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Bernina-Express in Graubünden:Lieblingsdorf der "Pufferküsser"

Menschen aus aller Welt zieht es nach Filisur in Graubünden. Ihr Ziel: Züge gucken. Und auch die Einheimischen werden vom "Trainspotter-Virus" infiziert.

Klaus Pfeffer hat Ferien, aber gerade ist er im Stress. Minuten nur noch, bis sich sein Hauptdarsteller am Set blicken lässt; noch einmal prüft Pfeffer Schärfe, Belichtung und Bildausschnitt. 77 Jahre ist er alt, Drehbuchautor, Kamera- und Tonmann in einem. Er zuckt, als sich ein dumpfes Grollen nähert: "Jetzt muss ich mich konzentrieren."

Von der Schweiz nach Italien

Im Bernina-Express über die Alpen

Auftritt Bernina-Express, Bahnhof Filisur, Gleis eins, Klappe, die erste.

Filisur, knapp 500 Einwohner auf halber Strecke zwischen Chur und St. Moritz, ist ein Pufferküsser-Nest. So nennt mancher Schweizer die Eisenbahnliebhaber, die sich fotografierend und filmend an den Gleisen positionieren. Menschen mit geschultertem Stativ, klobiger Kamera vor der Brust und Zugfahrplan in der Hand. Der taktet statt Sonnenaufgang und erstem Hahnenschrei das Leben im Ort. Kein Marktplatz, sondern der Bahnhof ist das Herz von Filisur.

2008 hat die Unesco ein Stück der Albula- und Berninalinie der Rhätischen Bahn zum Weltkulturerbe erhoben - eine Auszeichnung, die sonst nur noch der österreichischen Semmeringbahn und der Darjeeling-Bahn in Indien zuteil wurde. Filisur, direkt an der 122 Kilometer langen Strecke von Thusis nach Tirano gelegen, ist seitdem Bahntouristen aus der ganzen Welt ein Begriff. In naher Umgebung überwindet die Bahn Viadukte, schlängelt sich durch Kehrtunnel hindurch und an steilen Felswänden entlang.

Für Trainspotter ist der Ort daher ein idealer Ausgangspunkt für Erkundungstouren: An einem Tag wandern sie oberhalb der Trasse durch wilde Schluchten Richtung Davos Wiesen; am nächsten fahren sie mit einem Panoramazug durch die Schweizer Alpen bis nach St. Moritz.

"Die Leute kommen aus Amerika, Kanada, ja sogar Australien hierher", sagt Anna Uffer. Die 52-Jährige führt gemeinsam mit ihrem Mann Reto ein Hotel mit Namen Grischuna, Bahnhofsgegend, keine fünf Meter von den Gleisen entfernt. Bestlage. Näher kann man dem Glacier- oder Bernina-Express nun wirklich kaum sein. Am beliebtesten sind die Balkonzimmer zur Trasse, Nordseite, aber um Sonne geht es ja nicht.

Einer, der seit 1989 Urlaub im Grischuna macht, ist Manfred Luckmann. Gut 300 Kilometer von Filisur entfernt wohnt er in einer Dachgeschosswohnung im Münchner Westen - doch in Gedanken ist der 61-Jährige jeden Tag in dem Schweizer Dorf. In seiner Wohnung hängen Drucke der roten Bahnen, 25.000 Dias, schätzt Luckmann, lagern zudem im Schrank. Schmalspurbahnen wie die Rhätische Bahn sind selten, deshalb faszinieren sie Menschen wie Luckmann besonders.

"Da ist jeder Zug eine eigene Komposition", sagt er. Mit vier Jahren bekam Luckmann eine Modelleisenbahn, heute teilt er sich mit zwei Bekannten eine riesige Anlage: 30 Meter Strecke, Bahnhöfe, Kehrschleife und ein Rangierbahnhof als Parkplatz für die Züge, allesamt, versteht sich, Rhätische Bahn. Am liebsten bastele er kleine Idyllen: ein Bauer, der vor seinem Traktor steht, Vater und Sohn auf Bahnurlaub. Manfred Luckmann sagt: "Man schafft sich seine eigene heile Welt." Klein-Graubünden für daheim.

Als ihm die Bastelei nicht mehr reichte, kam dem Informatiker eine Idee: Während eines Urlaubs montierte er auf einem Balkon des Grischuna eine Webcam, per Computer blickt er seither regelmäßig ein paar Minuten lang nach Filisur. Mit ihm besuchen täglich mehr als tausend Menschen die Internetseite. Ab und an sieht man dort, wie Angelo di Caro über die Gleise vor Filisur stapft, einen Mann, der dafür sorgt, dass die Welt der Schienen heil bleibt.

St Moritz, Schweiz

Jetset auf dem Berg