Bergsteigerdörfer in den Alpen Klein, fein - aber weiterhin arm?

Als erster Ort in Südtirol zählt Matsch zu den Bergsteigerdörfern, die sich durch naturnahen Tourismus auszeichnen. Was sich das Dorf davon erhofft.

Von Dominik Prantl

Die Wahrheit treibt im Internet bekanntermaßen gerne ein Versteckspiel; in der Online-Enzyklopädie Wikipedia findet man sie beispielsweise häufiger am Seitenrand. Der Eintrag über das bekannte Bergdorf Zermatt wird dort in 47 Übersetzungen angeboten, unter anderem Albanisch, Sizilianisch und Schottisch. Das fast ebenso bekannte Bergdorf Ischgl schafft es immerhin noch auf 27 Sprachen.

Die Wikipedia-Seite über das kleine Bergdorf Matsch gibt es nur auf Deutsch. Die Seite wurde, Stand 9. August, seit fast zwei Jahren nicht aktualisiert.

Dabei ist in dem Südtiroler Ort mit seinen 460 Einwohnern zuletzt einiges passiert. Matsch ist nicht mehr nur Bergdorf. Es ist seit Ende Juli offiziell ein Bergsteigerdorf, ein Begriff, mit dem die Alpenvereine touristisch nachhaltig wirtschaftende Alpenorte in bergsteigerisch reizvoller Umgebung auszeichnen.

Im Falle von Matsch ist dies schon auf den ersten Blick verständlich. Mit seinem typischen Ortsbild gilt es als einer dieser Sehnsuchtsorte in den Bergen, die viel Romantik bieten, und touristisch doch noch nicht so richtig von dieser Romantik profitieren. Das Dorf liegt abseits der großen Verkehrsschneisen an einem südostwärts ausgerichteten Hang des Matschertals im Vinschgau. Es gibt keine Lifte, keine touristischen Großprojekte, keine Kempinski-Hotels, dafür die typisch südtirolerischen Bewässerungswege namens Waale, terrassierte Bergwiesen und im Rücken die zum Teil noch eisgekrönten Ötztaler Alpen mit der gewaltigen Weißkugel als Sehnsuchtsziel mancher Bergsteiger.

Und weil so ein Bergsteigerdorf-Titel mindestens Wikipedia-würdig ist, gab es zur Ernennung auch ein ordentliches Fest, mit allem, was bei solchen Anlässen dazu gehört: Ortsrundgang, Blaskapelle, Tombola und Reden von diversen Amtsinhabern über sanfte Entwicklung und unberührte Talschaften. So eine Bergsteigerdorf-Ernennung ist ja immer auch ein wenig Tourismus-Politik, vor allem dann, wenn es auch um das große Ziel einer grenzübergreifenden Kooperation geht.

Denn Matsch dient als erstes Südtiroler Bergsteigerdorf auch als Symbol dafür, wie sich die 2008 von Österreichischen Alpenverein (ÖAV) als Gegenbewegung zum Massentourismus gestartete Initiative von der romantischen Idee langsam zu einem alpenweiten Netzwerk entwickelt. Nachdem das Bergsteigerdörfer-Projekt vor knapp zwei Jahren bereits nach Ramsau in Deutschland expandierte und dort heuer mit Schleching und Sachrang ausgedehnt wurde, folgt nun die Süderweiterung. Nächstes Jahr wird mit Jezersko das erste slowenische Mitglied in den mittlerweile - je nach Zählweise - 23 bis 26 Orte umfassenden Zirkel aufgenommen. "Zudem werden weitere Dörfer in Südtirol folgen", verspricht Georg Simeoni, Präsident des Südtiroler Alpenvereins (AVS) zwischen Tombola und Blaskapelle, ohne klare Kandidaten nennen zu wollen.

Einer wie Peter Haßlacher verfolgt derartige Feste und Festreden jedenfalls mit einem wohlwollenden Nicken und einem breiten Grinsen. Haßlacher leitete mehr als drei Jahrzehnte die Fachabteilung Raumplanung und Naturschutz im ÖAV und ist heute Vorsitzender der internationalen Alpenschutzkommission Cipra in Österreich. Von ihm stammt die Idee der Bergsteigerdörfer. Ihm geht es bei dem Aspekt der Nachhaltigkeit, diesem inflationär gebrauchten und langsam an Kontur verlierenden Begriff, nicht nur um den grünen Gedanken.

Durchhalten für den Umweltschutz

Es geht ihm auch um die Geschichte des Bergsteigens als Erbe der Alpen, und zwar in all seinen Facetten, von Südfrankreich bis Ostslowenien. Haßlacher sagt: "Für mich waren die Bergsteigerdörfer schon immer eine internationale Angelegenheit. Ich bin mir auch sicher, dass es sie eines Tages alpenweit geben wird." Allerdings habe er in all seiner Zeit als das ökologische Gewissen des Alpenvereins feststellen müssen "wie wenig man in so vielen Jahren an großen, schönen Geschichten durchbringt. Gerade im Umweltschutz." Deshalb erhofft er sich von den Alpenvereinen bei dem Projekt vor allem eines: Durchhaltevermögen.

Denn die Bergsteigerdörfer sind, gerade durch ihren grenzübergreifenden Charakter, eine große schöne Geschichte, nicht nur für Haßlacher. Fritz Rasp, Geschäftsführer der Tourist-Information Ramsau bei Berchtesgaden meint beispielsweise, dass die Identifikation innerhalb der Gemeinde stärker geworden sei, seitdem Ramsau im Klub der nachhaltigen Alpendörfer mitmachen darf. "Es ist ein Bewusstwerden: Wo stehen wir eigentlich?" Abgesehen davon gebe es "einen stärkeren Diskurs über Bergsteigerthemen". Nur ist für ihn auch klar, dass 75 bis 80 Prozent der Gäste gar nicht wüssten, was ein Bergsteigerdorf ist. "Man kann daraus keine touristische Vermarktungsstrategie machen."

"Arm, dafür aber Bergsteigerdorf? Nein, danke"

Tatsächlich ist die Antwort auf die Frage, was das Bergsteigerdorf-Logo am Ortseingang jenseits des Innenmarketings wirklich bringt, noch offen. Zuverlässige Zahlen sind kaum erhältlich, auch deshalb, weil die Gästestatistiken der kleinen Ortschaften oft in den Bilanzen und der Maßnahmenfülle größerer Gemeinden untergehen. Kritiker sehen in der Initiative eher ein Sammelbecken der Abgehängten, die für Wikipedia beinahe zu klein sind, aber doch zu groß, um sie einfach zu ignorieren. Einige äußern auch den Vorwurf, dass die strengen Auflagen in Umweltfragen eine touristische Entwicklung möglicherweise sogar hemmen könnten.

SZ-Karte/Maps4News.com/©HERE

(Foto: SZ-Karte/Maps4News.com/©HERE)

Die mit Alpinhistorie reich gesegnete Ortschaft Kals am Großglockner wurde der Bergsteigerdorf-Status im Jahr 2012 sogar aberkannt, nachdem dort das Familienunternehmen Schultz mit einer Skigebietsverbindung und der 490-Betten-Unterkunft Gradonna Mountain Resort zwei Großprojekte innerhalb weniger Jahre verwirklichte. Seitdem ist in Kals öfter die Aussage zu hören, man habe es nicht nötig, ein Bergsteigerdorf zu sein, wenn die Voraussetzung dafür Armut ist. Dabei wirkt es in der Diskussion häufig so, als gebe es nur zwei miteinander unvereinbare Wege: intakte Natur. Oder knallharter Kommerz.

In Matsch hat man sich ziemlich klar entschieden - wobei mit dem eingeschlagenen Weg auch wirtschaftliche Hoffnungen verbunden sind. Bislang gibt es in und um Matsch etwas mehr als 200 Gästebetten, davon allein rund 70 auf der Oberetteshütte. Deren Wirtin Karin Heinisch hat nicht nur im Blick, dass sich Matsch als Bergsteigerdorf "dahin entwickelt, wie es viele von uns gerne hätten". Sie freut sich auch über ganz banale ökonomische Effekte: "Es ist gute Werbung für wenig Geld." Schon zum Auftakt bekennen sich 14 sogenannte Partnerbetriebe zur Philosophie der Bergsteigerdörfer, wohl auch deshalb, weil sie nur einen eher symbolischen Geldbetrag beisteuern müssen.

Zwei Drittel der Finanzierung stammen von AVS und Land, was ein wenig anders ist als in Österreich, wo die Gemeinden bislang von einem Fördertopf des zuständigen Bundesministeriums profitierten. Auch gelobt Matschs Bürgermeister Ulrich Veith, ein "braves Kind" in der neuen Familie abzugeben, macht aber keinen Hehl aus seinem Wunsch: "Wir können mehr Tourismus vertragen." Man will nicht nur dabei sein, sondern auch was davon haben.

Wohin Matsch steuert? Zumindest haben sich die Abrufzahlen auf Wikipedia im Vergleich zum Juni schon einmal vervierfacht, von etwa vier auf durchschnittlich 16 Seitenaufrufe täglich.

Es wird wohl Zeit für ein Update.

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