Reisebuch:Kunstwerk Korsika

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Die Insel ist für ihre Wildheit und das klare Wasser, aber auch für die engen Bergstraßen und manch schöne Kirche bekannt. (Foto: DK Verlag/Thibaut Dini)

Die Insel ist bekannt für wilde Natur, klares Wasser und eigenwillige Menschen - ein Porträt in Bildern.

Rezension von Stefan Fischer

Die Dinge liegen nie so einfach, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. Auch auf Korsika nicht. Zwar ist das Bild von eigenwilligen Insulanern, denen ihre Unabhängigkeit über alles geht, sicherlich nicht falsch. Und dass sich die Eigenarten der Korsen durch die Insellage herausgebildet haben, stimmt wohl ebenfalls.

Nur ist es gerade nicht eine Abschottung vom festländischen Europa, die Korsika und seine Bevölkerung seit jeher prägt, sondern vielmehr ein steter, immer wieder wechselnder äußerer Einfluss, der die Insel zu dem gemacht hat, was sie aktuell ist. Aus kontinentalperspektivischer Sicht mag sie am Rand liegen. Doch Korsika ist seit mehr als zwei Jahrtausenden ein Drehkreuz im Mittelmeer, wichtig für Händler und Strategen. Und damit auch ein Umschlagplatz für kulturellen Austausch.

Die roten Felsen gehören besonders an der Westküste Korsikas zum spektakulären Landschaftsbild. (Foto: DK Verlag/Thibaut Dini)

Die Autorin Laura Benedetti sowie die Fotografen Thibaut Dini und Philippe Santini geben davon in ihrem Reisebildband "Korsika" ein knappes, gutes Bild. Auch wenn Benedettis Texte ziemlich oberflächlich und gerne auch schwärmerisch sind, vieles also eher nur angetippt als tatsächlich dargelegt wird: Immer wieder kommt sie auf zentrale Themen zu sprechen, die verdeutlichen, dass man auf Korsika einerseits keinesfalls alles über einen Kamm scheren kann. Und die Insel andererseits auch weiterhin einem steten Wandel unterworfen ist, die Dinge also nirgends so sind, wie sie immer schon waren.

Als Korsika den Genuesern lästig wurde, haben diese die Insel an Frankreich verkauft

Es gab Invasionen und Rückeroberungen in der Geschichte Korsikas. Bereits Phönizier, Karthager und Etrusker landeten hier an, der strategischen Bedeutung wegen und aufgrund von Rohstoffen. Später kamen die Römer, dann der Kirchenstaat und die Stadtstaaten Pisa sowie Genua. 1755 wurde, einmal mehr, die staatliche Unabhängigkeit ausgerufen, Korsika gab sich eine demokratische, aufgeklärte Verfassung. Woraufhin die Seerepublik Genua die Insel an das absolutistische Frankreich verkaufte, dessen Armee die korsischen Einwohner schlug. Kurz mischte noch England mit. Im Prinzip aber ist Korsika seit mehr als 250 Jahren französisch.

Die sogenannten Amerikanerhäuser, erbaut von aus Lateinamerika zurückgekehrten einstigen Auswanderern, haben mit der architektonischen Tradition Korsikas gebrochen. Inzwischen gelten sie selbst als typisch vor allem für das Cap Corse im Norden. (Foto: Thibaut Dini/DK Verlag)

Aber was heißt das schon? Mindestens ein Viertel der Korsen spricht weiterhin eine eigene Sprache - das Korsische zählt zu den italoromanischen Sprachen und weist eine größere Nähe zum toskanischen Italienisch auf als zum Französischen oder Provencalischen. Wobei es im Korsischen wiederum vier unterschiedliche Dialekte gibt, also auch da keine Einheitlichkeit. Und was die Auflehnung gegen die Genuesen im 18. Jahrhundert betrifft: Die Provinz Balagne im Nordwesten der Insel spielte dabei eine wichtige Rolle. Jedoch deren größte Stadt Calvi stand den Genuesen treu zur Seite.

Mitunter sind die Dinge vertrackt. Sehr schön kann man das auch an den sogenannten Amerikanerhäusern auf Cap Corse sehen, der Halbinsel im Norden Korsikas. Sie wurden errichten von Korsen, die nach Südamerika ausgewandert, dort reich geworden und schließlich in die Heimat zurückgekehrt sind. Herrensitze, die, so schreibt Laura Benedetti, einen Bruch mit der architektonischen Tradition dargestellt hätten - inzwischen aber längst selbst typisch sind.

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Die Auswanderung vieler Korsen nach Lateinamerika hatte auch Auswirkungen auf die Landwirtschaft der Insel. Vor 200 Jahren habe sich der Anbau von Zitronatzitronen zum wichtigsten Agrarzweig entwickelt, so Benedetti, entsprechend sei der Anbau von Getreide, Wein und Oliven zurückgegangen. Ende des 19. Jahrhunderts schließlich sei Korsika der führende Produzent dieser dickschaligen Zitronen gewesen, noch vor Italien und Griechenland. Irgendwann jedoch habe Puerto Rico diese Rolle übernommen und Korsika den Rang abgelaufen. Die Produzenten in der Karibik: ausgewanderte Korsen.

Geschichten wie diese, dazu Anekdoten und kurze Porträts bemerkenswerter Korsen stecken das Feld ab, in dem sich die Fotografen Thibaut Dini und Philippe Santini bewegen. Sie suchen nach dem Charakteristischen der Natur- genauso wie der Kulturlandschaften sowie der dörflichen und städtischen Architektur. Sie haben sich für diesen Band gegen Glanzpapier entschieden, ihre ohnehin tendenziell grobkörnigen Fotografien bekommen durch das rauere Papier eine griffigere Struktur, auch etwas mehr Patina.

Menschen stehen darauf eher selten im Mittelpunkt. Die beiden Fotografen rücken die tendenziell schroffe, häufig faszinierende Landschaft ins Zentrum, die eine attraktive Kulisse bildet für das heterogene Bild, das sich schlussendlich formt in diesem Buch.

Laura Benedetti, Thibaut Dini, Philippe Santini : Korsika. Eine Augenreise. Aus dem Französischen von Barbara Rusch. Dorling Kindersley Verlag, München 2022. 256 Seiten, 29,95 Euro.

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