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Touristen in Berlin:Mit der Greifzange Gutes tun

  • Eine Berliner Firma bietet für Touristen Touren an, bei denen sie nicht nur etwas über die Geschichte der Stadt lernen, sondern auch im Mauerpark oder im Görlitzer Park Müll einsammeln.
  • Das Projekt passt in einen größeren Trend: Touristen wollen heute nicht mehr nur Sehenswürdigkeiten abklappern, sie wollen auch am Alltagsleben einer Stadt teilhaben.

Die Kronkorken sind ein Problem. Sie treten sich fest, legen sich wie ein Blechteppich auf der Erde. Caroline Sullivan pickt mit einer hölzernen Zange danach. Ihr Mann Matt hält einen blauen Müllsack, in dem die Flaschenverschlüsse verschwinden, beide tragen orange Westen, auf denen groß "Kehrenbürger" steht.

Die Australier, 58 und 57 Jahre alt, sind für eine Woche in Berlin und haben sich für den ersten Tag eine Beschäftigung ausgesucht, die zunächst wenig nach Urlaub klingt. Sie sammeln Müll im Berliner Mauerpark. "Zu Hause wohnen wir direkt am Strand", erzählt Caroline Sullivan. "Da sammeln wir auch oft Müll auf."

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Es ist ein neues Angebot: Erst bekommen Besucher eine Tour rund um die Gedenkstätte Berliner Mauer, dann räumen sie auf. Vier Gruppen sind am ersten Tag der Aktion unterwegs, zwei spanische, eine englische und eine deutsche. Die Firma Sandemans, der Anbieter der Touren, lässt schon seit ein paar Jahren Touristen in Städten wie Edinburgh, Barcelona oder Dublin Parks putzen. Das Angebot erscheint erst einmal skurril, dann aber wie eine logische Drehung, die ein sich rasch veränderter Tourismus nimmt.

Touristen wollen heute nicht mehr nur Sehenswürdigkeiten abklappern, sie wollen auch am Alltagsleben einer Stadt teilhaben. In Berlin bedeutet das: Sie bevorzugen Altbauwohnungen in lebendigen Kiezen anstelle von Hotels, wollen nicht nur das Regierungsviertel sehen, sondern auch die kleinen Cafés, Kneipen und Boutiquen in Kreuzberg, sie wollen im Mauerpark oder im Görlitzer Park abhängen und abends vielleicht auch in den angesagten Clubs feiern.

Wie in vielen anderen Städten hat das nicht nur positive Folgen. Die Bewohner der beliebten Stadtviertel klagen über knappen Wohnraum (wegen der Airbnb-Apartments, gegen die Berlin bisher vergeblich ankämpft), lärmende Partytouristen, die ihren Müll überall herumliegen lassen und sich in Hauseingänge erbrechen, und überhaupt über zu viele Menschen, die sich in ihren Alltag drängen: Overtourism ist das Schlagwort. Und auch wenn Berlin von Zuständen in Venedig oder Dubrovnik weit entfernt ist - der Ruf des Touristen hat schon gelitten in den vergangenen Jahren.

Und hier kommt dann die Müllaktion ins Spiel. "Wir finden das einen guten Weg, wie Touristen der Stadt, die sie besuchen, etwas zurückgeben können", sagt Sandemans-Chef David O'Kelly. Neben ihm steht Rona Tietje, Wirtschaftsstadträtin des Berliner Bezirks Pankow, der die Tour in Zusammenarbeit mit Sandemans veranstaltet. Ihr ist es wichtig zu betonen, dass das Bild des rücksichtslosen Partytouristen vielen Besuchern unrecht tut. Die meisten Touristen in Berlin seien nach wie vor Kulturtouristen. Und: "Man kommt ja als Tourist nicht, um den Anwohnern auf die Nerven zu gehen, sondern weil man eine Stadt mag." Deswegen hofft sie, mit ihrer Aktion ein positives Signal setzen zu können.

Niemand scheint übermäßig von Weltrettungsgedanken beseelt

Es ist vor allem dieses Signal, um das es geht, und weniger der Zustand des Parks. Der sieht nämlich am Montagnachmittag einwandfrei aus, er wird ja professionell gereinigt. Höchstens ein paar Dosen finden die Müllsammler. Wenn nicht die festgetretenen Kronkorken wären, derer sich jetzt eben die Touristen annehmen. Etwa 70 Menschen picken in den orangen Warnwesten Müll vom Boden auf, durchaus beachtlich bei 32 Grad Hitze. Warum aber tun sie das? "Warum nicht?", fragt Caroline Sullivan zurück. Das ist sinngemäß die häufigste Antwort, die die Müllsammler auf diese Frage geben. Anders als jene Touristen, die in Thailand oder Costa Rica Schildkröten retten, scheint hier niemand übermäßig von Weltrettungsgedanken beseelt zu sein. Es geht ihnen schlicht um Höflichkeit und gutes Benehmen. "Wenn das jeder machen würde, dann würde es überall besser aussehen", sagt Caroline Sullivan.

Es ist nur die logische Fortsetzung des Gedankens, dass ein Tourist heute eher Gast im alltäglichen Leben sein will als nur ein zahlender Besucher, der von außen drauf guckt. Wer irgendwo zu Gast ist, der räumt ja auch den Tisch mit ab. Und lässt nicht wie im Restaurant seinen Teller stehen, in der Gewissheit, dass ihn jemand anderer wegbringt und spült.

Diese Form der Rücksichtnahme wünscht sich Rona Tietje auch von ihren eigenen Mitbürgern. "Es ist ja nicht so, als würden nur Touristen Müll machen", sagt sie. Das kann nur bestätigen, wer einmal an einem Sonntagmorgen durch den von Touristen weitgehend unbeachteten Pankower Schlosspark läuft. Hier sind es die Teenager aus der Nachbarschaft, die Proseccoflaschen und Fastfood-Verpackungen liegenlassen. Die Aktion "Kehrenbürger", auf die die Warnwesten der Müllsammler im Mauerpark hinweisen, spricht in Berlin daher immer und überall Freiwillige an, die Parks, Spielplätze oder Straßen aufräumen wollen. Wenn nun auch Touristen eingebunden werden, dann könne das eine Gelegenheit sein, sich zu begegnen - und vielleicht ein paar Vorurteile abzubauen, hofft Tietje.

In der Tat sind auch einige Berliner zum Müllsammeln gekommen. Zum Beispiel Johannes Reichhold, 22 Jahre. Er ist in Berlin aufgewachsen, studiert inzwischen in Kiel und ist für die Semesterferien hier. Er saß zufällig mit einer Freundin im Mauerpark, als sich die Gruppe am Eingang zum Müllsammeln traf. "In Kiel gibt es auch oft Aktionen, gemeinsam den Strand aufzuräumen", sagt Reichhold. "Da gibt es immer Freibier hinterher." Freibier wird hier nicht ausgeschenkt, aber immerhin ein Gratis-Picknick nach dem Aufräumen. Ja, warum nicht?

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