald, von Baum zu Baum." Henry Fords Ansatz war radikaler: Er ließ den Urwald komplett abholzen - eine Fläche, die dem Bundesland Thüringen entspricht. Mit dem Verkauf des Holzes, so das Kalkül, würde sich Fordlândia selbst finanzieren. Eine der vielen Fehleinschätzungen des Autobauers aus Michigan. Das Holz verrottete. Niemand wusste, wie man es in diesem feuchtwarmen Klima trocknen konnte.

Die Straßen in Fordlândia sind schachbrettartig angelegt und gesäumt von kleinen Häusern. Dazwischen gackernde Hühner, grasende Kühe und Schweine, die sich im Schlamm suhlen. Hier haben die Arbeiter mit ihren Familien gelebt; in den Dreißigerjahren waren es 5000 Menschen. Bilder von damals zeigen am Reißbrett entworfene Einförmigkeit: ein Haus wie das andere, die Vorgärten manikürt und die Straßen mit breiten Gehwegen. Ein amerikanisches Kleinstadt-Idyll. Die Ford'schen Arbeitersiedlungen aus Michigan exportiert in den brasilianischen Dschungel - das war seine Vision. Dahinter steckte ein typisch amerikanischer Gedanke: dass der American Way of Life nicht nur per se der beste sei, sondern auch überall auf der Welt willkommen.

Im Zentrum der Siedlung eine Grundschule. Mit Fußballplatz, Basketballfeld und Turnhalle. Erbaut im Jahr 1931. Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden. Die Kinder toben durch die Gänge. Mittendrin Gelsonita Bareta, eine der Lehrerinnen. An einer Wand das Bild eines hageren, streng blickenden Mannes. "Das ist Henry Ford. Dieses Bild ist das einzige, das übrig geblieben ist."