Betrunkene auf russischen Flügen:Rabauken der Lüfte

An Aeroflot Sukhoi Super Jet 100 jet liner lands at Moscow's Sheremetyevo airport

"Wenn sie ein paar Jahre nicht nach Manchester zum Fußball reisen können, dann wird das seine Wirkung haben", begründet Jewgenij Tarlo, Mitglied im Föderationsrat, den Gesetzesentwurf.

(Foto: REUTERS)

In russischen Flugzeugen geht es heiß her: Mal wird im Rausch die Kabinentür geöffnet, um frische Luft zu schnappen, mal bringen beschwipste Fußballfans die Maschine ins Schaukeln. Nun will die Regierung gegen randalierende Passagiere vorgehen.

Von Julian Hans, Moskau

Der Flieger der russischen Chartergesellschaft I Fly hatte bereits zwölf Stunden Verspätung, als die Passagiere am Moskauer Flughafen Domodjedowo endlich zu ihrem Gate gerufen wurden. Sie wollten für ein paar Tage dem Frost entkommen und das neue Jahr im ägyptischen Badeort Hurghada begrüßen.

Weil es einigen der Touristen mit dem Aufwärmen nicht schnell genug gehen konnte, hatten sie schon im Terminal vorgeglüht. Es muss diese Mischung aus Ungeduld, Alkohol und Wut über die Verspätung gewesen sein, die im Gedränge beim Einsteigen zündete und eine Massenschlägerei auslöste. Ängstlich verkrochen sich die Flugbegleiter in ihrer Kabine und schlossen die Tür ab.

Der Zwischenfall aus dem vergangenen Winter ist nur einer von vielen, bei denen Betrunkene an Bord russischer Flugzeuge randaliert haben. Fliegende Rabauken will der russische Gesetzgeber nun auf eine schwarze Liste setzen. Für Trunkenheit droht ein halbes Jahr Flugverbot, wer dabei auch noch ausfällig wird, soll bis zu zwei Jahre lang kein Ticket mehr bekommen. So sieht es ein Gesetzentwurf vor, den Jewgenij Tarlo, Mitglied im Föderationsrat, dem Oberhaus des russischen Parlaments, in Kürze auf den Weg bringen will.

Tarlo warnt vor den Gefahren, die entstehen, wenn, wie erst vergangene Woche, eine Frau auf dem Flug von Moskau nach Hongkong versucht, im Rausch die Kabinentüre zu öffnen, um frische Luft zu schnappen; oder wenn beschwipste Fußballfans ein Flugzeug ins Schaukeln bringen. Er setzt auf Abschreckung: "Wenn sie ein paar Jahre nicht nach Manchester zum Fußball reisen können, dann wird das seine Wirkung haben", sagte er der Zeitung Iswestija.

Mit herkömmlichen Gesetzen ist dem Problem offenbar nicht beizukommen. Einem Geschäftsmann aus Saratow, der im Januar an Bord einer Maschine einen Steward verprügelte, einem Passagier die Nase brach und versuchte, den Piloten zur Landung an seinem Wunschziel zu zwingen, wird gerade wegen versuchter Flugzeugentführung der Prozess gemacht.

Dennoch findet der Vorschlag nicht nur Zustimmung. Der stellvertretende Vorsitzende des Verkehrsausschusses in der Duma, Wladimir Gridin, erklärte, es würde schon genügen, den Ausschank von Alkohol an Flughäfen zu verbieten oder Betrunkene nicht mehr an Bord zu lassen. Ein Abgeordneter der Partei LDPR gab zu bedenken, dass es in Russland viele abgelegene Orte gibt, die nur mit dem Flugzeug zu erreichen seien. Wenn man den Menschen dort die Möglichkeit zum Fliegen nehme, verletze man ihr in der Verfassung verbürgtes Recht auf Freizügigkeit.

Der Milliardär Alexander Lebedew, der bis vor Kurzem einen großen Teil der Aeroflot-Aktien besaß, gibt dem Projekt dagegen gute Chancen. "In Russland befördern etwa zehn Fluggesellschaften den größten Teil der Passagiere", sagte Lebedew der Iswestija. Mit Rücksicht auf ihr Personal würden die eine schwarze Liste sicher unterstützen. Bei seinem Temperament könnte Lebedew allerdings leicht selbst auf einer Liste landen. Im Sommer hatte ein Gericht den Milliardär zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt, weil er in einer Talkshow eine Schlägerei angefangen hatte.

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