Bewusst reisen Ausflug ins Grüne

Die Klimaschutz-Debatte beherrscht die Internationale Tourismusbörse: Öko-Tourismus belebt das Geschäft.

Von Titus Arnu

Das Berliner Messegelände ist verkehrstechnisch gut angebunden. Man erreicht es per S-Bahn, U-Bahn, Bus und notfalls auch mit dem Taxi. Als ob das nicht völlig ausreichen würde, hat die Fluggesellschaft Germanwings zur Internationalen Tourismusbörse (ITB) einen "Heli-Shuttle" eingerichtet. Ein Hubschrauber transportiert Messebesucher, die es besonders eilig haben, für 50 Euro pro Person in sechs Minuten vom Flughafen Schönefeld zur Messe. Hauptthema dort: Umweltfreundliches Reisen.

Geld aus dem Tourismus fließt in Costa Rica in den Schutz bedrohter Arten, z.B. des Papiliu-Schmetterlings.

(Foto: Foto: Reuters)

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos wählte bei der Eröffnung der ITB lieber ein anderes Transportmittel. Er setzte sich am Indien-Stand auf eine Fahrradrikscha und tat so, als würde er sich abstrampeln. Für die Tourismusbranche. Für Indien. Für den Klimaschutz.

Glos weiß natürlich, dass Bilder von einem Minister auf einem emissionsfreien Fahrzeug prima zur derzeitigen Debatte um den Klimaschutz passen.

Eigentlich sollte Indien in diesem Jahr das Hauptthema der ITB sein. Doch die Diskussion um CO2-Ausstoß, Kerosinsteuer und Billig-Airlines beherrscht die weltweit größte Messe der Tourismusindustrie. Wirtschaftsminister Glos warnte auf der ITB zwar davor, den "hart arbeitenden Deutschen" die Lust am Reisen zu vermiesen.

Die Branche stellt sich dennoch auf einen Umbruch ein. Umweltfreundliches Reisen ist plötzlich sehr modern. Öko-Tourismus - das klang bis vor kurzem noch nach Müsli, Birkenstockschuhen, Zelten im Schwarzwald und verschwitzten Norwegerpullis. Nun wandelt sich das Image des umweltfreundlichen Reisens.

Es entstehen Öko-Hotels im modernen Design. Gefragt sind Studienreisen zu bedrohten Tierarten, Urlaub bei Wiederaufforstungs-Projekten in Südamerika und Sozial-Workshops in Afrika. Mehr und mehr Kunden wollen lieber umweltverträglich in intakter Umgebung Urlaub machen als möglichst billig in einem Massenhotel am Strand. Hollywoodstars wie Angelina Jolie und Brad Pitt latschen in Gesundheitssandalen in Haiti herum, um Öko- und Sozialprojekte zu unterstützen und ein bisschen Urlaub zu machen. "Grün ist schick," schwärmt Chris Thompson vom britischen Reiseveranstalterverband FTO.

Viele Touristikunternehmen setzen seit Jahren von sich aus auf die Öko-Schiene. In Großbritannien gehören bereits 76 Prozent aller Reiseveranstalter der Initiative Travelife an, deren Mitglieder sich zu ökologischen und sozialen Standards verpflichten. In Holland haben sich die zwölf größten Reiseveranstalter Travelife angeschlossen und beherrschen 60 Prozent des Marktes. Travelife-Mitglieder verpflichten sich zum Beispiel, wenig Wasser und Energie zu verbrauchen, kein Heli-Skiing und keine Reisen in die Antarktis anzubieten.

Ökologische und ökonomische Vorteile durch Tourismus

In Deutschland haben sich Unternehmen wie Studiosus oder Ökoreiseverbände wie Forum Anders Reisen (FAR) längst freiwillig zu "nachhaltigem" Tourismus verpflichtet. Der Ökojargonausdruck bedeutet, dass die Tourismusziele nicht ausgebeutet werden, sondern dass sie im Gegenteil ökologische und ökonomische Vorteile aus dem Fremdenverkehr ziehen. Deshalb ist Rolf Pfeifer, Geschäftsführer des Öko-Verbandes FAR auch dagegen, Fernreisen aus ökologischen Gründen einzustellen und lieber in Deutschland Urlaub zu propagieren, wie es Bundesumweltminister Sigmar Gabriel angeregt hat. "Das kann man nicht komplett kappen", sagt Rolf Pfeifer.

Natürlich wirkt es erst einmal absurd, wenn deutsche Gutmenschen sich zehn Stunden in den Flieger setzen, um beim Wiederaufforsten des Dschungels in Brasilien zu helfen. Aber in vielen Regionen, die vom Tourismus leben, würde die Umwelt sogar leiden, wenn die Touristen und somit die Devisen ausbleiben.

Die "Projektreisen" von FAR setzen gezielt auf die Förderung von Naturreservaten und Sozialprojekten. Der Veranstalter America Andina bietet zum Beispiel eine zweiwöchige Reise nach Nicaragua zu Kakaoanbau- und Kulturprojekten an, die Firma Travel to Nature organisiert Regenwald-Reisen nach Costa Rica und Guatemala.

Das ist gut und schön, aber das Problem ist immer die Anreise. "Wo es geht, sollte man umweltverträgliche Transportmittel verwenden," sagt Klaus Dietsch von Studiosus Reisen. Bei Fernreisen ist das Flugzeug in der Regel unverzichtbar. Immer mehr Reisende erleichtern ihr Klimagewissen deshalb bei Atmosfair. Die gemeinnützige Gesellschaft sammelt Spenden, deren Höhe nach Flugdistanz und CO2-Ausstoß gestaffelt ist und investiert das Geld in Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern. In den vergangenen Wochen seien die Atmosfair-Buchungen von 20 auf 500 pro Tag gestiegen, sagt Rolf Pfeifer von FAR.

Aber selbst Umweltexperten wie Pfeifer warnen davor, das Flugzeug zum Klima-Sündenbock zu machen. Denn nur ein Drittel aller Urlaube sind Flugreisen, und der gesamte Luftverkehr ist nur mit drei Prozent am Gesamtausstoß der weltweiten Emissionen beteiligt. "Ganzheitlicher Tourismus ist auch bei Fernreisen möglich," sagt selbst Peter Zimmer vom Deutschen Reiseverband (DRV).

Wie es scheint, ist die Tourismusindustrie also gar nicht so undankbar über die Umweltschutz-Debatte. Auch Naut Kusters vom Europäischen Zentrum für Öko- und Agrotourismus in Amsterdam meint: "Umweltschutz ist ein gutes Verkaufsargument."