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Bildband "Dolomites - Visual Dualism":Schwarz und weiß, monumental und winzig

Die Outdoor-Fotografie ist gefangen im Strudel des Spektakulären. Peter Mathis hat sich daraus befreit - und die Dolomiten aus einer ganz besonderen Perspektive eingefangen.

9 Bilder

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Berge und See

Quelle: Peter Mathis

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Die Outdoor-Fotografie ist gefangen im Strudel des Spektakulären. Peter Mathis hat sich daraus befreit - und die Dolomiten aus einer ganz besonderen Perspektive eingefangen.

Höher, weiter, waghalsiger. Das ist das Credo, dem Outdoor-Fotografen verpflichtet sind. Immer verrückter werden die Situationen, in die sie sich begeben: Sie seilen sich mit Stelzen an den Beinen von Klippen ab, hängen kopfüber aus Helikoptern, springen Basejumpern hinterher - das alles ist Teil ihres Arbeitsalltags geworden, um an das beste, das überraschendste, das spektakulärste Bild zu kommen, an die eine Aufnahme, die noch Aufmerksamkeit zu erregen vermag. Die hohen Erwartungen eines sensationsheischenden Publikums, dessen Sehgewohnheiten sie selbst prägten, lassen den Bildermachern keine Ruhe mehr.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Bäume und Haus im Schnee

Quelle: Peter Mathis

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Deswegen ist es im Grunde nicht verwunderlich, wenn sich manche Fotografen ausklinken aus diesem Strudel des Spektakulären und einen ganz neuen Blickwinkel einnehmen auf das Draußen, in dem sie sich schon so lange bewegen. So wie der Österreicher Peter Mathis. 23 Jahre lang war er als Outdoor- und Sportfotograf unterwegs, hat in Schweden den Titel eines Hasselblad Masters verliehen bekommen und in Belgien die Auszeichnung zum Master of European Photography. Und irgendwann war es dann genug.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Skifahrer

Quelle: Peter Mathis

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Seit 2009 spielt die Landschaft selbst die Hauptrolle in Mathis' Bildern, und nicht mehr, was der Mensch in der Landschaft anstellt. Menschen kommen deshalb kaum noch vor bei ihm, und wenn, dann nur als Beiwerk. Dazu hat er sich auf die Schwarz-Weiß-Fotografie spezialisiert, um noch konsequenter auf die Landschaft zu fokussieren. Er entzieht ihr auch noch jenes gewinnende, verführerische Strahlen, das beispielsweise mit den Farben eines sonnigen Wintermorgens einhergeht.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Dolomiten

Quelle: Peter Mathis

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Seine Bilder sollen jetzt anders sein. Jede Art von Effekthascherei werde ganz bewusst vermieden, heißt es im Klappentext seines aktuellen Bandes Dolomites - das genaue Gegenteil also von der typischen Outdoor-Fotografie, in der es doch vor allem um den Effekt geht.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Felsspalten

Quelle: Peter Mathis

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Der Untertitel Visual Dualism verweist auf Mathis' Suche nach visuellen Gegensatzpaaren wie Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Linien und Flächen, Schwarz und Weiß. So nähert sich Peter Mathis einem Gebirge, dessen Felsnadeln zu den wohl am meisten abgebildeten Orten der Welt gehören. Und er findet durch seinen angewandten Dualismus Blickwinkel auf die Dolomiten, die man mit bloßem Auge kaum wahrnehmen kann.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Felsgrat

Quelle: Peter Mathis

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Das Ergebnis sind Bilder von Bergen, die teils monumentalen Charakter haben, aber vor allem durch streng ausgetüftelte Perspektiven bestechen. Übereinandergestapelte Felsschichten in der Brentagruppe oder Gratlinien, die aus dichtem Nebel ragen, gewinnen in Peter Mathis' bedachter Darstellung eine Wucht, die auch in der Reduzierung begründet ist. Im Verzicht auf Farben, durch die Konzentration auf das Wesentliche - die eine Linie, die eine besondere Form - reduziert sich die Komplexität des Dargestellten für den Betrachter, dessen Sinne sich in der Folge schärfen für winzigste Details.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism schneebedeckte Blumen

Quelle: Peter Mathis

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Mathis fängt kleine, von Eis überzogene Blumen ein, die einzeln aus dem Schnee ragen, Sprünge in Felsplatten, die ein ganz eigenes Muster bilden, oder Eiszapfen auf dem San-Pellegrino-Pass: schwarzer Hintergrund, weißes Eis, in der Form an Tierpfoten erinnernd. Eine ganze Doppelseite nehmen diese Zapfen ein, ein Naturphänomen, an dem der Wanderer oft genug achtlos vorbeigeht. Mathis nicht.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Berge Schnee

Quelle: Peter Mathis

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Den Bildern sind mehrere Texte beigefügt, von Kunsthistorikern, Grafikern, Naturwissenschaftlern, auch der Kletterer Alexander Huber ist unter den Autoren. Er vergleicht die Wirkung des Schattens in den Nordwänden der Drei Zinnen mit dem Effekt des reduzierten Farbspektrums, das Mathis abbildet. Schatten wie Reduktion ermöglichten erst die Wahrnehmung des monumentalen Gebirges in seinen Einzelheiten, schreibt er.

Peter Mathis Dolomites Visual Dualism Wolken über den Bergen

Quelle: Peter Mathis

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Nicht minder spektakulär sind Mathis' Blicke auf Wetterphänomene. Er fängt dramatische Wolkentürme und Föhnsturmfahnen ein, spektakulär beleuchtet von einer stechenden, durchbrechenden Sonne. Es ist vorstellbar, wie viel Zeit Mathis für derartige Bilder in den Bergen zugebracht haben muss, wie lange er gewartet haben muss, bis die Wolken und das Licht genau die Linien malten, die er sehen wollte. Gewiss noch länger, als er einst mit der Kamera im Anschlag auf den perfekten Sprung seiner Skiprotagonisten lauerte. Das Ergebnis ist für den Deutschen Fotobuchpreis 2013 nominiert.

Peter Mathis: Dolomites - Visual Dualism. Fenk-Art Publishing, Hohenems 2012. 108 Seiten, 69,90 Euro.

© SZ vom 28.02.2013/cag

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